David Bowie gestorben
Abschied vom "Starman"

"Chamäleon des Rock": In den Jahren 1973, 1987 und 2015 (von links) wechselte der Künstler David Bowie immer wieder seinen Stil. Bilder: dpa (2), Kimmy King
 
"Chamäleon des Rock": In den Jahren 1973, 1987 und 2015 (von links) wechselte der Künstler David Bowie immer wieder seinen Stil. Bilder: dpa (2), Kimmy King
 
"Chamäleon des Rock": In den Jahren 1973, 1987 und 2015 (von links) wechselte der Künstler David Bowie immer wieder seinen Stil. Bilder: dpa (2), Kimmy King

Das Jahr 2015 endete für leidenschaftliche Anhänger von Rock-Musik schlimm, denn am 28. Dezember erlag Lemmy "Motörhead" Kilmister, dem Krebs. Das Jahr 2016 beginnt für leidenschaftliche Anhänger von Rock-Musik nicht minder tragisch.

New York. Am 10. Januar ist Großmeister David Bowie, gerade mal ein Jahr jünger als Kilmister, an derselben heimtückischen Krankheit, die er 18 Monate lang hartnäckig bekämpft hatte, ebenfalls verstorben. Der Mann aus dem Londoner Stadtteil Brixton mit dem bürgerlichen Namen David Robert Jones, geboren am 8. Januar 1947, seit Jahrzehnten in New York zu Hause, war der Chef-Exzentriker des Show-Biz. Ein Mann der vielen Rollen, der sich nahezu mit jedem Album neu erfand.

Und das, obwohl er sich in einem Interview zu Beginn der 90er Jahre, gerade mal Anfang 40, zu folgendem Statement hinreißen ließ: "Mir geht's heutzutage nicht mehr darum, halb ausgegorene Ideen als neuesten Trend zu verkaufen und damit die Leute verrückt zu machen. Die Zeiten des jugendlichen Übermuts sind vorbei." Was natürlich Unsinn war, der selbst ernannte "Thin White Duke", seit 1992 mit dem somalischen Model Iman Abdulmajid verheiratet, war das Paradebeispiel des Dauer-Kreativen, dem es diebische Freude bereitete, in jeder von ihm kreierten Figur komplett aufzugehen.

Androgyner Dandy


"Ziggy Stardust", Bowies Anfang der 70er Jahre ins Leben gerufenes, promiskuitives, von Drogenexzessen gezeichnetes Rockstar-Alter-Ego, war die berühmteste Inkarnation des schillernden Glamourösen. Aber auch als androgyner Außerirdischer im Film "Der Mann, der vom Himmel fiel" (1975) oder als mit sexueller Mehrdeutigkeit kokett spielender Dandy in seinen "Berlin-Jahren" zwischen 1976-1979 war der zeit seines Daseins schmale Mann absolut überzeugend.

Dennoch war Bowie spätestens seit der Eheschließung mit Iman des Rufs als Groupie-Vernascher (angeblich beiderlei Geschlechts) und ausgemergelter Kokain-Junkie müde. Bereits im Gespräch 1992 verriet er: "Heutzutage spiele ich Rock-Musik nicht mehr aus dem Grund, Frauen flachzulegen, Drogen zu schlucken oder mein Ego so weit als möglich raushängen zu lassen. Das habe ich alles wirklich hinter mir. Meine Frau Iman ist mir mehr als genug, mein einziger Exzess." Und auch für seine spirituellen Grenzerfahrungen wie etwa das Therapie-Studium des tibetanischen Buddhismus, das Bowie in seiner Jugendzeit mit großem Eifer absolvierte, hatte er zu Beginn der 90er lediglich ein schalkhaftes Grinsen übrig: "Mit 19 war ich für ungefähr fünfzehn Minuten Buddhist", lachte er damals, "aber das konnte nicht gutgehen, ich war viel zu unsicher und unreif, um mich auch nur zum Geringsten überzeugend bekennen zu können. Heutzutage weiß ich, dass die einzige spirituelle Kraft, die etwas mit mir zu tun hat, in mir selbst steckt. Jeden Tag lege ich mehr von dieser Energie bloß, dadurch fühle ich mich jeden Tag freier. Mit dieser Erkenntnis lebe ich äußerst angenehm. Und ich denke, nur das ist es, was wirklich zählt."

900 Millionen Euro reich


Gut 140 Millionen Tonträger hat David Bowie im Laufe seiner knapp ein halbes Jahrhundert dauernden Künstlerkarriere unteres Volk gebracht, mit einem geschätzten Vermögen von 900 Millionen Euro galt er als einer der reichsten Kreativen weltweit. Nachdem das erste namenlose Album von 1967 eher biederen Folk-Pop enthielt, nahm die Karriere des Exaltierten zwei Jahre später mit dem nächsten Werk "Space Oddity" an Fahrt auf. Es verzückte Kritiker wie Publikum, weil der junge Wilde zwar in bodenständigem Rhythm & Blues oder Soul zu Hause war, gleichzeitig mit bis dato revolutionären Stilrichtungen wie Glam oder Heavy Rock liebäugelte.

Spätestens mit dem Meilenstein "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" anno 1972 war David Bowie zum ultimativen Superstar avanciert, der sich permanent in aufsehenerregenden Images und musikalischen Stilrichtungen der Öffentlichkeit präsentierte. Auch als Schauspieler trat der Brite immer wieder auf, wenngleich dieser Teil seiner Karriere eher unspektakulär verlief: Beispielsweise als Maler-Ikone Andy Warhol in Julian Schnabels Streifen "Basquiat" oder als Kobold-König im Fantasy-Abenteuerfilm "Labyrinth".

Zu Beginn der 80er feierte Bowie, der Musiker, finanziell mit den beiden geschmeidigen, an Disco-Pop orientierten Meisterstücken "Scary Monsters" und "Let's Dance" seine größten Erfolge. Danach folgte eine Schaffenskrise, ob als Solo-Artist oder als Sänger und Gitarrist des Hard-Rock-Quartetts Tin Machine, das es auf zwei Alben brachte. Bowie war seither nie mehr so angesagt wie in der Ära zuvor, doch wurde ihm von den Medien weiterhin attestiert, dass er sich permanent neu erfindet.

"Blackstar" zum Abschied


Jüngstes Beispiel für diese Hypothese: Das aktuelle akustische Produkt des Tausendsassas, erschienen am 8. Januar, pünktlich zu seinem 69. Geburtstag, "Blackstar" betitelt. Darin näherte sich der Altmeister Stilrichtungen wie Jazz, Art-Rock oder sphärischen Klängen an, düster und melancholisch wie selten zuvor. Zwei Tage nach der Veröffentlichung twitterte sein Sohn, der Regisseur Duncan Jones: "Es tut mir leid und ich bin traurig zu sagen, dass es wahr ist: Mein Vater ist friedlich im Kreis der Familie für immer eingeschlafen."

Bowie selbst hatte bereits 1992 im Interview eine Art Nachruf auf sich selbst formuliert: "Drücken wir es so aus", meinte er damals: "Früher habe ich die Musik verwendet, um vor mir selbst zu fliehen. Heute benutze ich sie, um mich selbst zu finden. Aber letztlich - wer weiß schon, wer er wirklich ist? Ich selbst werde es vermutlich niemals erfahren in diesem merkwürdigen Dasein, das sich 'Leben' nennt. Und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig."

Weitere Informationen im Internet:

www.davidbowie.com

Angemerkt von Stefan Voit

Irgendwie wollten wir das Jahr doch gut beenden und beginnen ... hat nicht geklappt. Zuerst Lemmy, jetzt David Bowie. Schnell noch ein Album rausgehauen und sich dann verabschiedet. "Ziggy Stardust", "Major Tom", "The Thin White Duke": Wir haben ihn geliebt, verehrt, bewundert. Seine Berlin-Trilogie hat uns geprägt, seine Lieder uns berührt ...

Bowie war immer einen Tick schneller als alle anderen, erkannte die Zeichen der Zeit und setzte Akzente. Er verkörperte Glam, Rock, Jazz, Disco und elektronische Musik. Er lebte in seinen Figuren, löste sich von ihnen und tauchte in neue Sphären ab. Er war ein sich ständig wandelndes Kunstwerk.

Bowie war wegweisend für Generationen von Bands und Musikern, seine Texte große Dichtung. Wie singt er doch in "Major Tom": "I'm stepping through the door/And I'm floating in a most peculiar way/And the stars look very different today". Die Erde hat er jetzt verlassen, die Sterne werden an diesem Tag besonders hell für ihn leuchten!
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