Der Mann, der "Normalsein" hinterfragte

Der New Yorker Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks, aufgenommen im Oktober 1989. Bild: dpa

Schriftsteller und Forscher, Oliver Sacks war beides zugleich. Der gebürtige Brite brachte Lesern Menschen nahe, die aus dem Raster gefallen sind - und stellte zugleich die Normalität infrage. Auf sein Sterben hat er die Welt sorgfältig vorbereitet.

Es war ein angekündigter Tod. Mit überwältigender Offenheit schrieb Oliver Sacks vor kurzem über das Sterben. Der Tod sei "nicht länger ein abstraktes Konzept", schrieb er in der "New York Times", sondern "eine Gegenwart - eine allzu nahe, nicht zu verneinende Gegenwart". Am Sonntag starb Sacks in New York, wie die "New York Times" unter Berufung auf Kate Edgar, Sacks' langjährige persönliche Mitarbeiterin, berichtete.

"Kunst des Sterbens"

Anfang des Jahres hatte der Hirnforscher erfahren, dass seine Leber von Metastasen befallen war, neun Jahre, nachdem man ihm einen Tumor am Auge entfernt hatte. Seinen 82. Geburtstag am 9. Juli habe er noch "mit Stil" feiern können, schrieb er. Seinen 83. Geburtstag erlebt er - wie er erwartet hatte - nicht mehr. Der britische "Guardian" befand, Oliver Sacks habe die Menschen "die Kunst des Sterbens" gelehrt.

Sacks war blind auf dem behandelten Auge und brauchte einen Stock zum Gehen. Doch der Wissenschaftler, der Bestseller wie "Zeit des Erwachens" und "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" geschrieben hat, empfing noch im Frühjahr Patienten und gab das Schwimmen so lange nicht auf, wie es irgendwie ging.

Geboren wurde Sacks 1933 als Sohn eines jüdischen Ärztepaares in London. Er wuchs mit drei älteren Brüdern, die auch Ärzte wurden, in einem naturwissenschaftlich geprägten Haus auf. Später studierte er an verschiedenen Universitäten und machte Abschlüsse in mehreren Fachrichtungen, darunter einen Bachelor in Physiologie und Biologie sowie Medizin. Praktische Erfahrungen sammelte er unter anderem am Middlesex Krankenhaus in London, wo er sich der Neurologie zuwandte.

1960 verließ Sacks Großbritannien, um Ferien in Kanada zu machen. Doch kurz nachdem er dort angekommen war, schrieb er seinen Eltern ein Telegramm. Darin stand nur ein Wort: "Bleibe". Danach zog es ihn in die USA, zuerst nach Kalifornien, dann nach New York. Dort eröffnete er eine neurologische Praxis und arbeitete jahrzehntelang am Einstein College in der Bronx. Später war er an der New Yorker Columbia Universität tätig, wo er Seminare hielt und Patienten betreute.

Buch verfilmt

In den 1970-er Jahren begann Sacks, populärwissenschaftliche Bücher zu verfassen über Menschen, die durch eine Krankheit aus dem Raster der Gesunden gefallen sind. "Ich schreibe Überlebensgeschichten", erklärte er einmal. "Geschichten davon, wie man mit diesen Krankheiten lebt." Sein literarischer Erstling "Zeit des Erwachens" (1973), der von Opfern der "Europäischen Schlafkrankheit" handelt, wurde ein internationaler Bestseller. Das Buch wurde später mit Robin Williams und Robert De Niro verfilmt.

Im Bestseller "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" (1985) erzählte Sacks in 24 Fallgeschichten, wie wenig genügt, damit Menschen aus der vermeintlichen Normalität fallen. Erst in diesem Jahr ist seine sehr persönliche Autobiografie "On the Move" erschienen.

Hauptfiguren in seinen Büchern sind Patienten, Freunde, Familienmitglieder oder er selbst. Mit den Fallgeschichten, die witzig und einfach geschrieben sind, stellt Sacks die eigene Normalität immer wieder infrage. "Eine winzige Hirnverletzung, und wir geraten in eine andere Welt", erklärte er einst.

Privat oft einsam

Bis zur Veröffentlichung seiner Autobiografie war über das Privatleben des vielleicht bekanntesten Neurologen der Welt eher wenig bekannt. Sacks gab darin auf berührende Weise Einblick in sein langes, beruflich erfolgreiches und privat oft einsames Leben. 50 Jahre lang ging der weltberühmte Neurologe zwei Mal in der Woche zum Analytiker und bekannte dem, der das eigentlich gar nicht wissen will, 35 Jahre lang keinen Sex gehabt zu haben, um sich dann im hohen Alter von 75 Jahren in einen anderen Schriftsteller zu verlieben. Das zwingt ihn, seine "Gewohnheiten lebenslanger Einsamkeit" zu verändern, "nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte".

Eine Angst blieb Sacks bis zu seinem späten privaten Glück im hohen Alter: "Es fiel mir nicht leicht zu glauben, dass irgendjemand meinetwegen besorgt war." Der Neurologe hatte nach eigenem Bekunden immer Schwierigkeiten mit den drei "B 's": "Bonding, Belonging, Believing" (Bindung, Zugehörigkeit, Glauben). Gelegentlich habe er das Gefühl gehabt, "etwas am Leben vorbeizuleben". Die Erinnerungen sind ein ergreifendes und aufregendes Buch, das Sacks am Ende seines Lebens noch gelungen ist.
Weitere Beiträge zu den Themen: New York (630)London (844)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.