Filmkritik "Vor ihren Augen"
Ungeschminkte Jagd auf Killer

Nicole Kidman als Claire und Chiwetel Ejiofor als Ray kämpfen im Film "Vor ihren Augen" um Gerechtigkeit für ihre Kollegin und ihre ermordete Tochter. Bild: Universal Pictures/dpa

Julia Roberts fällt in dem Thriller "Vor ihren Augen" als verhärmte FBI-Beamtin völlig aus der Rolle. Als ihre Tochter ermordet in einem Müllcontainer aufgefunden wird, hat die Agentin nur ein Ziel: Rache. Doch um den Täter zu finden, muss sie in eine dunkle Vergangenheit abtauchen.

Los Angeles. Einen besseren Stoff hätte Hollywood für die Thriller-Neuverfilmung "Vor ihren Augen" kaum finden können. Vorlage ist der preisgekrönte argentinische Film "El Secreto de Sus Ojos" (Das Geheimnis Deiner Augen), der 2010 den Oscar als bester fremdsprachiger Film holte. Für die Neuverfilmung wurde ein "Dream-Team" verpflichtet: Nicole Kidman ("The Hours"), Julia Roberts ("Erin Brokovich") und Chiwetel Ejiofor ("12 Years a Slave") bringen es zusammen auf acht Oscar-Nominierungen und zwei Gewinne.

Liebe, Rache und Sühne


Auch Drehbuchautor und Regisseur Billy Ray genießt in Hollywood Ansehen: Er schrieb unter anderem die Vorlagen für den Blockbuster "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" und den Piraterie-Thriller "Captain Phillips". Was konnte da schon schief gehen? Leider einiges. Das Original ist eine brillante, vielschichtige Mischung aus Mordthriller und Liebesgeschichte vor dem politischen Hintergrund der argentinischen Militärdiktatur. Das fesselnde Drama um einen ungelösten Mordfall führt einen Ermittler in eine dunkle Vergangenheit zurück und wirft tiefergehende Fragen über Liebe, Rache und Sühne auf. Die Schauspieler reißen mit, der Film geht unter die Haut.

Die Hollywood-Version siedelt die Geschichte nun im Jahr 2002 in Los Angeles an. Nach den Terrorangriffen vom 11. September arbeiten die FBI-Ermittler Jess und Ray (Roberts und Ejiofor) in einem Team zur Terrorbekämpfung eng zusammen. Als Dritte im Bunde steht ihnen die ehrgeizige Staatsanwältin Claire zur Seite (Kidman), für die Ray immer mehr Gefühle entwickelt.

Mangel an Beweisen


Doch mit einer grausigen Entdeckung wendet sich plötzlich ihr Leben. Die Tochter der alleinerziehenden Jess wird in einem Müllcontainer nahe einer Moschee tot aufgefunden. Sie wurde brutal vergewaltigt und ermordet. Ein Tatverdächtiger wird festgenommen, doch aus Mangel an Beweisen kommt er auf freien Fuß, der Fall wird zu den Akten gelegt.

Jess, die insgeheim auf Rache schwört, den Mord ihrer Tochter zu sühnen, schottet sich immer mehr von den Kollegen ab. Ray macht sich heimlich weiter daran, den Fall zu lösen. Nach 13 Jahren stößt er auf eine neue Spur und entdeckt die schockierende Wahrheit. Ejiofor legt sich als besessener Ermittler und als verliebter Kollege mächtig ins Zeug, doch an die knisternde Spannung des Originalfilms reicht Hollywoods "Vor ihren Augen" nie heran. Kidman wirkt unnahbar, es fehlt an Chemie. Die gewöhnlich strahlende Julia Roberts hat ihr breites Lächeln nun völlig abgelegt. Damit übertrifft sie noch ihren Auftritt als verhärmte Tochter in dem Drama "Im August in Osage County", der ihr 2014 eine Oscar-Nominierung für die beste Nebenrolle einbrachte. Mit so viel Mut zur Hässlichkeit hat man Hollywoods "Pretty Woman" noch nicht erlebt. Sie verzichtet völlig auf Make-up und weiche Filter. Mit aschfarbenem Gesicht und gramerfüllter Miene spielt sie die trauernde Mutter. Doch selbst Roberts' mutiger Auftritt kann die Schwächen der Neuverfilmung nicht wettmachen. Die vielschichtige Geschichte ist weniger glaubwürdig, den Charakteren fehlt der Tiefgang.

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Regie: Billy Ray - Mit Nicole Kidman, Julia Roberts, Chiwetel Ejiofor - Musik: Emilio Kauderer - 111 Minuten - frei ab 12 Jahren - Im Internet: www.upig.de/micro/vor-ihren-augen
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