Dramatiker Werner Fritsch erzählt im Interview von seinen Erfolgen und seiner persönlichen ...
"Schau auf deine Provinz"

Dramatiker, Hörspielautor und Preisträger des Bayerischen Kulturpreises 2016: Werner Fritsch feiert am 18. November mit seiner Auftragsarbeit "Shakespeares Schädel in Fausts Faust" Prämiere in Regensburg. Bild: hfz

Berlin/Hendelmühle. Werner Fritsch, der ansonsten in Berlin lebt, ist wieder häufiger in der Oberpfalz unterwegs: Zum einen wurde ihm Ende Oktober im ACC in Amberg der Kulturpreis Bayern in der Kategorie Literatur überreicht. Zum anderen möchte der Dramatiker und Hörspielautor, der auf der Hendelmühle unweit von Tirschenreuth aufgewachsen ist, ab kommender Woche anwesend sein, wenn die Proben für seine Auftragsarbeit "Shakespeares Schädel in Fausts Faust" auf die Zielgerade gehen, die am Freitag, 18. November, Premiere in Regensburg feiert. Die Kultur-Redaktion sprach mit ihm über seine Motivation und seine Pläne für die Zukunft.

Gratulation zum Kulturpreis Bayern. Sind Sie angekommen, im Bewusstseinshimmel der Bayern?

Werner Fritsch: Das weiß ich nicht - ich fürchte, ich habe mehr Literaturpreise als Leser. Von Bob Dylan habe ich gelernt, dass das Publikum lieber zu Lesungen kommt, wenn Musik dabei ist und Literatur in andere Medien übersetzt wird, in andere Aggregatszustände. So versuche ich, immer wieder neue Leute zu erreichen.

Das Theater Regensburg spielt ab kommender Woche Ihr "Shakespeares Schädel in Fausts Faust" - eine Auftragsarbeit. Ist das auch Teil dieser Anerkennung?

Ich glaube, die Antwort ist komplexer. Es gäbe ja eigentlich sehr viele Stücke von mir, die auch mit der Region zu tun haben - diese werden aber in Bayern kaum gespielt. "Shakespeares Schädel" greift da stärker aus, hinüber in die Nachbarregion. Nach Böhmen, dorthin nämlich, wo nach Shakespeare das Meer liegt.

Den Impuls fürs Schreiben haben Sie als Jugendlicher erfahren?

Ja, da ich bin ja nur mit älteren Leuten aufgewachsen. Ich bin sehr viel gesessen, hab auf den Hendelmühlbach geschaut - und hab mit Gott gesprochen. Das war für mich der Anfang des Schreibens, mein Urquell. Und ich hab begonnen, meine innere Stimme zu protokollieren.

Ermutigung fanden Sie in der Schule?

Ich hatte einen Lehrer namens Franz-Joachim Behnisch, der selber ein toller Schriftsteller war. Dem legte ich was vor und er sagte: "Das könnte Herbert Achternbusch interessieren!" Dann bin ich in die Buchhandlung Schlegl, hab mir Bücher gekauft von diesem mir völlig unbekannten Mann und hab dann über die Seilerei Hammer Kontakt zu ihm bekommen. Als ich vom Skikurs zurückkam, fand ich eine Postkarte, in der er mir nicht nur Mut zusprach, sondern schrieb: "Schau auf deine Provinz!" Ich hab diesen Satz ein Leben lang beherzigt, die Gegenerfahrung hab ich aber kaum gemacht.

Der Stoff für Ihr Debüt "Cherubim" war sogar noch näher als in der Provinz: Der fand sich bei Ihnen zu Hause ...

Auf unserem Hof lebte ein Knecht namens Wenzel. Er verfügte über ein kindliches Gemüt. Und er hat mir unglaublich viel erzählt, etwa seine Geschichten von der Weltschöpfung. Wir haben miteinander Fernsehen geschaut, sind in seine Stube geschlichen, wenn Western von John Ford oder Howard Hawks gelaufen sind. Der Wenzel mit seinem sehr eigenen Blick auf die Welt, der war für mich eine interessante Figur.

Irgenwann verließen Sie jedoch die Hendelmühle ...

Ich ging zum Studium nach München. Und habe dann, mit den Augen, die ich geschärft habe durch die Lektüre des Ethnologen Claude Levi-Strauss, auf Wenzel geschaut. Und erkannt, dass seine Sprache und sein Denken über eine Metrik des Rausches und des Traums verfügen. Und dass sich logischerweise auch Geschichtssedimente, der ganze Irrsinn der beiden großen Kriege und der daraus resultierenden Verbrechen, darin befinden. Trotz all seiner Naivität: Der Wenzel war ungeheuer weltoffen.

"Cherubim", der Roman, in dem Sie Wenzel eine Stimme verleihen, erschien 1987 bei Suhrkamp ...

Ich blicke da schon mit Wehmut zurück: Es gab damals eine Leserschaft, die man für solche Themen begeistern konnte. Ich habe nicht nur in der Region gelesen - aber es kamen viel Leute. 150, 200 Gäste bei Lesungen waren damals keine Seltenheit, und hinterher ließen sich viele die Bücher signieren. Ich war soeben in Südostasien - dort ist das Interesse an der Literatur ungebrochen. Bayern dagegen? Wir haben uns zur literarischen Diaspora entwickelt.

Seit rund zwei Jahrzehnten arbeiten Sie an ihrem Projekt "Faust Sonnengesang".

Ich möchte damit ein Archiv des Kairos, eine Sammlung geglückter Augenblicke also, schaffen. Die Ausgangsfrage ist: Was möchte ich sehen, wenn ich die Augen für immer schließe? Diesen "Film", den möchte ich bewusst gestalten. Das ist das Faustische an meinem Projekt. Und der Sonnengesang bezieht sich auf die Hymne des Echnathon, der den Augenblick besingt, der das Küken wie den Embryo reifen lässt. Wie ein Alchemist verschmelze ich das Jetzt im Vergangenen mit meinen Eindrücken der Gegenwart, die um den glücklichen Augenblick, zu dem man sagen will: Verweile, du bist so schön.

Bei der Vergabe des Kulturpreises wurde hervorgehoben, Sie seien ein Vertreter des Nordoberpfälzischen. Den Dialekt sucht man aber in Ihrem Oeuvre vergebens ...

Dass ich ein Dialektdichter sei, ist das älteste Missverständnis, das über mich kursiert. Mir geht es um gesprochene Sprache. Aber ich halte mich da an ein Wort von Walter Benjamin: "Vitale Literatur entsteht dann, wenn die Struktur der Sprache einer Region zusammenkommt mit dem Deutsch der Lutherbibel."
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