Eine Geschichte löst biografische Detektivarbeit aus
„Nadjas Katze“

 
Ulrich Ritzel. Bild: Randomhouse

Berlin. Nadja Schwertfeger hat ein ungewöhnliches Hobby: Die pensionierte Lehrerin sammelt die Werke unbekannter und vergessener Schriftsteller. Eine zufällig entdeckte Erzählung über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Schwaben weckt ihr besonderes Interesse. Die kurze Erzählung beschreibt die Ereignisse eines Abends in einem kleinen Dorf, in dem ungewöhnliche Dinge geschehen.

Fragen kommen auf


Ein kleines Detail sticht für sie dabei besonders heraus: Eine aus schwarzem Stoff handgenähte Spielzeugkatze mit rosa Schnauze und rosa Pfoten. Genauso eine Katze besitzt Nadja auch. Es war das Einzige, das ihre Mutter ihr mitgab, als sie sie zur Adoption freigab. Finden sich in dieser Geschichte Hinweise auf ihre Herkunft?

Mit Nadjas Versuch, ihrer Vergangenheit näher zu kommen, beginnt der neue Roman von Krimipreisträger Ulrich Ritzel. Auch in diesem Roman geht es darum, die Wahrheit zu ermitteln, aber das Ziel ist nicht, ein Verbrechen aufzuklären. Vielmehr hofft die Hauptfigur auf Hinweise darauf, wer sie eigentlich ist.

Nadja fährt in das Dorf, in dem die Erzählung spielt, und versucht, etwas über den Verfasser und die Hintergründe der geschilderten Details herauszufinden. Allzu viele Fortschritte macht sie jedoch nicht, bis sie den Tipp bekommt, sich an Hans Berndorf zu wenden. Der stammt nicht nur aus demselben Dorf, er ist auch von Beruf Ermittler. Leser von Ulrich Ritzel wissen, dass Berndorf auch schon in früheren Romanen komplexe Fälle gelöst.

Der frühere Kriminalkommissar Berndorf, jetzt als Privatdetektiv tätig, übernimmt den Fall, nachdem er die Geschichte gelesen hat. Er entwickelt ein persönliches Interesse an Nadjas Anliegen, denn er erkennt in der Erzählung Bezüge auch zu seinem eigenen Leben. Als erfahrener Ermittler weiß er, wie er ehemalige Schulfreunde und Nachbarn befragen muss, um die Antworten zu bekommen, die ihn weiterbringen.

Nach und nach tragen die beiden zahlreiche Details zusammen, aus denen sie die Ereignisse im Dorf gegen Ende des Krieges rekonstruieren können, die sich dann in leicht veränderter Form in der zufällig gefundenen Erzählung wiederfinden. Was sie finden, ist alles andere als einfach. Etwas pathetisch bezeichnet es Berndorf als "den Wald der Erinnerungen. Da darf man keinen Schritt zur Seite tun. Und das Gebüsch am Wegrand nicht zur Seite schieben. Nicht in diesem Land. Überall liegen noch Skelette herum."

Pläne in Gefahr


Dabei entwickelt sich zwischen Nadja und Berndorf eine gewisse Rivalität, die das Vorhaben wiederholt an den Rand des Scheiterns bringt. Ritzel erzählt die Geschichte über die Suche nach der Vergangenheit seiner Figuren sehr detailreich und mit viel Gespür für Stimmungen und Nuancen. Auch wenn Berndorf in Zuge seiner Nachforschungen ein Verbrechen entdeckt und löst, so ist "Nadjas Katze" kein Kriminalroman, wie man ich vielleicht von Ulrich Ritzel erwarten mag. Das Buch lebt von der Spannung, welche Details nach fast 70 Jahren noch ans Licht kommen und was sie für die Menschen bedeuten.

Ein kleines Stofftier wird in einer Erzählung erwähnt. Für eine Leserin ist dies der Anlass, in der eigenen Lebensgeschichte zu forschen. Ulrich Ritzel macht aus dieser Ausgangssituation einen spannenden wie anrührenden Roman.

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Ritzel, Ulrich: "Nadjas Katze", 3448 Seiten, 19,99 Euro, Verlag btb.
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