Heinz Rudolf Kunze wird 60
"ich misstraue der Liebe nicht"

Heinz Rudolf Kunze wird heute 60 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er nicht. Bild: dpa

Seit Heinz Rudolf Kunze zu Beginn der 80er Jahre das Parkett der Öffentlichkeit beschritt, war er eine Reizfigur, wurde von der Hamburger Morgenpost etwa - wegen seines biederen Äußeren und seiner disziplinierten Hyperaktivität - als "Preuße des Pop" gehänselt. So kann man diesen Künstler natürlich sehen. Auch.

Hannover. Nur darf man niemals darüber vergessen, dass der Mann aus Osnabrück, dessen Familie kurz vor seiner Geburt vor den russischen Besatzern aus der Heimat Frankfurt/Oder floh, seit über vier Jahrzehnten einer der intellektuellsten, wortgewandtesten und radikalsten Komponisten deutscher Sprache ist. Kunze ist Textakrobat, begeisterter und bewusster Stein jedes Anstoßes. Musikalisch erteilte dem 59-Jährigen der Musikexpress bereits Ende der 90er die Absolution: "Er schafft in jedem Lied einen Bezug zu Randy Newman, Jimmy Page, Byrds, Beatles oder anderen Vorbildern".

Heute feiert Kunze seinen 60. Geburtstag. Was ihn nicht sonderlich zu beeindrucken scheint, statt Fest-Vorbereitungen stürzt er sich noch mehr in die unterschiedlichsten Aktivitäten als eh schon.

Bereits Anfang dieses Jahres erschien das kontrovers, aber zumeist wohlwollend diskutierte Album "Deutschland". Dazu gab es eine Tour quer durch die Republik. Parallel kamen zwei Bücher in den Handel: "Ich will hier nicht das letzte Wort", das ein Gespräch zwischen dem Allround-Künstler mit dem ehemaligen Staatschef der DDR, Egon Krenz, dokumentiert. Zum anderen erschien der Band "Schwebebalken", der mit dem Untertitel "Tagebuchtage" ziemlich präzise darauf hinweist, worum es in diesem Werk geht - eine Sammlung scharfsinniger Beobachtungen des Sprachkünstlers Kunze.

Damit nicht genug: Ende September haute Kunze, der mit seiner Gattin aktuell nahe Hannover lebt, noch eine sehr spezielle Platte namens "Meisterwerke: Verbeugungen" raus, die ausschließlich gespickt ist mit Coverversionen völlig unterschiedlicher Herkunft. Da tummelt sich Roy Black neben den Einstürzenden Neubauten, Freddy Quinn neben Casper.

Eine verwegene Mixtur ist das, nicht alles ist gelungen, spannend ist das allemal. Auch zu diesem Projekt wird Kunze zwischen März und April 2017 touren. "Ich habe nie darüber nachgedacht", grübelt der Vielbeschäftigte, "ob ich Workoholic bin. Stattdessen habe ich einfach immer nur gearbeitet. Und daran werde ich auch in Zukunft nichts ändern."

Was für ein Gefühl ist es zu wissen, dass der 60. Geburtstag direkt vor der Tür steht?

Heinz-Rudolf Kunze: Ich behaupte jetzt nicht, dass es ein Tag wie jeder andere sein wird. Doch allzu viele Gedanken mache ich mir darüber auch nicht. Ich bin aktuell in dermaßen viele unterschiedliche Projekte involviert, dass kaum Luft zum Nachdenken über dieses Jubiläum bleibt. Wobei ich dankbar bin, so alt werden zu dürfen.

Verheddert man sich nicht gelegentlich, wenn man parallel in verschiedenen Genres zu Hause ist?

Es gibt die Tage, an denen man - speziell am Morgen nach dem Aufstehen - kurz fürchtet, von sich selbst überfordert zu sein. Aber dann trinke ich einen starken Kaffee. Und weiter geht's. Ich wundere mich über Kollegen, die nur alle paar Jahre eine Platte oder ein Buch fertigstellen. Wir haben doch allesamt 24 Stunden Zeit am Tag zur Verfügung. Da kann man doch einiges hinkriegen.

"Meisterwerke: Verbeugungen" ist Ihre 36. Solo-Produktion. Läuft man nicht Gefahr, sich irgendwann zu wiederholen?

Wer so viele Platten gemacht hat, der weiß tatsächlich nicht, ob er sich selbst wiederholt oder zitiert. Mir kommt es letztlich darauf an, dass ich Geschichten erzähle. Dass ich meine Hörer zum Denken anrege. Ich drücke es gerne wie folgt aus: Wenn ich an einem Projekt arbeite, schneide ich jedes Mal ein kleines Stück aus einem langen, großen Fluss heraus.

Wie kam es zu dieser recht ungewöhnlichen Angelegenheit?

"Star Watch" kam auf mich zu, die macht nicht nur PR, sondern bringt auch Alben in den Handel. Diese Firma ist ziemlich exklusiv, die selten auf Künstler zugeht, stattdessen von diesen kontaktiert wird. Bei mir hingegen kam "Star Watch" auf mich mit dieser Cover-Idee zu.

Was verbindet die so unterschiedlichen Stücke auf der Platte?

Nur eine Sache: Dass sie mir spontan eingefallen sind, als ich über das Projekt nachdachte. Tatsächlich wollte ich einen Spagat der Extreme zeigen. Und radikaler, als ein Lied von Roy Black mit einem von den Einstürzenden Neubauten auf einer Scheibe zu vereinen, geht glaube ich nicht.

Radikal sind seit jeher auch einige Ihrer Liebeslieder, deren Inhalte nicht selten ironisch oder resigniert daher kommen, nicht immer romantisch. Woher kommt dieses gelegentliche Misstrauen gegenüber der Liebe?

Ich misstraue der Liebe nicht - ich bin nur Literat. Und der pickt sich aus diesem und jenem in seiner Erfahrungswelt etwas zusammen, das hoffentlich einen glaubwürdigen Inhalt für den außen stehenden Hörer ergibt. Damit meine Texte für die geneigte Öffentlichkeit spannend klingen, nähere ich mich inhaltlich meist dem Drama. Das ist nämlich häufig interessanter als das Glück.

Woher kommt ganz allgemein Ihre Begeisterung für Rock-Musik?

Eigentlich wollte ich mal Professor für Literaturwissenschaft werden. Doch da gibt es dieses Ding namens "Rock 'n' Roll", das mich schon als Jugendlicher völlig in seinen Bann gezogen hat. Rock 'n' Roll ist die Liebe meines Lebens. Ich war und bin ihm verfallen. Und daher versuche ich seit jeher, intellektuellen Käse mit körperlichem Lärm zu vereinen. In diesen beiden Extremen findet sich die Schnittmenge meiner Arbeit.

Sehen Sie sich als eine Art "lebendes Gesamtkunstwerk"?

Ich würde mich eher als "lebenden Gesamt-Künstler" definieren. Ich habe über solche Termini niemals nachgedacht, stattdessen einfach nur gewerkelt, wie eine Art "Kreativ-Beamter". Schön ist, dass mir bislang die Ideen nicht ausgegangen sind. Wenn man stetig inspiriert ist, muss man hinter keiner Kunstfigur verschwinden, wie es meiner Ansicht nach etwa Udo Lindenberg tut. Das wäre mir zu anstrengend. Mir geht es darum, Ich selbst zu sein. Und einfach immer weiterzumachen ...
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