Grundschule Rieden über die Kombiklasse 1/2
Kombiklasse hat zwei Gesichter

Auf dem Wegweiser durch das Schulhaus ist die Riedener Kombiklasse 1/2 noch nicht so richtig angekommen. Da sind die Klassen 1a und 2a verzeichnet, wie Elke Beer (rechts) zeigt. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die 1/2 zwei Klassenzimmer (für den getrennten Unterricht) zur Verfügung hat. Klassleiterin Kerstin Frey (links) deutet auf die beiden Räume. Bild: ll

Das Szenario war schon aus anderen Gemeinden bekannt: Als 2014 an der Riedener Grundschule die erste Kombiklasse eingeführt wurde, gingen viele Eltern auf die Barrikaden. Nach einem halben Jahr war andernorts die Aufregung meist verflogen. Und in Rieden?

Die Amberger Zeitung befragte dazu Klassleiterin Kerstin Frey und die Klassenelternsprecherin Elke Beer.

Frau Beer, wie waren denn die ersten Reaktionen der Eltern, als sie bei einer Versammlung im Mai 2014 erfahren haben, dass in Rieden eine Kombiklasse 1/2 kommt?

Elke Beer: Ich bin da etwas zu spät gekommen, aber als ich den Saal betreten habe, war schon Tumult, da ging es verbal sehr unter die Gürtellinie. Die Eltern waren zu einer Infoveranstaltung eingeladen worden, da war noch nicht davon die Rede, dass die Kombiklasse tatsächlich eingeführt wird. Im Lauf der Versammlung hatten dann viele Eltern den Eindruck, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Deshalb war die Stimmung so aufgeladen.

Kerstin Frey: Etwa zwei Monate vorher hatte die Schule ja schon einen Infobrief über die Kombiklasse herausgegeben, aber diesen hatten wohl viele nicht mehr im Kopf. So haben sie sich überrumpelt gefühlt.

Beer: Stimmt, wenn die Einladung deutlicher formuliert hätte, worum es genau gehen soll, wären die Wogen wohl nicht so hochgegangen.

Gab es dann später noch mehr Gespräche?

Frey: Es war schon früh klar, dass ich die Kombiklasse übernehme. Ich habe versucht, den Eltern meine Vorstellungen davon darzulegen. Später habe ich ihnen auch ehrlich gesagt, dass ich noch keine Erfahrung mit Kombiklassen habe, dass ich es aber als eine Herausforderung betrachte, die ich mit einem guten Gefühl angehe. Und ich habe ihnen gesagt, dass es nur geht, wenn die Eltern wenigstens ein Stück weit hinter mir stehen und das nicht komplett ablehnen.

Beer: Wir hatten ja das Glück, dass die Frau Frey die 2. Klasse, die in die Kombi ging, schon als 1. Klasse gehabt hatte. Und wir wussten schon, dass sie auf selbstständiges Lernen achtet, wie es in der Kombi auch verstärkt kommen sollte.

Frey: Das habe ich auch als Chance bei der Kombi gesehen. Aber Arbeitspläne für die Schüler der einzelnen Klassenstufen, das ist bei 22 Kindern in der Klasse schon eine große Aufgabe. Zum Glück werde ich von der Lehramtsanwärterin und unserem Förderlehrer Egid Spies sehr gut unterstützt.

Sind 22 Kinder dann zu viel für eine Kombiklasse?

Frey: Eigentlich schon. Ich finde das Prinzip Kombiklasse gar nicht schlecht, sehe auch viele positive Effekte. Etwa dass die Kinder lernen, selbstständiger zu werden, miteinander zu lernen; sie nehmen auch sehr viel Rücksicht aufeinander, es ist ein schönes Klima in der Klasse, das macht wirklich Freude. Aber für die Lehrerin ist es durch die viele Arbeit etwa mit den Wochenplänen auch sehr belastend.

Wie könnte eine Entlastung aussehen? Öfter ein zweiter Lehrer in der Klasse?

Frey: Genau, es ist toll, wenn ich mit der Lehramtsanwärterin zusammen in der Klasse bin und wir die Schüler beispielsweise bei der freien Wochenplanarbeit gemeinsam betreuen. Da profitieren auch die Kinder davon, weil wir den Einzelnen viel intensiver beobachten und ihm helfen können. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass ich dieses Jahr näher am einzelnen Schüler dran bin als letztes Jahr.

Wie gingen denn die Eltern nach dem ersten Schock mit dem Projekt Kombiklasse um?

Beer: Zuerst hat man noch versucht, es über den Bürgermeister oder eine Bürgerinitiative abzubiegen. Das war aber eher ein Strohfeuer. Dass die Frau Frey, die wir schon kannten, Klassenlehrerin werden sollte, hat dann auch viel Zündstoff rausgenommen. Aber es war trotzdem blöd, dass eine Klasse, die als Gemeinschaft und von den Freundeskreisen her so toll funktioniert hat, getrennt werden musste.

Wie wurde denn entschieden, wer in die Kombi geht?

Beer: Frau Frey hat mit den Eltern gesprochen. Einige wollten das für ihre Kinder auf keinen Fall, andere schon. Es ging dann ganz gut auf.

Frey: Für mich war das total schwierig, die supertolle Klasse vom letzten Jahr aufzuteilen, einige zu behalten, andere abzugeben.

Beer: Und jetzt stehen wir da und wissen nicht, ob es im nächsten Schuljahr wieder eine Kombiklasse 1/2 gibt. Das kann uns keiner sagen. Da ist einfach keine Struktur, kein Konzept da. Es ist schade, wenn man merkt, dass bei den Schulen auf dem Land immer gespart wird. Das macht es Familien nicht leicht, auf dem Land zu wohnen. Denn letztlich ist die Kombiklasse eine Sparmaßnahme, und unsere Kinder sind somit denen in der Stadt gegenüber nicht gleichberechtigt.

Frey: Dem möchte ich etwas widersprechen. Ich sehe diese Benachteiligung der Schulen auf dem Land nicht. Sie werden genauso versorgt wie die Stadtschulen, und Rieden hat außerdem eine sehr großzügige Gemeinde. Im nächsten Schuljahr wird die 1/2 ziemlich sicher als Kombi 2/3 weitergeführt.

Haben die Eltern die Kombiklasse denn inzwischen akzeptiert?

Beer: Ja, die meisten sagen, wir sind durch die Bank zufrieden, auch wegen der Frau Frey. Denn die Eltern sehen, welche Leistung sie hier bringt.

Frey: Ich muss sagen, Deutsch und Mathe läuft inzwischen echt gut, da sind wir auch so schnell wie die anderen Klassen, aber bei Heimat- und Sachkunde hapert es noch. Wenn ich zurückschaue, habe ich das tatsächlich ein bisschen unterschätzt letztes Jahr. Ich war sehr euphorisch, habe gedacht, das wird super, aber grad am Anfang war es für mich und für die Kinder schon hart. Wir mussten uns erst mal finden in dem neuen System mit dem freien Arbeiten.

Wenn Sie beide einen Wunsch frei hätten, was man im nächsten Jahr in oder mit der Kombiklasse besser machen müsste, wie sähe der aus?

Beer: Dass man merkt, bei der Einführung von Kombiklassen ist ein Plan dahinter, ein pädagogisches Konzept, es ist durchdacht, nicht nur dem Zufall der Schülerzahlen überlassen. Jetzt ist es ja ein bisschen wie ein Würfelspiel.

Frey: Ich würde das Konzept noch konsequenter durchziehen und noch mehr Kombiklassen einrichten, wenn man von dem Modell an der Schule tatsächlich überzeugt ist. Dann würde ich mir aber auch wünschen, dass man in dieses pädagogische Konzept investiert. Denn nur mit geringeren Schülerzahlen und mehr Stunden, in denen man im Team arbeiten kann, entfaltet die Kombiklasse ihr Potenzial. Das würde die Schule dann noch mehr zusammenwachsen lassen. Ich hätte einfach gerne jemanden parallel, der die gleiche Arbeit macht, mit dem ich mich austauschen oder meine Arbeit reflektieren kann. Das fehlt mir schon sehr, auch weil ich von anderen Schulen her weiß, wie sehr die Lehrer davon profitieren. Das wäre eine große Erleichterung.
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