Berlin 1936
Hitler hofiert und täuscht zu den Olympischen Spielen

Im Sommer 1936 steht Berlin ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Zehntausende strömen in die deutsche Hauptstadt, die die Nationalsozialisten in diesen sechzehn Tagen als weltoffene Metropole präsentieren wollen: Adolf Hitler (Mitte) bei der Eröffnung der XI. Olympischen Spiele am 1. August 1936 in Berlin. Anwesend waren auch Rudolf Heß (zweiter von links), Joseph Goebbels (achter von links), Hermann Göring (neunter von links) und Leni Riefenstahl (rechts) an der Kamera. Bild: dpa
 
Verstärkerzentrale für die Lautsprecheranlage in den Katakomben des Berliner Olympiastadions, 1936. Bilder: © SDTB / Historisches Archiv (2)
 
Die Telefunken-Fernsehkamera beim Einsatz während der Olympischen Spiele 1936. Hinter der Kamera der junge Walter Bruch, der spätere Erfinder des deutschen Farbfernsehsystems PAL.

Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Brasilien lohnt ein Blick 80 Jahre zurück. Die Spiele 1936 in Berlin waren ein großes Sportfest und ein ebensolches Propagandaspektakel. Sie boten Hitler die Gelegenheit, die Welt im großen Stil zu täuschen. Das Buch "Berlin 1936" beleuchtet jene 16 Tage im August.

Von Wilfried Mommert, dpa

Hitler ist schon seit Jahren an der Macht und dennoch sind die Schilder "Juden verboten" aus dem Straßenbild verschwunden. Sein rassistisches Hetzblatt "Der Stürmer" darf nur als "Bückware" verkauft werden. Statt des Horst-Wessel-Liedes klingen freche Swing-Töne durch die Reichshauptstadt. Und überhaupt sollen "die Neger nicht in ihren Empfindlichkeiten getroffen werden", heißt es in einer der täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz an die gleichgeschalteten Medien im Dritten Reich während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Nazi-Deutschland mit Hitler an der Spitze, das ein Jahr zuvor die Wehrpflicht eingeführt und im März 1936 vertragswidrig ins Rheinland einmarschiert ist, will sich als weltoffenes und tolerantes Land präsentieren. Wie das im Alltag und hinter den Kulissen aussah, schildert der Historiker Oliver Hilmes in seinem Buch "Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August" (Siedler Verlag).

Der Autor, der unter anderem schon mit einem viel beachteten Buch über Cosima Wagner hervorgetreten ist ("Herrin des Hügels"), wählt hier eine tagebuchartige Form für die 16 olympischen Tage vor 80 Jahren in Berlin. Er mischt gründliche Archivrecherchen mit fiktiven Elementen, um den Bericht eines "Augenzeugen" und damit für den Leser quasi ein "hautnahes" Erleben zu suggerieren.

Zu seinen Protagonisten gehören natürlich die Naziführer wie Goebbels, Göring und Hitler, der täglich im Olympiastadion erscheint und dabei sogar einmal eine "Kuss-Attacke" einer amerikanischen Hitler-Verehrerin unter Ausnutzung einer erstaunlichen Lücke im Sicherheitsapparat über sich ergehen lassen muss. Aber Hilmes begleitet auch den US-amerikanischen Schriftsteller und Berlin-Besucher Thomas Wolfe ("Schau heimwärts, Engel"), der mit dem jungen Verlegersohn Heinrich ("Heinz") Rowohlt durch die Lokale und die Berliner Gesellschaft zieht.


___ Sehr gespenstisch
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Auch der damals schon erfolgreiche und lebenshungrige Schauspieler Hubert ("Hubsi") von Meyerinck ist für Hilmes ein Führer durch das Berliner Nachtleben mit seinen legendären Restaurants wie dem "Horcher", in dem auch NS-Größen verkehren, oder dem Delphi-Palast mit dem "Swing- und Jazz-König" Teddy Stauffer, der nach dem Krieg in Acapulco zum Partykönig und Liebling der Hollywood-Stars avancieren sollte. Dabei hatten die Nazis erst 1935 ein Verbot des "Nigger-Jazz für Sendungen aller Art" im Rundfunk erlassen. Aber während der Olympischen Spiele herrscht in mancher Beziehung Ausnahmezustand - mit einer gespenstischen Doppelbödigkeit, wie Hilmes detailliert in Erinnerung ruft.

Während die "Scala"-Revue "Herrliche Welt des Scheins" die Olympiabesucher zur abendlichen Abwechslung anlockt und die NS-Größen pompöse Staatsempfänge im Schloss Charlottenburg, in der Staatsoper Unter den Linden, im Pergamonmuseum und auf der Pfaueninsel in der Havel mit gigantischem Feuerwerk geben, roden Häftlinge bei Sachsenhausen/Oranienburg nördlich von Berlin den Wald für ein künftiges Konzentrationslager. Und zwei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele werden 600 Sinti und Roma in ein "Zigeunerlager" im Berliner Bezirk Marzahn unter unmenschlichen hygienischen Zuständen zusammengetrieben, direkt an den Rieselfeldern mit den Abwässern der Millionenmetropole. Im Juni hatten die Nazis einen Erlass "zur Bekämpfung der Zigeunerplage" herausgegeben.


___ "Ich in Höchstform"
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Zu den zahlreichen, im Anhang aufgeführten Quellen des Autors gehören neben damaligen Zeitungsberichten und anderen Aufzeichnungen und Erinnerungen auch die Tagebücher des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels aus jenen Tagen. Zum Staatsempfang in der Berliner Oper notiert er: "Göring und ich sprechen. Jeder 3 Minuten. Ich in Höchstform."

In seiner Rede liefert Goebbels ein Beispiel seiner propagandistisch-demagogischen Fähigkeiten ab: "Wir wollen uns kennen und schätzen lernen und dadurch eine Brücke bauen, auf der die Völker Europas sich verständigen können." Dazu heißt es in seinem Tagebuch etwas wahrheitsgetreuer: "Eine große Propagandatat." Von Hitler selbst übrigens werden die Eröffnungsformel im Olympiastadion die einzigen Worte sein, die er in diesen historischen Augusttagen in der Öffentlichkeit sprechen wird.

Das Regime hat ansonsten alles aufgeboten, um nicht nur einen reibungslosen Ablauf der Spiele zu sichern, die von Leni Riefenstahl, laut Goebbels "eine hysterische Frau", in einem pathetischen Film mit einem gigantischen Aufwand dokumentiert werden. Die Berliner Verkehrsbetriebe befördern in 20 Tagen 62 Millionen Fahrgäste.

Vor allem wollen die Nationalsozialisten die Besucher aus aller Welt beeindrucken. Dazu gehört neben dem hier erstmals veranstalteten Fackellauf (den es in der Antike nicht gegeben hat) auch das Auftrumpfen eines reichen Kultur- und Nachtlebens, das noch einmal an die wilden 20er Jahre erinnert, bevor später die eiserne Hand einer "Reichskulturkammer" durchgreifen und für "deutsch-nationale Sauberkeit" sorgen soll.

Kein Geringerer als Richard Strauss, der sich für Sport nicht die Bohne interessiert, komponiert und leitet die "Olympische Hymne" im Stadion "für die Proleten", wie er an Stefan Zweig schreibt. Während der fast 250 Meter lange Zeppelin "Hindenburg", laut Hilmes eines der größten jemals gebauten Luftfahrzeuge, über dem Olympiastadion kreist, erklingen neben dem "Meistersinger"-Vorspiel von Richard Wagner auch "Les Préludes" von Franz Liszt, jenes Musikstück, das später im Zweiten Weltkrieg stets die "Sondermeldungen" des "Großdeutschen Rundfunks" ankündigte.

Die XI. Olympischen Spiele in Berlin gehen, auch sportlich, als Spiele der Rekorde in die Geschichte ein. Historiker bewerten sie später als Konsolidierung der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und auch gegenüber dem Ausland. Nur wenige Wochen später beginnt in Nürnberg, wieder mit Albert Speers gigantischen "Lichtdomen" illuminiert, der Reichsparteitag der NSDAP, auf dem im Vorjahr die "Rassengesetze" beschlossen worden waren.

ServiceAusstellung: "Technik für Hitlers Olympia. Die Spiele von 1936 als Testfeld neuer Medien". Bis 3. Oktober.

Ort: Deutsches Technikmuseum, Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin-Kreuzberg .

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 9- 17.30 Uhr, Samstag/ Sonntag/Feiertage: 10 - 18 Uhr.

Kontakt: Telefon: 030/90 254-0.

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Weitere Informationen:

/www.sdtb.de

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