Fahrgestellnummer 70 079: Wie BMW den Roadster von Elvis Presley fand
Das königliche Sportcabrio

Rot, rostig, ruiniert: Als die Bayerischen Motoren Werke das Wrack erhalten hatten, wurde es in einem ersten Sanierungsschritt in die noch brauchbaren Einzelteile zerlegt. Bild: BMW
 
Das Cockpit des Roadster 507 war entfernt und durch ein anderes ersetzt worden. Ein jämmerlicher Anblick, nicht nur für die Ingenieure. Bild: hou
 
Tristesse in der Garage. "Wo anfangen und wo aufhören?", lautete die Frage für das Team der Sanierer. Wichtig war vor allem: Der Roadster musste seine ursprüngliche weiße Lackierung erhalten. Bild: BMW

Der Heuhaufen, in dem die Stecknadel liegen musste, erstreckte sich über ganz Nordamerika. Viele Jahre lang suchten Spezialisten des Münchener Autobauers BMW einen Roadster vom Typ 507, den einst Elvis Presley fuhr. Das Fahrzeug, total abgewrackt, stand in einer kalifornischen Lagerhalle für Kürbisse.

Die Geschichte liest sich wie ein spannender Abenteuerroman. Sie begann 1957 mit dem Rennfahrer Hans Stuck. Er bekam einen eben vom Band gerollten weißen BMW 507 Roadster. Das Fahrzeug, von dem später nur 254 Einzelexemplare gebaut wurden, trug die Fahrgestellnummer 70 079. Diese Ziffer sollte weit über fünf Jahrzehnte später zu einem wichtigen Detail bei der Suche nach dem Sportwagen werden.

Tägliche Fahrten


Dem belgischen König Baudouin wurde der 507er vorgestellt, er gewann 1958 einen Schönheitswettbewerb in Wiesbaden und war Blickfang in einem Musikfilm mit dem Titel "Hula-Hoop Conny". Cornelia Froboess spielte die Hauptrolle. "Traum von der Isar", nannte man das schnittige Cabriolet. Auch Schauspieler Alain Delon und Rennfahrer John Surtees kauften sich ein solches Automobil.

Der weiße Roadster blieb nicht in Hans Stucks Eigentum. Er kam zu einem Autohändler in Frankfurt. Dort schaute im Herbst 1958 ein Mann namens Elvis Presley vorbei. In Hessen bei der US-Army stationiert und damals schon weltweit ein Star, kaufte der 23-Jährige den Wagen. Ab dann nutzte er die Nobelkarosse zu täglichen Fahrten zwischen seiner Privatvilla in Bad Nauheim zum militärischen Dienstort Friedberg. Die Fans jubelten. Doch Presleys Laune hielt sich in Grenzen: Der weiße Lack wurde mit begeisterten Botschaften an den Rocksänger per Lippenstift verunstaltet. Daraufhin bekam der Roadster eine rote Lackierung.

Im März 1960 ging Presley in die Staaten zurück. "Elvis is back", freute man sich in Memphis/Tennessee. Es gab neue Lieder wie "The Girl Of My Best Friend" und es geschah etwas, das erst viel später nachvollzogen werden konnte: Der "King", wie sie ihn schon damals nannten, verkaufte den BMW. Ab dann gab es eine Reihe von Nachbesitzern.

Für 4500 Dollar


Der rote Roadster tauchte bei einem Händler in New York auf, der ihn für 4500 Dollar an den Radiomoderator Tommy Charles verkaufte. Der nahm ihn mit in seine Heimat Alabama und baute einen Chevrolet-Motor ein. Dazu schnitt er Rahmenträger heraus. Auch das Original-Cockpit kam weg, außerdem das Getriebe. Mit dem umgebauten Sportwagen gewann Charles ein Rennen. Dann setzte sich die Zeitreise für den Roadster aus Bayern fort.

Neue Protagonisten in der schier endlosen Geschichte betraten die Bühne. Es gab zwei weitere Besitzerwechsel, ehe das seltene Stück bei dem Raumfahrt-Ingenieur Jack Castor aus Kalifornien landete. In Half-Moon-Bay bei San Francisco gesellte Castor den 507er zu anderen von ihm gesammelten Oldtimern, bunkerte ihn in einer Lagerhalle für Kürbisse.

Das US-Magazin "Bimmer" berichtete zu dieser Zeit über die intensiven Bemühungen von BMW, ein Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer 70 079 zu finden. Castor nahm Kontakt zur Verfasserin des Artikels auf. Von Hans Stuck als Erstbesitzer wusste er. Dass Elvis dieses Auto gekauft hatte, war ihm völlig unbekannt. Die Reporterin Jackie Jouret besuchte Jack Castor, wurde in die Lagerhalle geführt, arbeitete sich mit dem Eigentümer mühsam zur Fahrgestellnummer vor: 70 079. Ab dann war die Odyssee beendet: Kein Zweifel, da stand der Elvis-Roadster - allerdings in erbärmlichem Zustand.

In Kiste gesammelt


Jack Castor äußerte den Wunsch: "Versetzt den Wagen in seinen ursprünglichen Zustand." Er hatte eine Reihe von Autoteilen des 507-er in einer Kiste gesammelt und schickte sie mit, als der so sehnlich von den Münchener Autobauern gesuchte Pkw per Schiff seine Reise nach Deutschland antrat. Vor genau zwei Jahren wurde das übel zugerichtete Wrack im BMW-Museum geladenen Gästen vorgestellt. Dabei gab es die Zusicherung: "Das Fahrzeug wird so restauriert, wie es damals vom Fließband lief." Jack Castor hat diese erfolgreichen Bemühungen nicht mehr erlebt. Er starb im November 2014.


HintergrundDie BMW-Classic-Group in München schickte ihre besten Leute an den Start. Denn was da auf der Hebebühne stand, war quasi der Torso eines einst unglaublich schönen Sportwagens. Abgewirtschaftet und als Wrack in einer Lagerhalle für Kürbisse entdeckt.

Für die Restaurierung griffen die Spezialisten zu Maßnahmen, die es in solcher Form wohl nie zuvor gab. Sie zerlegten den von weiß auf rot umlackierten Roadster zunächst in alle seine noch vorhandenen Einzelteile. Danach wurde die Aluminium-Karosserie von der sogenannten Bodengruppe getrennt. Die Bodengruppe wurde in einem Säurebad und die Karosserie in einem Laugenbad entlackt.

Was folgte, war die Einzelanfertigung unzähliger Komponenten. Dies geschah vorrangig in Handarbeit. Das Armaturenbrett wurde nach damaligem Muster neu gegossen, die Lederausstattung entstand exakt nach dem Vorbild alter Fotos. Gleichzeitig ließen die BMW-Leute Fensterkurbeln und Türöffner in einem hochmodernen 3D-Druckverfahren nach Originalmaßen neu entstehen. Weiteres Detail: Der Dichtgummi des Tankdecks entstand in konventioneller Herstellungsweise. Und: Der 507er erhielt ein Autoradio vom Typ "Becker Mexico". Ein Gerät, das sich damals viele Fahrzeugbesitzer wünschten und für sie finanziell unerschwinglich war.

Die wohl spektakulärste Leistung aber gab es im vorderen Bereich des Roadsters: Das 3,2 Liter große V8-Triebwerk wurde nach Originalspezifikationen des BMW 507 gebaut und statt des vorhandenen Chevy-Motors eingesetzt. Über die Kosten der zwei Jahre dauernden Sanierung schweigt sich die Classic Group in München aus. In gewöhnlich gut informierten Kreisen wird aber von einem siebenstelligen Betrag geredet. Mit beinhaltet sind dabei auch die Kosten für eine Lackierung in Federweiß.

Seine Premiere feiert der Elvis-Roadster nicht in Deutschland. Er ist zwischenzeitlich per Schiff unterwegs nach Pebbles Beach in Kalifornien, wo man ihn ab 21. August auf einem Oldtimer-Autosalon präsentieren will. Motto dabei: Von "Return To Sender" zu "It's Now Or Never". Seine endgültige Heimat aber wird der Sportwagen des King of Rock'n'Roll in Münchener BMW-Museum finden. Genau da gehört er auch hin.


Prominente BesitzerZu den prominenten Besitzern eines BMW 507 gehörte auch die aus der Schweiz stammende Schauspielerin Ursula Andress, heute 80 Jahre alt. Sie spielte mit Elvis Presley in dem 1963 gedrehten Musikfilm "Fun in Acapulco".

In dieser Produktion, die allein der Präsentation von einem Dutzend neuer Presley-Songs diente, sang Elvis ein Lied, das zu den seichtesten und schlimmsten seiner Karriere wurde. Es hieß "No Room to Rhumba in a Sportscar" ("Kein Platz zum Rumba-Tanz in einem Sportwagen").

Dabei saß er neben einer seiner Partnerinnen in einem Cabrio mit offenem Verdeck. Das Fahrzeug war ein Typ des britischen Herstellers MG. Seinen eigenen BMW 507 hatte er zu dieser Zeit bereits verkauft. Peinlich war dem Megastar später, dass in dieser nahezu unsäglich anmutenden Komposition der Satz "Nun weiß ich, wie sich eine Brezel fühlt" vorkam. Seine Vorliebe für schnittige Cabriolets aber gab er nie auf.
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