Ehrlichkeit bezwingt Eitelkeit

Nur intelligente Menschen, die für ihre Posten geeignet sind, können des "Kaisers neue Kleider" sehen. Das behaupten die vermeintlichen Schneider (Rico Strempel und Tobias Mulzer, von rechts). Daher ist verständlicherweise auch beim Kaiser (Jakob Roidl) die Begeisterung groß. Bild: Tobias Schwarzmeier

Einen Klassiker unter den Märchen wählte das Landestheater Oberpfalz als Kinderstück der Burgfestspiele Leuchtenberg: Die Geschichte "Des Kaisers neue Kleider" nach Hans Christian Andersen demonstrierte bei der Premiere, dass auch knapp 200 Jahre später die zeitlose Botschaft bei den Zuhörern ankommt.

Leuchtenberg. Es geht um Macht, Herrschafts-Gehabe und Untertänigkeit: Der Regent diktiert und alle anderen folgen - meist schon im vorauseilendem Gehorsam. So geht es zu im Kaiserreich, in einer Zeit lange vor Putins Russland und Blatters Fifa. Es geht aber auch um die ungeschönte Ehrlichkeit, um das Paradebeispiel für die Erkenntnis "Kindermund tut Wahrheit kund".

Unter der Regie von Doris Hofmann (Assistenz: Anna Kunz) gelingt den jungen Schauspielern eine mitreißende und witzige Interpretation des Andersen-Stückes, das von der Regisseurin gemeinsam mit Katharina Stark für die Burg Leuchtenberg bearbeitet worden war.

Immer schön lächeln

Zwei Handlungsstränge sind es, die die Besucher eine gute Stunde lang in ihren Bann ziehen: Da ist zum einen die ungestüme Prinzessin Loretta (schauspielerisch und gesanglich überzeugend: Veronika Wittmann), die den Drill am Hof eigentlich so richtig satt hat und sich von Haus- und Hofassistent Gustav (herrlich tollpatschig und verschroben: Oliver Mulzer) nichts mehr sagen lassen will. Sowohl "Immer schön lächeln und nicken dazu" und "Winken für Fortgeschrittene" gehen ihr so richtig gegen den Strich.

Viel lieber würde des Kaisers Tochter mit ihrer Zofe und besten Freundin Isabella (Gesang und Spiel formvollendet: Theresa Weidhas) ins Dorf abhauen und mit den Kindern dort spielen - was sie schließlich auch tut.

Zum anderen sind da die Geschehnisse im Schloss: Dort tauchen unterdessen die Dorfkinder Laos und Jonathan auf, die eigentlich nur ihren Fußball zurückholen wollen, sich aber plötzlich in der Rolle der neuen Star-Schneider wiederfinden: Rico Strempel und Tobias Mulzer verleihen den beiden Figuren eine enorme komödiantische Präsenz und sorgen immer wieder für Lacher bei den Zuschauern. Sie verarbeiten Stoffe von so außergewöhnlicher Schönheit, wie man sie noch nie gesehen hat.

Und das Beste: Für alle dummen und unfähigen Menschen bleibt der Stoff sogar unsichtbar, es verwundert deshalb nicht, dass bald darauf der ganze Palast von den prächtigen neuen Kleidern des Kaisers (Jakob Roidl als eitler Parade-Herrscher) schwärmt - angefangen von den drei Dienern "Du 1", "Du 2" und "Du 3" (exzellent umgesetzt von Stefanie Gallitzendörfer, Tobias Bäumler und Annalena Utecht) bis hin zur Yogalehrerin Frau Yolanda (schön-schräg: Veronika Bartl). Folglich darf ein Auftritt beim Volk natürlich nicht fehlen, der für den Herrscher im Desaster endet: Die Dorfkinder sagen ihm, dass er eben keine neuen Kleider trägt, sondern so gut wie nackt dasteht in seinem überdimensionalen "Herzchen"-Strampler.

Langer Schlussapplaus

Erst die Strickjacke, genäht von Zofe Isabella, kann seine Blöße verdecken und bringt auch den Kaiser zur Einsicht: "Du bist du, so wie du bist!"

Langer Applaus belohnt sämtliche Akteure auf der Bühne, besonders gewürdigt werden die Auftritte von Jakob Engel als rappender Dorfbub Sepp. Für die Musik und den Gesang des Nachmittags - überaus gelungen gerät beispielsweise das Lied von der "Sockenkompanie" - zeichnen Nicola Messerschmidt und Sandro Augustin verantwortlich. Ein rundum gelungenes Stück, das man auch ein zweites Mal anschauen kann.
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