Düstere Oper "Quai West" als deutsche Uraufführung im Staatstheater Nürnberg
Zwischen Leben und Tod

"Quai West", eine Koproduktion von Opéra National du Rhin Strassbourg und Staatstheater Nürnberg, entführt in ein Niemandsland gescheiterter Existenzen: "Hier gibt es nichts mehr, nicht den kleinsten Traum." Bild: Ludwig Olah
Nürnberg.Es ist ein Ort, an dem jede Ordnung fehlt. Eine Art Niemandsland, wo sich Penner, Kriminelle und andere Grenzgänger einer entgrenzten Gesellschaft tummeln. Auch für den Geschäftsmann Maurice Koch ist nichts mehr in Ordnung. Der ehrbare Geselle hat Geld veruntreut und steht nachts in einem verfallenen Hangar am Hafenbecken, um sich das Leben zu nehmen. Der französische Schriftsteller Bernard-Marie Koltès entführt in seinem Drama "Quai West", das jetzt an der Nürnberger Oper als deutsche Fassung uraufgeführt wurde, in eine surreale Welt mit ganz eigenen Gesetzen.

Industrie-Szenerie

"Quai West", 1986 erstmals inszeniert, ist eines der Stücke, in denen der drei Jahre später an AIDS verstorbene Koltès in manchmal durchaus tiefschürfenden Sätzen seine kritische Weltsicht offenbart. Das lange und wortreiche Werk wurde nun auf 30 blitzartige Sequenzen verkürzt und von dem französischen Komponisten Régis Campo mit einer minimalistisch anmutenden Partitur versehen. Etwas einfallslos wirken die auf einem Ton verharrenden Sprechgesänge, schräg die klanglichen Brechungen und Schichtungen, interessant die Ausflüge in hohe Falsette. Allerdings gelingt es Campo auch, etwa bei dem schwelgerisch tönenden Terzett der drei Frauen gegen Ende, ein nur 85 Minuten dauerndes Stück mit Längen zu versehen.

Immerhin: die Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung von Marcus Bosch schafft wieder die passende Klang-Kulisse. Verstärkt mit zwei Synthesizern, E-Gitarre, E-Bass und vier Percussionisten entstehen reizvolle musikalische Muster. Im Zusammenspiel mit dem herrlich düsteren Bühnenbild kommt da richtig Gruselatmosphäre auf.

Neben den prächtig disponierten Sängern und Sängerinnen, vor allem Fabrice di Falco als lüsterner Fak und Michaela Maria Mayer als unschuldige Claire, ist es dieses stählerne Gerüst aus Feuerleitern, Fabriktüren und Hinterhalten, das in den Bann zieht. Indem man es hin- und her bewegt, entstehen verschlungene Gassen, bedrückende Engen oder unendliche Weiten. Imponierend in Szene gesetzt ist die stumme Figur des Mulatten Abad (sehr profiliert: Augustin Dikongué), der mit archaisch anmutenden Gesten und einer starken Präsenz die fehlende Story wie eine Art "schwarzer Faden" zusammenhält.

Vertrauen auf Gott?

Resümee: Ein stimmiges Miteinander von Bühnenbild und Musik, eine etwas blasse und über Strecken langatmige Partitur. Das Schlimmste aber ist die fehlende Handlung und Pointierung. Was hat uns dieses Stück zu sagen? Hochaktuelle Fragen bleiben darin verborgen: Themen wie Einsamkeit, Lebensfrust, Sterbehilfe oder Probleme einer Migrationsgesellschaft. Letztlich verpufft alles wie der Rauch aus der Pistole des sprachlosen Schwarzen. Und die Frage steht im Raum: "In God we trust - do we?"
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