Erfolgreiche Ära 2015 geht zu Ende
Pilsen ist jetzt Europas Bier-Kultur-Hauptstadt

Wir hatten drei Millionen Besucher, die höchste Zahl seit 1989.
 
Führungen bei Pilsens Brauerei waren 2015 durchgehend ausgebucht.
 
P15-Chef Jirí Suchánek.

Alle Zeichen stehen auf Erfolg: Pilsen hat ein bombastisches Jahr als Europas Kulturhauptstadt absolviert. Dass das die Verantwortlichen sagen, ist klar. Aber auch die Kritiker geben zu: Die Stadt hat fast alles richtig gemacht.

Pilsen. Dass seit einem Jahrhundert weltweit Biertrinker ein Pils bestellen, hat nicht unbedingt zum Ruhm der westböhmischen Bierstadt beigetragen. Wie bei den Hamburgern von McDonald's hat sich der Sortenname verselbstständigt. Deshalb war eines der Hauptziele der Veranstalter, das Image der Bierstadt zu korrigieren.

Kurz vor Ende der Ägide bilanziert Kulturbürgermeister Martin Baxa zufrieden: "Pilsener Urquell spielt auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung der Stadt, die Führungen der Brauerei waren das ganze Jahr hindurch ausgebucht."

Aber es ist ein neuer Aspekt hinzu getreten: "Wir hatten insgesamt drei Millionen Besucher, die höchste Zahl seit 1989, davon eine Million bei unseren rund 70 Veranstaltungen." Und diese neuen Stadttouristen sehen Westböhmens 200 000-Einwohnerstadt nun eben auch als Kulturstadt - oder besser: als Europas Kultur-Bier-Hauptstadt.

Allein die Zahlen sprechen für sich: 500 000 Übernachtungen im Jahr 2015 bedeuten eine Steigerung um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie Jirí Suchánek, Chef der Kulturhauptstadt-Organisationsgesellschaft, betont, der von Beginn an die touristische Komponente betonte. "Unsere großen Hotels in der Innenstadt konnten an den Wochenenden sogar eine Steigerung von 80 Prozent verzeichnen." Zuvor hätten vor allem Geschäfts- und Konferenzreisende in Pilsen eingecheckt.

Keine andere tschechische Stadt habe im zu Ende gehenden Jahr ein solch hohes Wachstum erzielen können - und auch international muss man am Zusammenfluss der vier Flüsse Mže, Radbusa, Úhlava und Úslava keinen Vergleich scheuen: "In der Geschichte des Titels sind unsere 30 Prozent eine der höchsten Steigerungsraten von Übernachtungszahlen", sagt Suchánek. "Linz hatte 12 Prozent, den Rekord mit 45 Prozent hält das rumänische Sibiu/Hermannstadt." Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass bisher kaum wahrgenommene Destinationen wie das siebenbürgische Sibiu auch das größere Wachstumspotenzial haben.

Für das gut erschlossene Pilsen aber gilt das nicht, wie Baxa betont: "Da spielen mehrere Faktoren mit", sagt der Kulturbürgermeister, "Schwedens Kulturhauptstadt 2014, Umeå, hatte ein schönes Programm, aber durch die Lage und den teuren Flug erreichte sie keine besonders guten Zahlen." Umgekehrt könne ein schlechtes Programm die Bilanz auch verhageln. Insofern ist der ODS-Politiker mit der Arbeit des Organisationsteams sehr zufrieden: "Wir haben eine 500-prozentige Steigerung von geführten Touren - allein bei den städtischen", freut er sich. 2014 schleuste die Stadt 7400 Besucher durch 220 Führungen, 2015 waren es bis jetzt schon 28 000 Besucher bei 1070 Führungen."

Wenig Geld, viel Wirkung,


Besonders erfreulich für die Verantwortlichen: Das alles gelang mit verhältnismäßig wenig Budget. Mons, das über 70 Millionen Euro in den Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2015 investierte, nähert sich langsam dem selbst gesteckten Ziel von zwei Millionen Besuchern - zur Hälfte vom belgischen Staat finanziert. Zum Vergleich: Essen investierte rund 80 Millionen, Marseille vor zwei Jahren mehr als 600 Millionen Euro.

Pilsen, das 80 Prozent seines knappen 20-Millionen-Euro-Budgets selber tragen musste, kommt auf über eine Million Besucher von Veranstaltungen - die zwei Millionen sonstigen Besucher nicht mitgerechnet. "Die Prager Regierung hatte in der Zeit der Finanzkrise 2009/10 entschieden", zeigt Suchánek Verständnis. "Auf der anderen Seite ist die Lobbyarbeit sicher entscheidend - Mons' Oberbürgermeister war gleichzeitig Premierminister."
Wir hatten drei Millionen Besucher, die höchste Zahl seit 1989.Martin Baxa, Kulturbürgermeister

Pilsen. (jrh/vav) "Es ist ein Riesenerfolg, dass Pilsen Kulturhauptstadt wurde", sagt ein Mann der ersten Stunde. Roman Cerník, die graue Eminenz der alternativen Kulturszene, sollte als Kulturreferent vor zehn Jahren europäische Finanzierungsmöglichkeiten erschließen und kam mit der Idee einer Kulturhauptstadt-Bewerbung rüber.

"Damals war das eigentlich eine Frechheit", sagt der Dozent an der Theaterakademie Prag lachend. Aber schließlich setzte sich der krasse Außenseiter tatsächlich durch. Cerník hat wenig Gründe, lobzuhudeln, schließlich scheiterte er selbst mit seiner Bewerbung als Manager des P15-Projektes. Und dennoch sagt er heute: "Die Stadt hat alles richtig gemacht", auch weil sie nach einigen Rohrkrepierern mit eigenen Leuten den soliden Finanz- und Eventfachmann Jirí Suchánek von außen holte.

Der hat noch einen Vertrag bis Ende 2016 und möchte mit den verblieben 15 der ursprünglich 60 Mitarbeiter mehr als nur die verbliebene große Hausaufgabe erledigen: "Wir müssen die 10 Millionen Euro abrechnen, die über unsere Gesellschaft geflossen sind." Dann aber möchte er das wichtigste Versprechen der Bewerbung einlösen: "Am 10. Dezember bewilligte der Magistrat ein Nachhaltigkeitskonzept, das die Weiterentwicklung der bayerisch-böhmischen Partnerschaft vor allem mit der Stadt Regensburg vorsieht." Man wolle einen ETZ-Förderantrag (EU-Programm Freistaat Bayern und Tschechische Republik) einreichen. "Wir möchten ein Festival bayerischer Kultur in Pilsen und eines mit tschechischer Kultur in Regensburg etablieren." Rund 100 bayerische Firmen in Westböhmen könnten sich ein Sponsoring vorstellen.

Kulturbürgermeister Martin Baxa hält es für einen politischen Erfolg, dass die P15-Organisationsgesellschaft in abgespeckter Form erhalten bleibt: "Bis auf Ano haben alle Parteien die Fortsetzung unterstützt."

KulTourfahrt-Abschied mit WeltmusikÜber 30-mal lud der Kulturverein Bohème zu Fahrten nach Pilsen. "So stellen wir uns gelebte Partnerschaft vor", freut sich Kulturbürgermeister Martin Baxa. Bei der letzten Fahrt des Jahres möchte sich Pilsens oberster Kulturhauptstadt-Verantwortlicher bei den Gästen bedanken, die außerdem an Silvester Tschechiens berühmteste Roma-Band zu hören bekommen: "Kale" trat bereits bei Weltmusikfestivals in 26 Ländern auf - darunter in der Hollywood Bowl, im New Yorker Central Park und beim Montreal Jazz Festival. Anmeldungen unter (0176) 911 45 181 oder juergen.herda@derneuetag.de (vav)
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