Das sah wohl nur Billie Holiday selbst so - Heute wäre die Jazz-Ikone 100 Jahre alt geworden
"Meine Stimme ist ein einziges Chaos"

Die legendäre amerikanische Jazzsängerin Billie Holiday während ihres Auftritts in der Hamburger Ernst-Merck-Halle im Jahr 1954. Bild: Rohwedder
Millionen Menschen auf der ganzen Welt lieben und bewundern Billie Holiday für ihre unverwechselbare Stimme - doch die Jazz-Sängerin selbst blieb bis zuletzt bescheiden. "Ach, ich und meine alte Stimme, die geht doch nur ein bisschen hoch und ein bisschen runter", sagte sie einmal während einer auf Band aufgezeichneten Probe. "Sie ist nicht authentisch, ich habe keine authentische Stimme. Meine Stimme ist ein einziges Chaos."

Holiday war ein Weltstar und doch war sie wohl nur selten fröhlich, zu viel Leid hatte sie erlebt und zu sehr kämpfte sie bis zuletzt mit der Drogensucht. Heute ist ihr 100. Geburtstag. Sie starb jedoch schon 1959 im Alter von nur 44 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus. Alkohol und Heroin hatten die zierliche Frau völlig ausgezehrt und ihre Leber zerstört. "Geliebte Ehefrau Billie Holiday" steht auf ihrem hellen Grabstein im New Yorker Stadtteil Bronx.

Schon der Beginn des Lebens der Jazz-Königin war schwierig. Als Eleonora Fagan wird Holiday am 7. April 1915 in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland geboren. Ihre Eltern sind noch sehr jung, und Holiday wächst meist bei Verwandten in extremer Armut auf. Eine Cousine misshandelt, ein Nachbar vergewaltigt sie. Schließlich wird Holiday in ein Erziehungsheim eingewiesen und dort erneut misshandelt.

Holiday entkommt und schlägt sich in Baltimore als Putzfrau und Prostituierte durch. Auf dem Plattenspieler im Bordell hört sie erstmals Jazz und Blues von Musik-Legenden wie Louis Armstrong und Bessie Smith. Später zieht sie mit ihrer Mutter in den New Yorker Stadtteil Harlem. Dort zieht Holiday durch Clubs und Cafés und bettelt verzweifelt um einen Job. Für ein paar Dollar die Woche fängt sie schließlich als Sängerin in dem Nachtclub "Jerry Preston's Log Cabin" an. Aus dem Vornamen ihrer Lieblingsschauspielerin Billie Dove und dem Nachnamen ihres Vaters bastelt sie sich ihren Künstlernamen.

Zufällig kommt eines Abends 1933 der Jazz-Experte John Hammonds in dem Nachtclub vorbei und holt sie für Aufnahmen mit Benny Goodman ins Studio. Holiday hat den Durchbruch geschafft: Mehr als 350 Platten nimmt die Pionierin des Jazzgesangs in den kommenden Jahren auf, tourt mit Musikern wie Count Basie und Artie Shaw und prägt den Swing-Gesang mit ihren Improvisationen.

Die schöne Afro-Amerikanerin wird unter dem Spitznamen "Lady Day" zum Star im legendären Harlemer Apollo-Theater und auf den Bühnen der Welt. Doch der scharfe Rassismus in den USA der 1940-er Jahre trifft Holiday schwer. In renommierten Auftrittssälen wie der Carnegie Hall oder der Metropolitan Opera jubelt ihr das weiße Publikum zu, herein aber darf die Sängerin nur durch den Hintereingang. Als ihr der schwarze Dichter Lewis Allen "Strange Fruit", eine leidenschaftliche Anklage gegen die Lynchjustiz im Süden der USA widmet, schreibt Holiday die Melodie dazu. Das Lied wird Holidays größter Plattenerfolg. Auch auf Europa-Tournee wird sie gefeiert.

Aber Holiday rutscht immer tiefer in den Kampf gegen Drogen und Alkohol. Ihre Stimme wird brüchiger, ihre Ehe mit dem Trompeter Joe Guy geht auseinander. 1957 heiratet sie noch einmal, doch gesundheitlich geht es ihr immer schlechter. Wenige Tage vor ihrem Tod wird sie zum wiederholten Mal wegen Drogenbesitzes festgenommen, die Polizisten begleiten sie bis ins Krankenhaus. An ihre Beine hat Holiday 15 50-Dollar-Scheine geklebt, für ihr Begräbnis. Auf ihrem Konto sollen da nur noch wenige Cents gewesen sein.
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