Die Kunst des Erwachsenwerdens

Das dritte Missincat-Album "Wire Walker" erzählt, wie sich auch in kniffligen Situationen die Balance halten lässt. Dabei ist der Künstlerin ein bezauberndes und reifes Werk gelungen. Am Montag, 9. November, gastiert sie damit in Weiden. Bild: Ralf Kanitz

"Jedes neue Album ist eine Weiterentwicklung für mich, so lautet mein Anspruch an die Arbeit", erklärt Caterina Barbieri, die sich als Pseudonym den Begriff Missincat ausgedacht hat. "Auf meiner neuen dritten Platte wollte ich noch mehr als bislang ins Unbekannte, ins Nichts springen."

"Wirewalker" nennt sich diese dritte Produktion der gebürtigen Mailänderin, die seit einigen Jahren in Berlin residiert - auf Deutsch: Seiltänzer. "Der Titel ist Metapher für einen Menschen, der mir sehr nahe steht. Er ist ein typischer Künstler der Moderne, der auf dem Seil tanzt, von dem er jeder Zeit abstürzen kann, weil er ein gewagtes Spiel auf sich nimmt. Ach ja - ich selbst sehe mich übrigens auch in dieser Tradition", lacht Barbieri, "wie sich vermutlich jeder seriöse Künstler von heute sieht. Unsere Arbeit muss eine stetige Exkursion ins Unbekannte sein." Obwohl Barbieri nach eigener Aussage "am liebsten möglichst autark" ist, während sie eine Platte aufnimmt, sämtliche Texte schreibt und beinahe alle Instrumente selbst spielt, war sie dieses Mal doch froh, zwei gestandene Produzenten für die finale Produktion an ihrer Seite zu wissen. "Ich war dadurch nicht einsam", gibt die charmante Brünette unumwunden zu. Bei den Mitstreitern hinter den Reglern handelt es sich um Berend Intelmann (Fotos, Paula) und Johannes Saal (Super 700), die seit vielen Jahren Erfahrung in ihrem Job sammeln.

Originelle Stimme

Intelmann und Saal sorgten dafür, dass Barbieris originelle Stimme noch weiter in den Vordergrund rückt als bei den zwei Vorgängerwerken, wodurch ihre Klarheit einerseits, ihre Mysteriösität andererseits noch mehr zur Geltung kommt. Missincat klingt nach einer aufregenden Mischung aus Boy, Lenka und immer mal wieder Tori Amos. "Ich bin ja jeden Tag mit meinem Sangesorgan konfrontiert", freut sie sich über's Kompliment, "und tatsächlich verändert es sich immer wieder, worüber ich mich selbst am meisten wundere. Ich denke, auf ,Wirewalker' komme ich fordernder und dunkler rüber als früher. Was kein Wunder ist, denn meine Grundüberlegung bei den jüngsten Liedern ist, dem etwas zu Mädchenhaften von einst zu entkommen und eine - halbwegs - erwachsene Frau in der Öffentlichkeit darzustellen."

Schmerz und Fieber

"Erwachsen sein" bedeutet für den quirligen, italienischen Wirbelwind, dass die Songs von Eindringlichkeit und einer gewissen Nachhaltigkeit leben. "Vor allem aber ging es mir dieses Mal um Dynamik", erklärt Barbieri, "denn meine ersten beiden Produktionen waren, ganz bewusst, von Zurückhaltung und Bescheidenheit geprägt. Dieses Mal wollte ich hingegen Klänge erzeugen, welche einen kompletten Raum ausfüllen können."

"Außerdem bin ich erstmalig in die Dunkelheit der Nacht kraft meiner Stücke eingetaucht. Ich habe die düstere Seite meines Charakters hervor gekramt, auch den Schmerz, das Fiebrige und Undurchschaubare. Selbst der Arbeitsprozess war für mich anders als sonst: Je tiefer ich in das Album rein kam, desto intuitiver habe ich mich unkontrolliert in das Geschehen gestürzt, um mich darin letztlich zu verlieren", erzählt sie.

Wenn eine Scheibe unter solch intensiven Umständen entsteht, verwundert es nicht, dass auch die Live-Auftritte in diesem Herbst und Winter anders als bislang von Missincat gewohnt ausfallen: "Ich werde in erster Linie das neue Zeug spielen", bereitet Barbieri den Neugierigen aufs Geschehen vor. "Auf der Bühne werde ich mit Mikrofon, Gitarre und Drum-Computer stehen, außerdem mein Begleiter an Bass und Schlagzeug. Dadurch klingt das Geschehen fokussierter und rudimentärer als auf Platte. Was ich jedenfalls versprechen kann: Spannend wird so ein Abend auf alle Fälle!"

Auf ihrer Deutschland-Tour kommt Missincat am Montag, 9. November, nach Weiden. Um 20 Uhr spielt sie im Pop-up-Club "Die Sünde" (Bürgermeister-Prechtl-Straße 40).

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unterTelefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0 und www.nt-ticket.de
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