Inszenierung bei den Münchner Opernfestspielen
Von der religiösen Intoleranz

Die Mauer trennt wie einst Ost und West, nicht nur territorial, sondern geistig. Der Hass zwischen den Ideologien ist in Fromental Halévys Grand Opera "La Juive" die Sturheit der Religionen. Zu sehen ist die Inszenierung bei den Münchener Opernfestspielen.

München. Bertrand de Billys musikalische Interpretation und deren Inszenierung durch Bieto Calixto entdecken das Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, uraufgeführt 1835, und Vorbild nicht nur für Wagner und Verdi neu. 173 Mal wurde "La Juive" in der Münchner Staatsoper aufgeführt, bis man die Oper aus dem Programm nahm, um nicht antisemitische Tendenzen zu befeuern.

In kompakter Länge


So wie Halévy die Konventionen der italienischen Oper hinter sich ließ, indem er Handlung, Figuren und Musik auf hohem Niveau fusionierte, wagt Dirigent Bertrand de Billy vor verändertem gesellschaftspolitischen Kontext sinnvolle Veränderungen. Er kürzt die Oper zu einer kompakten Länge, streicht die Unnötigkeiten, die einer Grand Opera im einstigen Paris dem gesellschaftlichen Ereignis geschuldet waren: Ouvertüre, inhaltliche und musikalische Wiederholungen, das Ballett.

Wuchtig lässt er "La Juive" mit dem Te Deum auf der Orgel beginnen, intensiviert durch die Vehemenz des Chors davor, der immer wieder als christlicher Mob in Aktion tritt. Wunderbar kristallisiert Bertrand de Billy Halévys harmonische Arien, Duette und Terzette heraus, die Instrumentalisten immer im Dienst der Sänger, subtil akzentuierend, klar perlend die Harfen, sanft die Bläser, innig und andächtig, wenn der Chor das Pessachfest vermittelt, und gleich darauf mit aggressiver Vehemenz leidenschaftliche Gefühle und chorische Pogromstimmung.

Riesige Lettern


Bieto Calixto verzichtet auf historische und religiöse Details. Die hasserfüllten Massenbewegungen sind unabhängig vom Konstanzer Konzil 1414 des Originalschauplatzes überall möglich. Die Menschen tragen Alltagskleidung, die Friedenszweige werden zu Peitschen. Die Massentaufe der Kinder degradiert zum Waterboarding. In riesigen Lettern und Videosequenzen (Sarah Derendinger) werden die Hasswörter religionspolitischer Ideologisierung auf die Mauer projiziert. Eine Umarmung Rachéls mutiert zum Würgegriff. Ein Lamm wird im Vorfeld geschlachtet. So wird Rachéls tragisches vorweggenommen. Der Kardinal verurteilt sie zum Tode, weil sie einen Christen liebt, den Reichsfürsten, wie sich später herausstellt, der der Prinzessin Eudoxie versprochen ist. Erst als Rachél verbrannt wird, enthüllt der jüdische Ziehvater Élézar rachelüstern, dass Rachél die Tochter des Kardinals ist. Rachél wird Opfer religiöser Sturheit und Rachsucht, missbraucht als Gottesopfer.

Die Mauer dreht sich, ist immer präsent, macht jede Annäherung unmöglich. Langsam senkten sich bedrohlich Mauerteile und formieren zu Kerkerzellen (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme Ingo Krügler). Wenn Rachél brennt, brennt der Gottesstaat auf beiden Seiten. Die großartige Besetzung bringt Halévys Melodientalent bestens zur Wirkung. Grandios im sängerischen und schauspielerischen Ausdruck intonieren Aleksandra Kurzak als Rachél und Vera-Lotte Böcker als Eudoxie die Gefühlsskalen der Leidenschaften zwischen Liebessehnsucht und Verzweiflung, jede auf ihre Weise einzig- und großartig.

Wunderbare Kontraste


Die Rolle Élézar mit dem mächtigen Tenor Roberto Alagnas zu besetzen, brachte wunderbare Kontraste zum satten Bass Ain Angers als Kardinal, dessen wohlwollend umarmende Freundlichkeit allerdings irritierte, interpretierte man sie nicht als perfekte Scheinheiligkeit. Nur John Osborn, im Gegensatz zu den anderen Rollendebüts, eigentlich versierter Halévy-Interpret, enttäuschte als Reichsfürst. Geliebt von zwei so gewaltigen Frauen, vermisste man bei ihm ein adäquates Stimmcharisma.
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