Deutscher Buchpreis für Bodo Kirchhoff
Liebe, Glück, Verlust, Tod

Bodo Kirchhoff gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren des Landes. Jetzt hat der 68-Jährige für einen mit der Flüchtlingskrise verwobenen Liebesroman die wichtigste Auszeichnung in der deutschen Buchbranche erhalten.

Berlin. Er heißt nur Reither, sie hat auch einen Vornamen - Leonie -, ist aber meist "die Palm". Zwei Menschen im Herbst des Lebens, eine entflammende Liebe, eine spontane Reise - Bodo Kirchhoff erweist sich in seiner Novelle "Widerfahrnis" einmal mehr als Meister des kunstvollen Erzählens. Damit hat er jetzt den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Reither war Verleger, doch die Leute lesen nicht mehr, es gibt "mehr Schreibende als Lesende" - so hat er seinen Kleinverlag dicht gemacht und sich in ein Alpental zurückgezogen. Die Palm führte einen Hutladen, doch die Leute tragen keine Hüte mehr, "es gab für meine Hüte immer weniger Gesichter", sagt sie - auch sie ist an jenem Rückzugsort gestrandet. So kommt es, wie es kommen muss: Die beiden treffen aufeinander, und es entspinnt sich eine Liebesgeschichte, sehr bedächtig zunächst, sehr zart, in vorsichtigen Dialogen, mit vielen Zigaretten.

Eine Reise in den Süden


Noch einmal Aufbruch also für die beiden, im übertragenen Sinn, aber auch ganz wörtlich: Sie machen sich auf zu einer Reise in den Süden, nach Sizilien. Vertrautes Terrain ist das für den Italien-Kenner Bodo Kirchhoff, schon seine letzten beiden Romane "Verlangen und Melancholie" (2014) und "Die Liebe in groben Zügen" (2012) waren zu weiten Teilen dort angesiedelt.

Eine Reise in eine mögliche gemeinsame Zukunft - doch auch in die Vergangenheit: Ging Reither doch einst auf einer Italienreise eine große Liebe verloren, weil er das gemeinsame Kind abtreiben lassen wollte. Auch die Palm leidet an der Erinnerung, der Selbstmord ihrer Tochter hat sie traumatisiert.

Diese Überforderung


So ist das Flüchtlingsmädchen, das in Catania unvermittelt vor ihnen steht und das sie sich kurzerhand ins Auto laden, für die beiden wie ein Hoffnungszeichen - lässt sich verlorenes Familienleben vielleicht noch nachholen? Doch so einfach macht es Kirchhoff seinen Lesern nicht. Reither ist überfordert mit der Situation, die Konfrontation mit der rauen Gegenwart gefährdet seine individualistische Glückssuche.

Der eilige Leser ist bei Kirchhoff nicht an der richtigen Stelle, denn man braucht Geduld: Langsam, akribisch, fast wie in Zeitlupe beschreibt der Autor, was seinen Figuren widerfährt, faltet die Situationen auf, in die sie hineingeraten. Immer wieder gibt es neue Wendungen, und der Ausgang der Geschichte zeigt sich erst im letzten Satz. Bodo Kirchhoffs Novelle kreist um die großen Themen des Lebens, um Liebe, Glück, Verlust, Tod, und er zeigt sich dabei als ein kluger, altersweiser Erzähler.

Der Deutsche BuchpreisDer Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Er will den besten Roman des Jahres in deutscher Sprache küren. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dürfen Titel einreichen. Eine siebenköpfige Jury wählt zunächst 20 Titel für die Longlist aus. Später wird die Auswahl dann auf sechs Titel verkürzt. Der Sieger wird am Vorabend der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben. Der Gewinner erhält 25 000 Euro, die fünf Finalisten bekommen 2500 Euro. (dpa)
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