Freunde nehmen Abschied von Lenz

Zum Abschluss der Trauerfeier für den verstorbenen Schriftsteller Siegfried Lenz in der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg wird der mit weißen Blumen geschmückte Sarg aus der Kirche getragen. 1000 Menschen nahmen Abschied von dem Autoren, der am 7. Oktober gestorben war. Bild: dpa

"Ich werde ihn sehr vermissen" - Helmut Schmidts sehr persönliche Worte über Siegfried Lenz sind Höhepunkt einer bewegenden Trauerfeier. Freunde und Politiker würdigen neben dem literarischen Werk vor allem die große Menschlichkeit des großen Autors.

Weiße Rosen, Lilien und Efeu schmücken den hellen Eichensarg von Siegfried Lenz im Altarraum. Rechts davon erinnert ein Schwarz-Weiß-Porträt an den großen Nachkriegsautor. Das Foto zeigt ihn typisch pfeiferauchend vor einer Bücherwand. Hunderte Gäste sind am Dienstag zur Trauerfeier im Hamburger Michel gekommen, darunter viele Prominente.

Verdienste um Aussöhnung

Die sehr persönlichen Worte von Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) an "Siggi", wie er den Ausnahme-Schriftsteller nennt, werden zum emotionalen Höhepunkt der Zeremonie. "Mit dem Tod von Siegfried Lenz ist für mich eine Freundschaft zu Ende gegangen, die gut ein halbes Jahrhundert gedauert hat. Und die mich immer wieder bereichert hat", sagt der 95-Jährige langsam und mit klarer Stimme.

Am 7. Oktober war der Ostpreuße, Autor so bedeutender Romane wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" sowie vergnüglich-skurriler Erzählbände wie "So zärtlich war Suleyken", in Hamburg gestorben. Blumenkränze liegen neben dem Sarg oder sind aufgestellt - darunter vom Bundespräsidenten mit schwarz-rot-goldener Schleife.

Durch einen Seiteneingang kommt die Witwe Ulla, an der Hand ihres Sohns. Helmut Schmidt wird im Rollstuhl geschoben, begleitet von seiner Lebensgefährtin Ruth Loah. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz ist dabei und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (beide SPD); sie erweisen mit Ansprachen ihrem Ehrenbürger die letzte Ehre. Scholz lobt die feine Art von Lenz. Aus der polnischen Stadt Elk, früher Lyck, ist Oberbürgermeister Tomasz Andrukiewicz angereist, um Lenz zu würdigen und zu danken für seine Verdienste um die deutsch-polnische Aussöhnung. Wie ein roter Faden ziehen sich die Würdigung der großen Literatur, der großen Menschlichkeit und Liebenswürdigkeit des Autors durch die Reden, so auch bei dem Schriftsteller Karl-Heinz Ott, dem am Ende fast die Stimme versagt.

Schmidt sitzt im Rollstuhl am nächsten zum Sarg, noch vor der ersten Kirchenbank. Die sich berührenden Hände auf den Krückstock gestützt, verfolgt er nahezu regungslos den mit Musik von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy gestalteten Gottesdienst und die Reden. Nach Richard Wagners melancholischem "Siegfried-Idyll" als Zwischenspiel erinnert er an seinen alten Freund und an die vielen Sommer zu viert mit den Ehefrauen- "Lilo, Siggi, Loki und ich".

In den letzten 30 Jahren haben Lenz und Schmidt sich mehrere Hunderte Male getroffen: "Immer auf wieder aufs Neue haben wir über Gott und die Welt geredet." Lenz habe sich selbst einen Schriftsteller genannt, "aber hinter dem Schriftsteller blieb ein Philosoph einigermaßen verborgen. Und in dem Philosophen steckte ein stringenter Moralist." "Gemeinsam ist uns die Tugend der Gelassenheit gewesen. Und gemeinsam ist uns immer das Bewusstsein der eigenen Verantwortung gewesen."

Ombudsmann des Anstands

"Ich möchte hinzufügen, dass sich Gelassenheit für uns beide nicht zuletzt gegenüber dem Alter mit all seinen Misslichkeiten bewährt hat." Verbunden habe sie auch der skeptische Blick auf die Menschen. "Wir waren uns auch einig darin, keinen metaphysischen Trost zu erhoffen, der uns über die Vergänglichkeit des Daseins hätte hinweghelfen können", sagt Schmidt.

"In unserem hohen Alter sterben doch links und rechts alle alten Freunde hinweg", sagt Schmidt. Lilo Lenz starb 2006, Loki - Schmidts Ehefrau - 2010. "Und jetzt ist Siggi beiden nachgefolgt", sagt Schmidt. "Für Loki und mich war Siegfried Lenz der Ombudsmann des menschlichen Anstandes." Er sei für ihn "ein Mann ohne erkennbare Schwächen" gewesen. "Ich werde ihn sehr vermissen", schließt Schmidt.
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