Einladung zu einem Streifzug durch die Pariser Literatur-Cafés
Wie ein zweites Wohnzimmer

Vor dem Café "Aux Deux Magots" erinnert uns der Straßenmusikant an die Zeit, als hier Sartre und Simone de Beauvoir regelrecht Hof hielten. Hier sind Stücke wie sein "Das Spiel ist aus" und ihr "Das andere Geschlecht" entstanden. Bilder: dpa, Tamme (2)
 
Das Monument der Belle Époque, das Café de la Paix, wurde wie die nahe Oper von Charles Garnier erbaut und 1872 gemeinsam eingeweiht.
 
Frühmorgens wartet das Café "Le Dome" auf den Ansturm seiner Stammgäste, die hier den Tag mit einem Espresso-Frühstück beginnen.

Für die meisten Franzosen ist ihr Stamm-Café ihr "zweites Wohnzimmer". Auch wir haben sechs Jahre lang unserem "Cafétier" die Treue gehalten. Deshalb wagen wir es, Sie zu einem Frühlings-Bummel durch Paris, seine literarischen Cafés und ihre schreibenden Gäste zu animieren.

Von Peter Tamme

Paris. Schon vor der Anreise lohnt es sich durchaus, noch ein paar "verschüttete" Vokabeln aus der Schulzeit aufzufrischen und Texte ausgewählter Autoren nachzulesen. Etwa Maigret-Romane von Paris-Kenner Georges Simenon oder das Insel-Buch "Proust in Paris" von 2004. Man könnte sogar mit Besuchen von Kallmünz (Gabriele Münter und Wassili Kandinsky), von Waldsassen (Goethe) oder von Sulzbach-Rosenberg mit dem überregional bekannten Literatur-Archiv schon in der Oberpfalz seinen "Spürsinn" erproben. Denn was wäre unser Leben ohne Fantasie?

Doch auch in Paris müssen wir eine Auswahl treffen, weil für eine komplette Aufzählung aller Lokale und ihrer Schriftsteller beiderlei Geschlechts ein dicker Katalog nicht ausreichen würde. Beginnen wir unsere "Flanerie" mit dem ältesten Pariser Café. Es wurde 1675 von dem Sizilianer Procopio dei Coltelli gegründet. Eine runde Marmortafel draußen an der Wand zählt illustre Gäste-Namen wie Voltaire, Robespierre, Napoleon, Benjamin Franklin, Balzac und Victor Hugo auf. Heute kommen die Gäste vor allem aus Amerika. Ihr berühmter Landsmann Ernest Hemingway schildert in seinem Buch "Paris - ein Fest fürs Leben", wie er in einem nahe gelegenen unbekannten Café eine Kurzgeschichte geschrieben hat, die nicht in Frankreichs Metropole spielt, sondern im US-Staat Michigan.

Maigret-Erfinder Georges Simenon machte es anders. Er hielt seine Beobachtungen zwar in Pariser Cafés fest, schrieb jedoch über die Stadt und ihre Menschen, als er in den USA, der Schweiz oder der französischen Provinz lebte. Das Café "Aux Deux Magots" im Quartier Latin verkündet auf seiner nicht billigen Speisekarte, es sei der "Treffpunkt der intellektuellen Elite" gewesen. Heute denkt man hier und im Café "Le Flore" gleich nebenan vor allem an das Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, das hier regelrecht Hof hielt. Man erinnert sich an sein Stück "Das Spiel ist aus" und an ihre Bücher "Die Mandarins von Paris und "Das andere Geschlecht", das sie im "Flore" verfasst hat.

Nagender Hunger


Am Montparnasse, in der "Closerie des Lilas" (Flieder-Gärtchen), hat Hemingway seinen "Fiesta"-Roman überarbeitet und später als Arrivierter ein "Pfeffersteak Hemingway" genossen - ganz so wie Komponist Gioacchino Rossini seine "Tournedos". Ich erinnere mich an das Gefühl, als meine Finger zum ersten Mal die Messingplättchen auf den Tischen mit den Namen berühmter Dichter und Künstler berührten. Im "Coupole", das vor seiner Restaurierung 1988 eher wie eine Mensa wirkte, hat Henry Miller seinen "Wendekreis des Krebses" geschrieben. Er berichtet, dass er wegen des nagenden Hungers sogar seinen Ehering an einen Kellner verscherbeln wollte. Das Mittagessen ersetzte er wegen seines Geldmangels oft durch einen ausgedehnten Spaziergang im Luxembourg-Park.

An der nahe gelegenen Kreuzung glänzt die Gästeliste des "Dome" mit den Namen Trotzki, Lenin, Picasso und Wilhelm Uhde, aber auch mit Sartre, Hemingway und Miller. Das "Dome" ist seit 1986 ein elegantes Luxus-Restaurant, bekannt für seine Fisch-Spezialitäten. Nur die Terrasse erlaubt den Flaneuren noch ein ausgiebiges Betrachten des "living theatre" auf dem Bürgersteig. Im exakt gegenüber liegenden Café "La Rotonde" hat sich einmal eine wahre Geschichte abgespielt. Während der Zwischenkriegszeit hat ein Kellner die Bedienung einer Dame abgelehnt, weil sie ohne Hut draußen saß und rauchte. Kurz entschlossen zog sie in das "tolerantere Dome" um. Viele Künstler und Autoren sollen ihr gefolgt sein. Den Schlusspunkt setzt das historische Monument der Belle Époque, das "Café de la Paix". Es wurde wie die Oper ganz in der Nähe vom selben Architekten Charles Garnier erbaut und 1872 gleichzeitig eröffnet. Seine bekanntesten Gäste waren Turgenjew, Dos Passos und Emile Zola, der es in seinem "Nana"-Roman erwähnt. Früher verkehrten hier auch Prinzen, später berühmte Film-Stars. Das merkt man noch heute an den Preisen. Im August 1944 hat General Charles de Gaulle seinen Siegesmarsch am Triumphbogen begonnen und hier mit der Bestellung eines einfachen Omelette beendet.

Schneller als Herzschlag


Beim Wechsel zu weniger bekannten Lokalen ist ein Geständnis fällig: Von Rilke, Heinrich Heine, Ernst Jünger und dem 1960 allzu früh tödlich verunglückten Nobelpreisträger und Sartre-Gegenpol Albert Camus haben wir noch nicht "ihr" Café entdeckt. Diese "Lücken" haben wir uns sozusagen für das nächste Mal reserviert. Falls Sie schon mehrmals in Paris waren, kennen Sie die Richtigkeit des Zitats von Charles Baudelaire: "Paris verändert sich schneller als das Herz schlägt."

Unser größter "Verlust" war das überraschende Ende des "Café Cluny" im Quartier Latin. Es hatte im 1. Stock einen großen Raum für Studenten und noch unentdeckte Autoren, die kein Kellner verscheuchte, weil sie sich stundenlang an einem Café Crème "festhielten". Hier herrschte fast eine Stimmung wie bei einer Klausur. Man konnte aber auch dem Entstehen der beliebten "Bandes Dessinées", (auf Deutsch: Comics), zuschauen. Diese "bebilderte Literatur" hat in Frankreich einen weit höheren Rang als bei uns. Bleiben wir in der Gegenwart: Keinen Zutritt gewährt das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete "Café Drouant", wenn dort alljährlich im Herbst der höchstdotierte französische Literaturpreis, der Goncourt, vergeben wird. Houellebecqs siegreicher, aber umstrittener Roman "Die Unterwerfung" ist 2015 auch auf Deutsch erschienen.

Hat man bei diesen Streifzügen durch die Pariser Cafés Glück, wird man vielleicht in ganz unauffälligen Lokalen auf bekannte Autoren treffen, die die Anonymität bevorzugen. Zum Beispiel kann man so dem französischen Literatur-Nobelpreisträger von 2014, Patrick Modiano, begegnen. Aus dem Fernsehen war uns das Gesicht des Autors Lorànt Deutsch bekannt. Der hat eine Geschichte Frankreichs unter Verwendung der Namen der Pariser Metro-Stationsnamen geschrieben. Solche Zufälle machen immer wieder Mut, aufs Geratewohl weitere unbekannte Lokal zu erkunden - solange der Magen mitspielt und man sich nicht beim Anstarren erwischen lässt. Manchen Wirten ist noch ihre Herkunft aus der Auvergne oder der Normandie anzumerken. Ihre oft heftigen Diskussionen mit Stammgästen sind auch dann interessant, wenn man nicht alles versteht. Für folgenlose Stammtisch-Gespräche haben die Franzosen den Begriff der "Café de Commerce"-Diskussion geprägt.

Sind Sie nun ein wenig auf den Appetit gekommen? Haben diese Zeilen ihren Zweck als "Amuse-Gueule" (Schnauzen-Amüsierer) erfüllt? In Frankreich endet nach einem geflügelten Wort alles mit einem Chanson. Wir summen auf der Rückfahrt nur die Melodie eines Liedes von Juliette Gréco und denken an die Zeiten, als im Quartier Latin und am Montparnasse Dichtung, Malerei und Musik eine gemeinsame Heimat hatten. Und wir stimmen Honoré de Balzac voller Überzeugung zu: "Paris ist ein herrliches Schiff, beladen mit Verstand."
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