Historiker und Brückenbauer
Trauer um Fritz Stern

Der amerikanische Historiker Fritz Stern. Archivbild: dpa
 
Fritz Stern. Bild: dpa

Historiker, Brückenbauer und Mahner: Fritz Stern floh vor den Nationalsozialisten in die USA. Dort machte er Karriere. Sein Interesse und Engagement aber galt zeitlebens Deutschland. Dem Land, das ihn einst vertrieben hatte. Jetzt ist Fritz Stern im Alter von 90 Jahren gestorben.

New York/Weiden. Zuletzt war Fritz Stern wieder etwas pessimistisch geworden. Trotz der Erfolgsgeschichte, als die er die Bundesrepublik Deutschland und die europäische Einigung, sah. In vielen Interviews zu seinem 90. Geburtstag am 2. Februar diese Jahres warnte der deutsch-amerikanische Historiker vor einem "Zeitalter der Angst". Er fürchtete die von Rechtspopulisten geschürte anti-demokratische Stimmung und er machte sich Sorgen um die Freiheit. Man merke "am Beispiel von Polen, wie zerbrechlich die Freiheit ist", sagte er im Interview mit dpa, das unsere Zeitung im Februar veröffentlichte.

"Es ist ein Schock, mit welcher Schnelligkeit in Polen ein autoritäres System errichtet wird", sagte Stern. Er warnte vor dem wachsenden Populismus, der damit einhergehenden allgemeinen Verdummung sowie den starken anti-elitären Gefühlen auch in seiner Heimat, den USA. Für Deutschland war der Historiker gleichwohl zuversichtlich. Er vertraue auf die demokratische Kultur und die Kräfte, die sich dem Rechtspopulismus entgegenstellen.

Michael Brenner lobt den Lehrer


Stern war nicht nur ein herausragender Historiker, der sich bis zuletzt in den politischen Debatten in den USA und in Deutschland zu Wort meldete. Er war vor allem auch ein akademischer Lehrer, der Generationen von Studenten prägte. Unter ihnen der in Weiden aufgewachsene Michael Brenner. Der Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist inzwischen selbst ein international anerkannter Historiker.

"Professor Stern war ein akademischer Lehrer, wie es ihn heute so nicht mehr gibt", schreibt Brenner in einer E-Mail. Er lernte Stern an der Columbia University in New York kennen und schätzen, wo dieser lehrte. Weitere Stationen der akademischen Laufbahn Sterns waren die Universität Princeton, die Pariser Sciences Po, die Freie Universität Berlin und die Universität Konstanz.

Im Jahr 1987 sprach Stern vor dem Bundestag als erster ausländischer Staatsbürger zum Volksaufstand in der DDR. Zudem war er ein Berater amerikanischer und europäischer Politiker - zu manchen entwickelte sich eine Freundschaft, etwa zu Henry Kissinger oder zum inzwischen verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt (1918-2015).

"Seine Seminare, oft bei ihm zu Hause, waren nicht nur Lehrstunden in europäischer Geschichte, sondern brachten uns Doktoranden auch mit einem Zeitzeugen in Kontakt, der vieles aus seinem eigenen Leben zu berichten hatte", erinnert sich Brenner. "Manchmal klingelte während der Seminare das Telefon, und Stern rief aus: ,Oh hello Helmut' oder ,Hello Henry' - und plötzlich waren Helmut Schmidt oder Henry Kissinger sozusagen mit im Raum."

"Der Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber, der war sein Taufpate, später lernte er Albert Einstein kennen", schreibt Brenner. Über Haber, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland die Chemiewaffen, entwickelte, hatte Stern eine persönliche Verbindung zu einem seiner Interessensgebiete als Historiker.

Buch über Bonhoeffer


Mit seiner zweiten Frau Elisabeth Sifton veröffentlichte Fritz Stern ein Buch über den im Konzentrationslager Flossenbürg ermordeten Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und den im KZ-Sachsenhausen ermordeten Hans von Dohnanyi, ebenfalls im Widerstand gegen Hitler. Der Aufstieg der Nationalsozialismus, das Versagen der deutschen Eliten war sein weiteres großes Thema.


Das Interview mit Fritz Stern zu seinem 90. Geburtstag: „Wir stehen vor einem Zeitalter der Angst"

StationenDie Studien Fritz Sterns trugen entscheidend zur Verständigung zwischen Amerikanern, Briten und Deutschen bei. Sein Leben in Stichpunkten:

Herkunft: Geboren am 2. Februar 1926 in Breslau als Sohn eines jüdischen Arztes; unter dem Druck der Nazis emigriert die Familie 1938 in die USA

Ausbildung: Studium der Geschichte an der Columbia University in New York, Examen 1948; Promotion in Geschichte 1953; Berufung zum ordentlichen Professor 1963

Werke: "Kulturpessimismus als politische Gefahr" (1963). Die Studie wird zum Klassiker. Weitere Werke: "Das Scheitern illiberaler Politik" (1974); "Gold und Eisen, Bismarck und sein Bankier Bleichröder" (1978, 1999); "Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht" (1988); "Das feine Schweigen" (1999)

Auszeichnungen: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1999); Leo-Baeck-Medaille (2004); Deutscher Nationalpreis (2005); Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin (2007); Internationaler Brückepreis (2008) (dpa)
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