Dokufilm von Brunhilde Pomsel
„Nichts haben wir gewusst“

Brunhilde Pomsel, mittlerweile 105 Jahre alt und damalige Sekretärin bei NS-Propagandaminister Goebbels, berichtet in einem Dokumentarfilm, der beim Filmfest in München Premiere feierte, aus ihrem Leben. Bild: dpa

Konzentrationslager und Judenvernichtung - konnte man wirklich in Nazi-Deutschland leben, ohne davon etwas mitzubekommen? Ja, sagt Brunhilde Pomsel, Sekretärin bei NS-Propagandaminister Goebbels. In einem Film beschwört die 105-Jährige ihre Unschuld.

München. Brunhilde Pomsel stand im Nationalsozialismus auf der Sonnenseite: Eine gut bezahlte Arbeit, nette Kollegen und genug Geld für Extravaganzen. Und ein angenehmer, wohlerzogener Chef: Joseph Goebbels. Pomsel war Sekretärin im NS-Propagandaministerium in Berlin und arbeitete einem Mann aus dem Innersten des Terrorregimes zu, dem Zirkel rund um Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Co., der die schwärzesten Machtfantasien ersann und grausame Realität werden ließ. Wie war es, dort zu arbeiten, für einen der schlimmsten Demagogen, den die Welt je gesehen hat? Im Dokumentarfilm "Ein deutsches Leben" gibt Pomsel Antwort, fast zwei Stunden lang. Am Mittwoch feierte der Streifen auf dem Filmfest München seine Premiere mit der 105-Jährigen, die in München wohnt.

Freundliches Gesicht


Zerbrechlich wirkt die alte Dame, klein und gebeugt, das freundliche Gesicht von tiefen Falten zerfurcht. Nur mit Hilfe kann sie den roten Teppich entlang gehen. Doch sie wirkt hellwach. Da mutet es etwas eigenartig an, dass sie vor mehr als 70 Jahren so wenig mitbekommen haben will: Wie Juden gedemütigt wurden und verschwanden, darunter ihre Freundin Eva Löwenthal. Die Pogromnacht von 1938, die alltäglichen Grausamkeiten und vor allem die Propaganda, mit der die Nazis die arische Herrenrasse beschworen und Juden und Andersdenkende als minderwertig brandmarkten. Doch Pomsel bleibt dabei: "Das schwöre ich Ihnen, wir haben nichts davon gewusst", bekräftigt sie noch heute im Interview.

Üppiges Gehalt


"Gehorchen und ein bisschen schwindeln dabei oder lügen und die Schuld auf jemand anders schieben", so sei sie als Kind in Berlin erzogen worden, sagt sie im Film. "Preußisches Pflichtbewusstsein, ein bisschen auch dieses Sich-Unterordnen." Die Folge: "Wenn ich an einem Platz stand, dann hatte ich ihn auszufüllen." Diese Einstellung zahlte sich aus, in barer Münze, schon bei ihrer vorherigen Stellung beim Rundfunk. Während die Juden nach und nach alle Habseligkeiten verloren, freute sich "Pomseline" über ein üppiges Gehalt, ließ sich schöne Kleider maßschneidern, traf Freundinnen und war glücklich über die "nettangezogenen, freundlichen Menschen" im Büro. "Das habe ich schon sehr genossen." Politik? "Bin ja auch 'ne Frau, muss ja nicht."

Das Konzentrationslager für unliebsame Zeitgenossen gegründet wurden, bekam sie zwar mit, aber: "Man wollte sie ja auch nicht gleich ins Gefängnis tun, die kamen in ein KZ zur Umerziehung, keiner hat sich Gedanken darüber gemacht." Bloß nicht zu viel fragen, so die Devise vieler Deutscher in dieser Zeit. Offene Kritik? "Das war nicht möglich, oder man musste sein Leben dafür einsetzen." So wie die Mitglieder der "Weißen Rose". "Es war jedoch dumm von ihnen, dass sie solche Dinge taten. Wenn sie den Mund gehalten hätten, dann lebten sie heute noch", ist sich Pomsel sicher und erzählt, wie grausam sie das Urteil gegen die Studenten fand, die Flugblätter gegen das Naziregime verteilt hatten, die Hinrichtung "wegen eines scheiß Papiers". Rund zwei Stunden berichtet Pomsel aus ihrem Leben - schwarz-weiß vor einem tiefschwarzen Hintergrund, dazwischen kurze Filmsequenzen von damals sowie Tonaufnahmen auch von Goebbels, die das Entsetzliche mit Bildern und Worten untermalen.

Dass die Nazis furchterregend waren, musste aber auch ihr gedämmert haben, spätestens als sie Goebbels 1943 in Berlin bei seiner Rede im Sportpalast erlebte, wo er die Masse der Zuhörer aufpeitschte mit der Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?". Ein Saal voller rasender, hysterischer Menschen, die nach Einschätzung Pomsels "behext" waren von diesem "tobenden Zwerg". "Es war ein Naturereignis, die ganze Menge konnte nichts dafür und er selber wahrscheinlich auch nicht."

Zutiefst ungerecht


Da ist wieder dieses Gefühl, unschuldig verführt worden zu sein. Als sie nach den Nürnberger Prozessen fünf Jahre lang in russische Gefangenschaft kam, empfand sie dies als zutiefst ungerecht, "weil ich ja nichts getan hatte, als bei Herrn Goebbels getippt und was dahinter steckte, wusste ich ja alles gar nicht, jedenfalls nur wenig".

Wie geht es ihr heute mit den Erinnerungen und mit dem Wissen, welche Gräuel Goebbels, Hitler, Göring und Konsorten angerichtet haben? "Wenn man durch so eine Zeit gegangen ist, (...) und letzten Endes doch nur an sich gedacht hat, da habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen." Und Pomsel hat sich entschlossen, vier Regisseuren zwei Wochen lang insgesamt 30 Stunden Frage und Antwort zu stehen. Bis heute seien die Erinnerungen präsent, jeden Tag, immer wieder, "so wie jeden Morgen die Sonne aufgeht", beschreibt sie am Tag der Premiere. "Das hat sich natürlich in mein Leben eingefressen, was alles an Schrecklichem passiert ist."
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