Ein Krimi der besonderen Art von Maggie Mitchell
„The other Girl“

Maggie Mitchell. Bild: Jill Sutton
 

Berlin. Maggie Mitchells Roman-Debüt "The other Girl" ist ein raffiniertes Psycho-Spiel, in dem zwei Mädchen mit den Folgen einer Entführung zu kämpfen haben. Die beiden verlieren sich nach dem Ereignis aus den Augen. Der Showdown lässt 20 Jahre auf sich warten.

Lois und Carly May sind klug, bildhübsch und gerade mal zwölf Jahre alt, als sie entführt werden. Wobei Entführung wohl nicht das richtige Wort ist, denn die beiden Mädchen steigen freiwillig zu dem jungen gutaussehenden Mann ins Auto. Irgendwie - das spüren sie unabhängig voneinander - verheißt der Fremde Abwechslung und Abenteuer in ihrem bisher recht tristen Leben. Maggie Mitchells erster Roman "The other Girl" ist ein Psychokrimi der besonderen Art.

Leben abseits


Es geschieht ein Verbrechen. Doch nicht allein das Augenfällige bestimmt den weiteren Verlauf. Der wird durchweg geprägt von Ängsten - diffusen wie ganz realen. Lois und Carly May kennen sich nicht. Wie auch, wenn die eine in Connecticut und die andere im weit entfernten Nebraska aufwächst. Erst ihr Entführer - fortan von ihnen Zed genannt - bringt die beiden zusammen, in einer abgelegenen Hütte im Wald, wo sie fast zwei Monate mit ihm leben werden.

Zed lässt ihnen viele Freiheiten. Selbst eine Flucht wäre wohl möglich. Doch beide arrangieren sich mit ihrem Entführer, obwohl ihnen klar ist, dass der scheinbar friedvolle Status quo, der allerdings von Rivalität geprägt ist, auch ein jähes Ende haben könnte. Ist es so etwas wie das Stockholm-Syndrom, das die Mädchen an Zed fesselt? Es ist kein voyeuristischer Blick auf das "Familienleben" der drei in der Hütte, nur sehr persönlich aus der wechselnden Sicht der Mädchen. Mitchell beginnt das Buch mit dem von Lois aufgeschriebenen Satz "Alle hielten uns für tot", was bereits das Überleben der Mädchen impliziert. Nach dem einschneidenden Ereignis in ihrer Kindheit trennen sich ihre Wege wieder. Lois wird eine anerkannte Literaturprofessorin, Carly eine leidlich erfolgreiche Schauspielerin.

Jede versucht auf ihre Weise, mit dem Erlebten fertig zu werden: Lois (alias Lucy Ledger) schreibt einen Roman darüber, Carly May (oder Cloe Savage) versucht der alkoholischen Verführung zu widerstehen. Nun soll der Roman verfilmt werden, was beide 20 Jahre später am Set wieder zusammenführt, zu einem späten Showdown. Was die Frauen wirklich eng miteinander verbindet, wird sich am Ende zeigen. Und ist bei aller Konzilianz vor allem bestürzend.

Zeiten stapeln


Wie die in West-Georgia lebende Autorin die Handlungsebenen aus Gegenwart und Vergangenheit übereinanderschichtet, nicht nur mit Ängsten spielt, sondern auch mit ungewöhnlichen Worten und deren Zusammenhang mit dem Geschehen, ist einfach klasse. Ihre Hauptakteure hat Mitchell, die selbst englische Literatur an einer Universität unterrichtet, ziemlich treffsicher gezeichnet und dabei der intellektuellen Lois spannungstragende Umstände zugebilligt, der lebensklugen Carly May vor allem charakterliche Komplexität. Wie die Frauen ihr Verhältnis zu Zed, dessen Motivation und ihrer aller Leben beurteilen - das muss der Leser selbst herausfinden. Es lohnt sich.

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Maggie Mitchell: "The other Girl", 384 Seiten, 12,90 Euro, List Verlag, Berlin.
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