"Ich will keinen Polit-Papst"

Papst Franziskus (links) begrüßt seinen Vorgänger Papst Emeritus Benedikt XVI. im Petersdom. Autor Martin Mosebach sieht den neuen Papst aus einer kritischen Perspektive. Bild: dpa

Papst Franziskus vernachlässigt aus Sicht des Autors Martin Mosebach die traditionellen Pflichten seines Amtes. "Sein Amt besteht in Kontinuität, nicht in Veränderung. Er hat nicht die Aufgabe, die Kirche neu zu erfinden", sagt Mosebach.

Mosebach ("Das Blutbuchenfest") zählt zu den bekanntesten konservativen katholischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Die Wiederzulassung des alten Messritus durch Papst Benedikt XVI. 2007 begrüßte er mit Nachdruck. Was er über den neuen Stil unter Papst Franziskus denkt, verrät der derzeit als Stipendiat in Rom lebende Autor im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

KNA: Herr Mosebach, Papst Franziskus scheint Veränderungen in der Struktur und in der seelsorglichen Praxis anzustreben. Was denkt ein konservativer Katholik bei so viel Aufbruchsrhetorik?

Martin Mosebach: Bisher kann niemand sagen, was Franziskus eigentlich genau will. Die veröffentlichte Meinung versucht ihm Absichten unterzuschieben, die dem Zeitgeist entgegenkommen. Möglich, dass er größere Reformen durchsetzen will.

Vielleicht verkennt man ihn aber auch, und es geht ihm gar nicht so sehr um Veränderung. Die Menschen jubeln ihm zu, aber ich weiß nicht, ob sie wissen, wem sie da zujubeln. So zugewandt und herzlich Franziskus auftritt, so verschlossen ist er auch. Er lässt sich nicht in die Karten gucken.

Diese Erwartungshaltung hat Franziskus selbst befeuert.

Mosebach:Und das sogar bei Leuten, die gar nichts mit der katholischen Kirche zu tun haben. Sie bewerten ihn wie einen neuen Präsidenten, der ein neues Programm vorlegt. So agiert ein Papst traditionellerweise nicht. Sein Amt besteht in Kontinuität, nicht in Veränderung. Er hat nicht die Aufgabe, die Kirche neu zu erfinden. Franziskus hat aber von der ersten Sekunde an eine Zeichensprache gewählt, die eine mediale Öffentlichkeit bedienen und vermitteln sollte: Ich mache alles anders.

Das war nicht sehr loyal gegenüber seinem Vorgänger. Angefangen von seinem "Buonasera" statt des Priestergrußes "Gelobt sei Jesus Christus" über die Ablehnung päpstlicher Kleidung bis zum Einzug ins vatikanische Gästehaus. Solchen Äußerlichkeiten wuchs für mein Gefühl eine unangemessene Bedeutung zu.

Ihnen fehlt die Sympathie für päpstliche Bescheidenheit?

Mosebach: Letztlich ist das für mich keine Bescheidenheit, sondern das Herabdimmen auf einen Lebensstil, der sich mit dem der weltlichen Macht von heute deckt. Milliardäre tragen heute T-Shirt und sitzen auf bequemen Sofas statt auf harten Barockmöbeln. Die alte Pracht der Kirche war eine Kunst für die Armen. Schwere Brokatmäntel, die die Herrlichkeit des wiederkommenden Christus darstellen, sind sehr unbequem. Der "Bergoglio-Style" darf nicht mit Askese verwechselt werden. Und selbst wenn Franziskus Asket wäre, möchte ich davon auf keinen Fall in den Massenmedien erfahren. Askese hat ihren Wert vor allem im Verborgenen.

Viele konservative Katholiken befürchten unter Franziskus einen Angriff auf kirchliche Lehrinhalte. Die Vorstöße der Familiensynode im Oktober für einen neuen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen gingen ja recht weit.

Mosebach:Falls die intensive Lenkung der Synode auf Franziskus zurückging, hat er jedenfalls auch Gegenwind bekommen. Es ist nicht geglückt, die vorbereiteten Papiere durchzudrücken. Mich störte dabei schon das Tempo. Die Kirche war immer langsam, aber das war gut. Unendliche Diskussionen spiegelten die geistigen Entwicklungen, bis irgendwann eine päpstliche Entscheidung fiel. Am Ende setzte sich immer das Erprobte durch.

Das meint ja das Bild der pilgernden Kirche durch die Geschichte. Dieser Weg soll möglichst ohne Verluste an der Substanz erfolgen. Aber wie gesagt: Bisher ist völlig unklar, was Franziskus wirklich denkt - nur, dass er viel Wert auf eine barmherzige Kirche an der Seite der Armen legt, was für die Kirche von jeher eine Selbstverständlichkeit war.

Erhoffen Sie sich denn etwas von Franziskus?

Mosebach:Ich erhoffe mir von jedem Papst, dass er die Katholiken im Glauben stärkt und die Kirche durch ihn an spiritueller Kraft gewinnt, damit sie ihren Glauben gegen den Zeitgeist behaupten kann. Aber das braucht Zeit. Jubelszenen am Papamobil sind dafür kein Maßstab. Erst in ein paar Jahren wird man sehen, ob die Priesterseminare und die Ordensgemeinschaften wieder mehr Zulauf haben und die Konversionen zunehmen; ob es also bei Franziskus etwas gibt, was über das Sympathische, die Fähigkeit, mit der Masse zu kommunizieren, hinausgeht.

Ende November hat der Papst zum Beispiel vor dem EU-Parlament in Straßburg an Europas christliche Identität appelliert. Waren Sie davon nicht angetan?

Mosebach:Einerseits war es gut, die säkularen Politiker an das zu erinnern, was sie partout nicht hören wollen. Dass nämlich alles, was sich europäisch nennt, auf das Christentum zurückgeht. Selbst die antichristlichen Strömungen seit der Aufklärung konnten sich von der Auseinandersetzung mit der Religion niemals lösen.

Aber andererseits?

Mosebach:... sind solche Auftritte für mich letztlich Sonntagsreden, die bei den Politikern ins eine Ohr hineingehen und aus dem anderen hinaus. Mich interessieren diese ganzen päpstlichen Appelle eigentlich nicht. Ich hätte lieber einen Papst, der gar keine Reden hält. Ich möchte einen Papst, der den Menschen die Hände auflegt, der sie segnet, sie von ihren Sünden freispricht und die Messe für sie hält. Einen Priester-Papst, keinen Polit-Papst.

Das klingt allerdings ein bisschen weltfremd und würde der katholischen Kirche viel von ihrer Wirkung nehmen. Was haben Sie gegen Charismatiker auf dem Papstthron?

Mosebach:Ich habe nichts gegen Charisma in der Kirche, im Gegenteil. Aber es war von Anfang so, dass die Kirche die Institution und das Charisma getrennt hat. Nicht Paulus, der charismatische Theologe, wurde der erste Papst, sondern Petrus, der Fischer. Eine priesterliche, segnende Figur. Es wurde auch nicht der heilige Franziskus Papst, obwohl er die Menschen seiner Zeit am stärksten begeisterte. Er wollte nicht einmal Priester sein. Die Kirche atmet mit zwei Lungen: mit der im Papstamt kulminierenden institutionellen Würde und mit dem Glaubenseifer ihrer Charismatiker. Beides sollte man auseinanderhalten. Ich halte es auch für einen Irrtum, dass Päpste seliggesprochen werden. Sie sind in erster Linie die Hüter der Kontinuität und der Sakramente.

... die seit der Neuregelung von Benedikt XVI. seit 2007 wieder nach der alten, vorkonziliaren Messordnung gefeiert werden dürfen. Sie zählten damals zu den größten Befürwortern. Papst Franziskus scheint daran weniger Interesse zu haben.

Mosebach:Ich vermute, dass er weder am alten noch am neuen Ritus, an Liturgie überhaupt, die ich selbst für das Herz der Kirche halte, großes Interesse hat. Da ist er ganz Jesuit. 2007 stellte er zwar als erster Erzbischof der Welt eine Kirche in Buenos Aires für die Feier des Alten Ritus zur Verfügung. Er hatte offenbar nichts dagegen. Die Feier des Alten Ritus hat sich unter Benedikt weltweit ausgedehnt. In fast jeder größeren deutschen Stadt können Sie ihn feiern. Noch stärker ist die Verbreitung in Frankreich, am allerstärksten ist sie in den USA. Benedikt XVI. hat mit seinem Schritt auf ein weit verbreitetes Bedürfnis reagiert. Das war für mich seine größte Leistung als Papst.

Aber die Gespräche mit den Piusbrüdern treten weiter auf der Stelle. Wie beurteilen Sie die Chancen einer Einigung zwischen der Kirche und den Traditionalisten?

Mosebach:Ich habe da keine Prognose, die Einigung wäre aber sehr wünschenswert. Entscheidend ist doch erst einmal, dass die Gespräche überhaupt weitergehen und das tun sie. Nach Benedikts Rücktritt sagten viele, damit schließe sich endgültig die Tür für die Piusbrüder. Doch Franziskus hat mit ihnen im Grunde sogar weniger Probleme als sein Vorgänger, weil er sich weniger für theologische Detailfragen interessiert.

Vermissen Sie Benedikt XVI.?

Mosebach:Ich habe seinen Rücktritt sehr bedauert. Den Anforderungen des Amts glaubte er sich körperlich nicht mehr gewachsen und empfand seine Amtszeit als zu kurz, um darauf eine lange Phase der Agonie folgen zu lassen wie Johannes Paul II. Das muss man so akzeptieren. Die Ausformung der neuen Institution eines "Papa emeritus" ist für mich aber noch nicht ausreichend geklärt. Ich hoffe nicht, dass nun eine Epoche zurücktretender Päpste vor uns liegt. In jedem Fall war Benedikt XVI. ein großer Papst - aber kein Herrscher. Dagegen ist Franziskus ein Herrscher und Autokrat. Ob er auch ein großer Papst wird, muss sich noch zeigen.
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