Interview mit Andreas Eschbach
Aufstehen, Schreiben, Mittagessen

Andreas Eschbach. Bild: Olivier Favre

Seit 13 Jahren lebt Andreas Eschbach in der Bretagne, prägt aber den deutschen Schriftstellernachwuchs: Der aus Ulm stammende Bestsellerautor lockt mit Tipps auf seiner Internetseite zahllose Schreiberlinge an.

Ulm. Mit dem "Jesus-Video" gelang ihm der Durchbruch: Eschbach ist aus der deutschen Unterhaltungsliteratur nicht wegzudenken. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst entlarvt der 56-Jährige falsche Bilder über das Literatenleben, verrät den Titel seines nächsten Romans und beschreibt, was aus seiner Sicht ein gutes Buch ausmacht.

Herr Eschbach, Sie haben Ihr Schriftstellerleben mal als eher langweilig beschrieben: Aufstehen, Schreiben, Mittagessen, Schreiben, Ins-Bett-Gehen. Das Aufregende geschehe in Ihren Geschichten. Eine Untertreibung?

Andreas Eschbach: Langweilig ist es, wenn man zuschauen muss. Wenn TV-Journalisten kommen und Aufnahmen machen, dann wollen sie nie Bilder, wenn ich schreibe - allenfalls drei Sekunden. Aber danach muss ich wieder mit der Rolltreppe fahren und an Plätzen entlanggehen, das mögen Fernsehmacher am meisten. Aufregend ist es, wenn man selbst schreibt, Figuren und Handlungen entwickelt, recherchiert - das ist alles andere als langweilig.

Über den Literaturbetrieb in Deutschland haben Sie sich immer wieder kritisch geäußert. Warum?

Ach was, ich frozzle ab und zu. Aber das darf ich, denn ich bin U-Autor und für das Feuilleton uninteressant. Viele lästern über die Unterscheidung in E ("Ernste Literatur") und U ("Unterhaltungsliteratur"), aber ich finde die sinnvoll. U-Literatur hat den Leser im Auge - man will bestimmte Ideen und Gedanken zu ihm transportieren und Reaktionen hervorrufen. Und man versucht, so zu schreiben, dass man den Leser packt. So verstehe ich mich selbst. E-Literatur dagegen ist experimentell, will die Sprache und ihre Möglichkeiten ausprobieren. Der Leser ist hier eher als Zuschauer geduldet - und er muss oft viel Geduld mitbringen. Das funktioniert manchmal sehr gut - und oft eben auch nicht.

Mit den Schreibtipps auf Ihrer Homepage prägen Sie eine Generation von Nachwuchsschriftstellern. Ist das Ihr Beitrag zur Förderung von Literatur?

Angefangen habe ich das aus Selbstschutz, weil mich immer wieder dieselben Fragen per E-Mail erreichten. Ich dachte, wenn ich die Antworten für alle auf meine Homepage stelle, lassen die Fragen nach. Stattdessen sind noch mehr und andere Fragen gekommen. Inzwischen stehen dazu Antworten auf meiner Seite, die ausgedruckt bestimmt 200 Seiten füllen. Aber ich erweitere das jetzt nur noch alle paar Monate.

Was war die schönste Erfahrung mit Nachwuchsliteraten - und was die schrecklichste?

Ich habe mich gefreut, dass Leute, die früher in meinem Schreibseminar waren, später ausgezeichnete Bücher veröffentlicht haben (was natürlich nicht nur an meinem Seminar lag). Weniger schön ist das exaltierte Verhalten mancher Nachwuchsautoren, die sich wundern, dass sich niemand für ihre Memoiren interessiert, die sie im Alter von 24 geschrieben haben. Solche Leute bitten um ein Feedback - und wenn es kritisch ausfällt, weisen sie es zurück. Die wollen keinen Rat, sondern Bestätigung.

Haben junge Schreiber manchmal auch falsche Bilder im Kopf, wie ein Schriftstellerleben aussieht?

Ja, da gibt es unterschiedlichste Bilder. Dass Literaten wie Hemingway den ganzen Tag im Café sitzen. In Filmen sieht man Autoren nie schreiben, sondern Nächte durchmachen und Affären haben - das alles hat mit der Realität eines Schriftstellers nichts zu tun. Die jungen Leute sollen ausprobieren, wie es tatsächlich ist. Wenn sie merken, dass ihnen Schreiben keinen Spaß macht, sollten sie sich das nicht antun.

Sie warnen angehende Schriftsteller vor dem Germanistikstudium. Warum?

Während meines Luft- und Raumfahrtstudiums in Stuttgart war ich in einem Literaturkreis mit Germanistikstudenten. Die haben manchmal das schlimmste, unlesbare und völlig verquaste Zeug verfasst. E-Literatur hoch zwei. Und der härteste Vorwurf gegen meine Texte war immer: "Das ist so unterhaltsam geschrieben." Ich glaube nicht, dass das Germanistikstudium die richtige Vorbereitung fürs Schreiben ist. Der Literaturwissenschaftler stellt Theorien über die Literatur auf - ein Schriftsteller muss diese Theorien nicht kennen, um gute Texte zu schreiben.

Sind Sie schon damit zufrieden, wenn Sie Ihr Publikum gut unterhalten haben?

Das wäre mir zu wenig. Eine gute Geschichte hinterlässt ein geistiges Bild, an das sich der Leser auch später noch erinnert. Dieses Bild bietet einen zusätzlichen Blickwinkel, die Situation zu verstehen. Das kann Literatur im besten Fall bewirken: einen Fundus an anderen Blickwinkeln. Ein Buch ist aus meiner Sicht gut, wenn ich nach Ende der Lektüre nicht einfach das nächste aufklappe. Ein gutes Buch muss nachwirken.

Jesus lässt Sie nicht los. Ihr erster Bestseller war "Das Jesus-Video", es folgte 2014 "Der Jesus-Deal". Was ist Ihre religiöse Prägung?

Ich bin evangelisch getauft, war im Religionsunterricht, bin konfirmiert. Religion interessiert mich. Mich beschäftigt die Frage, wie stark uns Religion prägt und ob das gut ist.

Nun leben Sie im laizistischen Frankreich, wo Religion und Staat scharf getrennt sind. Gefällt Ihnen das besser als das deutsche Modell?

Es ist natürlich gewöhnungsbedürftig, dass dort an Karfreitag die Post ausgeliefert wird und die Müllabfuhr vorbeikommt. Aber so sollte es auch sein, dass Religion als Privatangelegenheit betrachtet wird.

Sie kommen selbst aus der Computerbranche, warnen aber heute vor einer überbordenden Nutzung der Elektronik. Verhindert Schreibsoftware auch die Schriftstellerei, weil man ständig mit der Technik befasst ist?

Vor allem die Anbindung ans Internet verhindert Schriftstellerei. Die Versuchung, auf Nachrichtenseiten nach Neuem zu suchen oder zu schauen, was sich gerade auf Facebook tut, ist groß - und hält vom Schreiben ab. Deshalb bemühe ich mich um internetfreie Zeiten. Samstags bin ich in der Regel abgehängt, da fahre ich meistens nicht einmal mehr den Computer hoch.

Viele Menschen hätten Lust, einen Roman zu schreiben. Warum tun sie es nicht?

Weil sie glauben, dass das eine Zeitfrage sei. Die Leute verschieben ihr Schreiben dann auf den Ruhestand, aber das ist falsch. Manche haben ganz viel Zeit und schreiben trotzdem keine Romane, manche haben sehr wenig Zeit und schreiben trotzdem welche. Es gibt also keinen Grund, zu warten.

Welche Vorurteile erleben Sie als Schriftsteller?

Wenn man bekannt ist, betrachten manche einen, als sei man aus dem Alltag herausgehoben, lebe in einer anderen Sphäre. Tatsächlich lebe ich gar nicht so anders wie andere Menschen, und das Finanzamt interessiert sich mehr für meine Buchhaltung als für meine Bücher.

Was begegnet Ihnen noch an Vorurteilen?

Dass ich angeblich in der Bretagne lebe, weil ich dort Inspiration suche. Mein Wohnort hat mit Inspiration nichts zu tun, die könnte ich überall haben. Ich könnte meine Bücher auch im elften Stock eines Hochhauses in der Innenstadt schreiben. Die Aussicht wäre vermutlich nicht so schön, aber wenn man schreibt, sieht man auf den Computerbildschirm. Das Wesentliche ist, dass man dabei in Ruhe gelassen wird.

Letzte Frage: Wann kommt ein neuer Roman von Ihnen?

Am 9. September. Er heißt "Teufelsgold", und es geht um den Stein der Weisen.
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