Deutscher Buchpreis: "Roman aus Wahn und Witz"

Autor Frank Witzel am Rande der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2015 im Römer in Frankfurt. Zum elften Mal wurde die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres vergeben. Bild: dpa

Ein Außenseiter hat mit einem Roman über die Geschichte der alten Bundesrepublik den Deutschen Buchpreis gewonnen. Frank Witzel beschreibt aus Sicht eines Teenagers aus der Provinz den kulturellen Aufbruch in den Nachkriegsjahren.

Sieg für einen Außenseiter: Franz Witzel ist am Montagabend in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichnet worden. Der Autor und Musiker erhielt die Ehrung für seinen Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969". Der Buchpreis ist mit 25 000 Euro dotiert. Er wird seit 2005 an den nach Ansicht der Jury "besten Roman in deutscher Sprache" vergeben.

Das im Matthes & Seitz Verlag erschienene Buch von Witzel handelt von einem Jungen aus der hessischen Provinz, der mit dreizehneinhalb Jahren auf der Schwelle zum Erwachsenwerden ist. Seine Geschichte ist eingewoben in das politische Erwachen der alten Bundesrepublik, die beginnt, sich vom Muff der Nachkriegszeit zu befreien.

Diese Ära des Umbruchs werde heraufbeschworen in disparaten Episoden, die unterschiedlichste literarische Formen durchspielen, vom inneren Monolog über die Action-Szene oder das Gesprächsprotokoll bis zum philosophischen Traktat, urteilte die Jury. Der Roman sei in seiner "Mischung aus Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik" einzigartig in der deutschsprachigen Literatur. Das Buch sei wie ein Tsunami, ein "genialisches Sprachkunstwerk, ein großer Steinbruch, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia".

Musikalischer Literat

Der 1955 in Wiesbaden geborene und in Offenbach lebende Frank Witzel machte eine musikalische Ausbildung am Wiesbadener Konservatorium. Schon als kleines Kind hatte er Klavier, Cello und klassische Gitarre gelernt. Mit 22 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. 2001 erschien sein Roman "Bluemoon Baby", zwei Jahre später "Revolution und Heimarbeit". Die Geschichte der Bundesrepublik dient Witzel in seinen Büchern als Spielwiese für oft groteske Einfälle und literarische Verschwörungstheorien. 2005 und 2009 legte er zusammen mit zwei Co-Autoren Gesprächsbücher über Popkultur und die deutsche Geschichte vor.

Die sieben Jurymitglieder hatten seit Ausschreibungsbeginn in diesem Frühjahr 199 Titel aus 110 Verlagen gesichtet. Aus der im August bekanntgegebenen "Longlist" mit 20 Titeln wählten die Juroren in einem zweiten Schritt sechs Titel für die "Shortlist" aus, die am 16. September veröffentlicht wurde. Nominiert waren neben Frank Witzels 800-Seiten-Werk auch die jüngsten Romane von Jenny Erpenbeck "Gehen, ging, gegangen" (Knaus-Verlag, August 2015), Rolf Lappert "Über den Winter" (Carl Hanser, August 2015), Inger-Maria Mahlke "Wie Ihr wollt" (Berlin Verlag, März 2015), Ulrich Peltzer "Das bessere Leben" (S. Fischer, Juli 2015) und Monique Schwitter "Eins im Andern" (Droschl, August 2015).

Die fünf Finalisten wurden mit jeweils 2500 Euro bedacht. Der Jury für den Deutschen Buchpreis gehörten in diesem Jahr an: Markus Hinterhäuser (Wiener Festwochen), Rolf Keussen (Mayersche Droste, Düsseldorf), Ursula Kloke (Botnanger Buchladen, Stuttgart), Ulrike Sárkány (Norddeutscher Rundfunk), Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung), Bettina Schulte (Badische Zeitung) und die freie Kritikerin Claudia Kramatschek als Sprecherin.

Im vergangenen Jahr hatte der Roman "Kruso" von Lutz Seiler das Rennen um den Buchpreis gemacht.
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