Der Nagel der Welt

Nagelkünstler Günther Uecker vor einem Werk der Reihe "Poesie mit dem Nagel" in seinem Atelier. Heute feiert der Weltenbummler aus Düsseldorf seinen 85. Geburtstag. Bild: dpa

Dank Günther Uecker hat es der Nagel, genauer gesagt der Zimmermannsnagel, in die Kunstgeschichte geschafft. Seit Jahrzehnten hämmert der gebürtige Mecklenburger die langen Metallstifte in Stühle, Klaviere und Leinwände.

Uecker malt tagebuchähnliche Seelenlandschaften aus Nägeln und nennt sie "Empfindungswerte aus der Zeit". Nägel haben etwas Brutales und Verletzendes. Bei Uecker werden sie sinnlich. Er selbst mag solche Widersprüche. Sie sind "Ausdruck der poetischen Kraft des Menschen". Heute wird der "Nagelkünstler" und prominente Vertreter der hoch im Kurs stehenden Zero-Kunst 85 Jahre alt.

Welten-Wanderer

Noch besser passt auf den 1930 in Wendorf geborenen Bauernsohn die Bezeichnung Weltkünstler. Denn Uecker ist ein Wanderer zwischen den Welten, der mit einer humanitären Friedensbotschaft um die Welt reist und in Diktaturen und totalitären Staaten ausstellen durfte. "Mit Offenheit dem zu begegnen, was mich zutiefst befremdet" - das ist die "Quelle der Inspiration".

Warum aber griff der in der DDR zum Reklamegestalter ausgebildete Uecker, der einst ein 20 Meter hohes Stalin-Bild malen musste, zum Nagel? Unterschwellig war es wohl die Erfahrung der letzten Kriegstage, als er das Haus aus Angst vor der Sowjetarmee verbarrikadierte und von innen zugenagelte, erzählte er.

Ein Kulturexport

Ob China, Russland, Ägypten, Iran, Usbekistan und kürzlich Kuba - Uecker war und ist ein Kulturexport. Aber der Mecklenburger lässt sich nicht den Mund verbieten. Er malte Aschebilder nach der Tschernobyl-Katastrophe und kämpfte für Navajo-Indianer. 1994 wurde eine Uecker-Schau in Peking abgesagt, 2007 durfte sein Zyklus aus Menschenrechtsbotschaften, "Brief an Peking", dann doch dort gezeigt werden.

Ueckers Schaffenskraft ist ungebrochen. Jeden Tag arbeitet er mit einem herzlichen Lachen in seinem Atelier in seiner Wahlheimat Düsseldorf. 1955 kam Uecker an den Rhein, er studierte an der Kunstakademie und wirkte selbst rund 20 Jahre dort als Professor. Einer der spektakulärsten Uecker-Auftritte: 1978 ritt er auf einem Kamel durch die Gänge der Akademie. 1968 "besetzte" Uecker mit Gerhard Richter die Kunsthalle Baden-Baden und beide gaben sich vor der Kamera Küsschen. Aufsehenerregende Bühnenbilder gehören zu Ueckers Werk, ebenso wie der Andachtsraum im Berliner Reichstag. Hunderte von Nägeln durchbohren dort ein Kreuz-Motiv.

Es wurde höchste Zeit, dass Uecker erstmals auch in seiner "Werk-Stadt" Düsseldorf eine Einzelausstellung bekam - Berlin ehrte ihn zu seinem 75. Geburtstag vor zehn Jahren gleich mit drei Ausstellungen. In der Kunstsammlung NRW sind zur Zeit nicht nur Ueckers Nagelreliefs zu sehen, sondern auch hochpolitische Werke wie die "Verletzungswörter".

Uecker malt Worte der Gewalt, des Tötens und des Quälens - und das Sprachgemälde wird trotzdem poetisch. Vom Image des Zero-Künstlers kommt Uecker ebenso wenig los wie von dem des Nagelkünstlers. Mit seinen Freunden Heinz Mack und Otto Piene bildete er Anfang der 1960er Jahre die nur kurz existierende Zero-Gruppe. Vor einigen Jahren setzte auf dem Kunstmarkt ein Run auf diese puristische Kunst ein. In ihrem Sog haben die Preise für Ueckers Nagelreliefs die Millionenhürde längst genommen.

Ungebrochene Kraft

Museen weltweit feiern die Zero-Kunst mit ihren Spielen aus Licht und Schatten. Vergangenen Sommer starb Otto Piene mit 86 Jahren - als erster des Zero-Dreigestirns. Ueckers Lebenskraft ist ungebrochen. "Ich hoffe, dass das Eigentliche noch nicht getan ist und mir noch bevorsteht", sagte er im Herbst bei der Eröffnung der großen Zero-Schau im New Yorker Guggenheim-Museum. Die Schau macht kurz nach seinem 85. Geburtstag in Berlin Station.

"Denken und Handeln ist eines", sagt Uecker. Der vom Zen-Buddhismus beeinflusste Künstler ist Zeit seines Lebens geerdet und zugleich auf der Suche nach Spiritualität gewesen. "Das Bild beginnt da, wo die Sprache versagt", lautet sein künstlerisches Credo. "Dazu sage ich dann kein Wort mehr."
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