Der Autor Ulrich Ammon befasst sich mit der Zukunft der Kommunikation
Was wird aus der deutschen Sprache?

Foto aus HUP-Import
Ulrich Ammons "Stellung der deutschen Sprache in der Welt" (79,95 Euro, Verlag de Gruyter Mouton) ist auf 1295 Seiten mit ihrem enormen Detailreichtum ein Riesenwerk. Der Sprachinteressierte findet zeitgeschichtlich bis zur Gegenwart alles, was er braucht. Der Duisburger Soziolinguist weckt in seinem Buch freilich eher keine große Zukunftserwartung für Deutsch, die wir vor 20, 50 oder 100 Jahren noch hatten.

Für viele mag das überraschend sein. Deutschland ist Europas Wirtschafts-Champion und Besitzer einer "schwarzen Null" im Haushaltsplan. Aber die deutsche Sprache verlor international ständig an Bedeutung - ironischerweise zuletzt als Folge der Einheit und des Abbaus der kommunistischen Herrschaft. Ich erinnere mich als TV-Reporter, dass wir bis Anfang der 1990er Jahre fast überall in Ostmitteleuropa, im Baltikum, ja in Gebieten Russlands oder sogar in Vietnam auf Deutsch gut kommunizieren konnten.

Heute ist das fast nur noch auf Englisch möglich. Sprache ist aber ein wichtiger Geltungs- und Machtfaktor. Der englische Soziolinguist Ronald Wardhaugh sagte dazu: "Sprachen sind wichtige Waffen im weltweiten Wettstreit um Meinungen und Macht." Und mit dem Sprachrückgang geht auch die Gestaltungsmacht der Sprachstaaten zurück. Ulrich Ammons umfassendes Buch kann man in einer kurzen Rezension nicht ausreichend besprechen, nicht einmal alle Elemente aufzählen. In den Teilen A bis G beurteilt er die in- und ausländische Stellung des Deutschen in einzelnen Sprachgebieten (Domänen), in den Kapiteln J bis L in den Medien, an Schulen und in der Sprachförderung. Diese Rezension beschränkt sich auf Deutsch in der EU und in den Vereinten Nationen (VN). Bekanntlich hat sich Bundeskanzler Adenauer noch heftig gewehrt, dass Französisch die einzige Montan- und EU-Sprache sein sollte.

Neben Französisch kam auch Deutsch als EU-Arbeitssprache zum Zuge. Mit dem Beitritt Englands 1973 waren es aber die Deutschen selbst, die auf die eigene Sprache zugunsten von Englisch verzichteten. Noch schlimmer verhielt sich Bonn in den VN. Mit dem Beitritt von BRD und DDR stand 1973 Deutsch als sechste Amtssprache an. Die notwendige Mehrheit hatte der deutsche Unterhändler Gunter Pleuger beisammen, doch die Bundesregierung wagte es nicht, den Antrag zu stellen. Pleuger sagte mir noch zehn Jahre später: "Wenn ich daran denke, geht mir immer noch das Messer in der Tasche auf."

Nach der deutschen Einheit und dem Beitritt der Ostmitteleuropäer war Deutsch noch einmal ganz nahe am Ziel. Aber die Kommission verhinderte, dass deutsche Unterhändler, selbst wenn Osteuropäer es dringend wünschten, Deutsch verwenden durften. Letztlich nahm die Bundesregierung das alles hin. Ammon lässt - obwohl Wissenschaftler - doch immer wieder durchscheinen, dass er dieses deutsche Verhalten skandalös findet.
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