Der Papst sitzt im Bus vorne

Vatikan-Journalist Andreas Englisch (Mitte) zeigt dem Weidener Buchhändler-Ehepaar Alexandra und Martin Stangl Seiten des Vatikans, die nicht jeder Tourist zu Gesicht bekommt. Bild: hfz

Wanderungen durch die Katakomben von Rom, Einblicke in den vom Vatikan praktizierten Exorzismus und Absacker in traditionellen Kneipen. Buchhändler Martin Stangl besucht die italienische Hauptstadt - mit einem ganz besonderen Reiseführer.

Vier Tage führt der Vatikan-Journalist Andreas Englisch die Gruppe durch Rom und zeigt ihnen Orte, die Touristen oft unzugänglich sind. Stangl erzählt von diesem außergewöhnlichen Erlebnis und seiner Begegnung mit dem Papst-Biographen.

Sie besuchten mit einer Reisegruppe Rom. Begleitet wurden Sie dabei von dem Vatikan-Journalisten Andreas Englisch. Wie kam der Kontakt zu ihm zustande?

Martin Stangl: Andreas Englisch bietet für Kleinstgruppen Reisen nach Rom und dort zu Plätzen an, die normalerweise nicht ohne weiteres besichtigt werden können. Es war ein Weihnachtsgeschenk meiner Frau an mich. Andreas Englisch begleitet "seine" Reisegruppe von morgens bis abends, außer es ist (auch kurzfristig) ein offizieller Termin im Pressebüro des Vatikans angesetzt.

Was hat er Ihnen gezeigt?

Stangl: Schwerpunkt waren nicht Kolosseum oder Forum, sondern Dinge und Orte, die man nicht so leicht betreten darf. Ein Höhepunkt war, dass Englisch einen Sondertermin in den Vatikanischen Museen und der Sixtinischen Kapelle anbot: Dort, wo täglich 25 000 Leute durchlaufen, waren wir um 20 Uhr alleine (9 Leute). Gänsehautfeeling, wenn man den Hall einer einzigen Stimme in der Sixtinischen Kapelle hört. Englisch erklärt nicht nur Details der wunderbaren Gemälde, sondern zeigt auch banale Sachen wie den Kaminanschluss, wo der weiße/schwarze Rauch für die Papstwahl erzeugt wird. Im Palazzo Colonna finden im Jahr zwei bis drei öffentliche Führungen statt. Andreas Englisch führte uns aufgrund der Freundschaft zu Borghese durch den Privat-Palast. Dort sieht man beinahe noch die Kaffetassenränder auf den Renaissancetischen, weil der Palast bis zum heutigen Tag bewohnt wird.

Was hat Englisch, der mit dem Vatikan vertraut ist, erzählt?

Stangl: Anekdoten von den über 100 Reisen, die er mit verschiedenen Päpsten rund um die Welt unternommen hat. Zum Beispiel die, dass Franziskus ungern mit dem Papamobil fährt, sondern viel lieber mit dem Volk und dem Bus. Da will er aber ganz vorne sitzen, weil er ja der Papst ist. Oder die: Bei einem Besuch in einer sowjetischen Republik glaubte Englisch, dass sein Bus, der im Konvoi kurz hinter dem Papst fuhr von einer Rakete angegriffen wurde, weil plötzlich das Dach des Busses weg flog und überall Glassplitter und blutende Menschen herum lagen. Fakt war, dass der Bus, der extra für den Journalistentross des Papstes aus dem westlichen Ausland organisiert worden war, für die Durchfahrt unter einer Brücke zu hoch war.

Wie bewertet er die Arbeit der Päpste?

Stangl: Von Papst Johannes Paul II. behauptet er, dass er einer der größten Päpste der Kirchengeschichte war. Von Papst Benedikt wird seiner Meinung nach lediglich das große theologische Werk und der schale Eindruck zurück bleiben, dass mächtige Kurienkardinäle auf unverantwortliche Weise diesen armen Mann Stück für Stück entmachtet haben und zum Rücktritt zwangen.

Englisch thematisiert das Thema Exorzismus, der auch heute noch von der katholischen Kirche praktiziert wird. Welche Meinung vertritt er diesbezüglich?

Stangl: Er ist fest davon überzeugt, dass es das Böse gibt. Zu Gut gehört auch Böse, zu Gott gehört auch Teufel. Er bewertet nicht, ob die kirchliche Form der Teufelsaustreibung gut oder schlecht ist. Er erklärt, dass in der amtlichen katholischen Kirche und gerade auch im Vatikan Exorzismus nach dem mittelalterlichen Rituale Romanum praktiziert wird. Viel zu langsam setzen sich die Erkenntnisse der Wissenschaft durch, dass psychische Erkrankungen von der Kirche manchmal mit Besessenheit verwechselt wird.

Welchen Eindruck haben Sie persönlich von Englisch?

Stangl: Sympathisch - ohne Dünkel, seriös, authentisch, er weiß wovon er redet. Seine zahlreichen Verbindungen und die Tatsache, dass er seit 30 Jahren als Journalist vor Ort arbeitet, machen seine Informationen seriös. Er ist im Vatikan hervorragend vernetzt und hat direkte Drähte zu allen einflussreichen Stellen. Er ist sehr erfahren, weil er drei Päpste begleitet hat und diese auch in schwierigen Situationen (Johannes Paul II in Jerusalem, Benedikt im Audimax in Regensburg) erlebt hat.

Englisch stellt am Montag sein neues Buch vor. Was erwartet die Besucher?

Stangl: Englisch ist ein begnadeter Erzähler und Journalist. Er versteht es, eine manchmal komplizierte Materie verständlich zu erklären. Er würzt seine Informationen mit Details, die nur ein Vatikaninsider haben kann. Ein Beispiel: Englisch beschreibt das Gästehaus Santa Marta, das nur kirchlichen Gästen und den Kardinälen, die zur Papstwahl berechtigt sind, vorbehalten ist. Dort wohnt Papst Franziskus. Englisch nimmt sozusagen seine Zuhörer in die Wohnung des Papstes mit und beschreibt seine kärgliche Behausung. Wir wollen doch alle wissen wie "so einer" lebt, oder?
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