"Happy End" nach langer Zeit
Suche nach leiblicher Familie

Ein ganz offensichtlich glückliches Paar: Marie-Henriette Zapp (1922 bis 1946) und Johann Pirner (1919 bis 1944) als junger Soldat. Bild: Pirner
 
Deutsch-französisches Familientreffen beim Bartl mit (von links) Cousine Anna und Cousin Willi Mertel, Liane und Marc Marquet sowie den Cousinen Inge Schorner, Erna Hiltl und Tina Glock. Bilder: Pirner (2)
Sulzbach-Rosenberg. (wy) Deutschland und Frankreich, das ist ein großes Kapitel Weltgeschichte. Aus der Nähe betrachtet, verbirgt sich dahinter jedoch ganz einfach eine Liebesgeschichte. Allerdings selten so tragisch und anrührend wie in diesem Fall.

Alles begann vor 75 Jahren, als der 20-jährige Johann Pirner, aufgewachsen im Hofgarten und zuletzt bei einem Bauern in Hackern tätig, zum Kriegsdienst einberufen wurde. Frankreich war sein Einsatzziel, und in Metz in Elsass-Lothringen war er stationiert. Ganz in der Nähe, in dem kleinen Ort Faulquemont, lernt er die einheimische Marie-Henriette Zapp kennen, bildhübsch, wie alte Bilder beweisen, und 19 Jahre jung. Keinen Gedanken verschwendeten die beiden jungen Menschen an Vorbehalte oder Vorurteile, über die angebliche "Erzfeindschaft" zwischen beiden Völkern.

Sie mochten einander, und mehr als das, sie liebten sich. Das blieb nicht ohne Folgen. Marie wurde schwanger. War das schon in den Augen der Eltern, Nachbarn, Verwandten und Bekannten schlimm genug, so kam es noch schlimmer: Die Einheit das angehenden Vaters Johann wurde 1942 an die Ostfront versetzt.

Trauriger Abschied

Wie traurig der Abschied war - sie allein als werdende Mutter, er vor einer mehr als ungewissen Zukunft als Soldat an der Ostfront - das mag man sich gar nicht ausmalen. Nur einen glücklichen Umstand gab es: Wegen der wechselvollen Geschichte Elsass-Lothringens - mal französisch, mal deutsch - blieben Marie Anfeindungen der Bevölkerung erspart.

Dennoch kam es, wie es in den Kriegswirren kommen musste: Der Kontakt brach ab. Nur die Hoffnung blieb der einsamen jungen Frau in Faulquemont noch, aber auch die war vergeblich. Johann Pirner kehrte nie zurück; er fiel 1944 bei Senko/Schripzy-Nowosselok. Sein 1943 zur Welt gekommenes Kind, die kleine Liane mit den klugen grau-blauen Augen, dem blonden Haarschopf und unschuldigen Lächeln hat er nie zu Gesicht bekommen. Als die junge Mutter dann auch noch an TBC erkrankte, ertrug sie das immer stärker werdende Unheil nicht länger und starb schon mit 23 Jahren.

Aufenthalt im Heim

Damit könnte die traurige Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Denn die kleine Tochter wuchs heran. Hauptsächlich wurde sie nach dem Tod ihrer Mutter von ihrer Oma erzogen. Weil die mit weiteren sieben Kindern allerdings manchmal überfordert war, fand sich Liane zwischendurch auch in einem Kinderheim wieder.

Bei der Oma stand ein Bild auf der Kommode, das einen jungen Soldaten zeigte. "Wer ist der Mann auf diesem Bild?", fragte Liane immer wieder. "Dein Vater", war die Antwort, "aber der ist gefallen." Also vergaß das kleine Mädchen die ganze Sache. Aber das vaterlose kleine Mädchen wurde erwachsen, heiratete Marc Marquet und wohnt seitdem mit ihrem Mann in Hillion in der Bretagne.

Das Ehepaar trat 2010 dem Verein der Kriegs- und Besatzungskinder (ANEG) bei, der besonders in Frankreichs Grenzregion viele Mitglieder hat. Dort kreuzten sich ihre Wege mit Fernand und Colette Rumpler aus Mullhaus. Mit ihnen ergab sich eine gemeinsame Spurensuche. Fernand hatte schon viele durch Krieg zerrissene Familien wieder zusammengeführt, häufig in Zusammenarbeit mit dem deutschen Fernsehen und hier vor allem mit dem Südwestfunk.

Jetzt schien es nach mehr als einem halben Jahrhundert möglich, doch noch Antwort auf die Fragen zu finden: Was war mein Vater für ein Mensch? Wo hat er gelebt? Wo ist er wann ums Leben gekommen? Gab es Familienangehörige irgendwo in seiner unbekannten Heimat? So ganz im Ungewissen war sie ja nicht, immerhin besaß sie die 1943 ausgestellte Geburtsurkunde, in der Johann Pirner aus Sulzbach-Rosenberg sich zur Vaterschaft bekannte.

Mit dieser Unterlage genügte eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt im Sulzbach-Rosenberg, das einen Auszug aus dem Melderegister zur Verfügung stellte. Damit konnte der Kreis der "Verdächtigen" bald begrenzt werden, und als Erfolg versprechende Zielperson für einen ersten Kontaktversuch erschien Willy Mertel in der Rosenberger Straße 87.

Cousin ermittelt

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Bruder seiner Mutter Lianes Vater war, er selbst also Cousin von Liane ist. Willy Mertel konnte ihr sogar ein 60 Jahre lang aufgehobenes Foto schicken, auf dem sie gerührt erstmals ihren Vater als blutjungen Rekruten sah.

Dem ersten Brief war eine Lawine von E-Mails gefolgt. Die deutlich gewachsene Familie in Sulzbach-Rosenberg freute sich riesig, auf so unerwartete Weise ein Familienmitglied hinzuzugewinnen. "Also haben wir die Liane eingeladen, uns zu besuchen", sagt Willy Mertel, "und sie hat begeistert zugesagt."
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