Interview mit Dave Stewart
Exzentrischer Exzess

 

Dave Stewart ist ein charmanter Verrückter, darüber muss kein Wort verloren werden. Das würde der englische Musiker, Komponist und Produzent auch nie abstreiten. "Genie und Wahnsinn liegen bei mir seit jeher eng beieinander", feixt der 63-Jährige. "Ich glaube, das tut meinem Schaffen ganz gut, diese explosive Kombination."

Höfen. Stewart lernte 1975 die Kellnerin Annie Lennox kennen, die unbedingt Sängerin werden wollte. Der Gitarrist und die kühle Schönheit wurden ein Paar, taten sich mit Kreativ-Freunden zur Band "The Tourists" zusammen, die eher bescheidenen Erfolg verzeichnete. 1980 wurde aus dem Quintett das Duo Eurythmics, das Millionen von Tonträgern verkaufte und bis heute als eines der Aushängeschilder des sogenannten "New Wave" gilt. Stewart und Lennox trennten sich bald erotisch voneinander, blieben aber bis weit in die 1990-er hinein "eurythmische" Kreativ-Partner, sind bis heute eng befreundet.

Der leidenschaftliche Hutträger Stewart schrieb in den letzten Jahrzehnten erfolgreich Film-Soundtracks, wurde Teil verschiedener Bandprojekte wie Vegas oder den Spiritual Cowboys, mit Mick Jagger gründete er die Kurzzeit-Formation "SuperHeavy". Heute ist er in dritter Ehe mit der Fotografin Anoushka Fisz verheiratet, Vater von insgesamt vier Kindern - und hat jetzt den ganzen Wahnsinn seiner Vergangenheit in der äußerst vergnüglich zu lesenden Autobiografie "Sweet Dreams Are Made Of This" (22,50 Euro, Hannibal-Verlag) auf knapp 400 Seiten der Öffentlichkeit freigegeben.

"Er ist kreativ und exzentrisch", schreibt Mick Jagger über Sie im Vorwort Ihrer Autobiografie "Sweet Dreams Are Made Of This". Stimmen Sie mit ihm überein?

Dave Stewart: Mick hat mich 1993 kennen gelernt. Damals war ich in der Tat total durchgeknallt. Ich war auf allen möglichen Drogen, von denen ich teilweise nicht mal wusste, wie sie heißen. Heute gehe ich das Leben etwas ruhiger an, was vor allem mit meinem Alter zu tun hat. Mit 63 sollte man sich halbwegs im Griff haben, wenn man noch eine Zeitlang auf diesem Planeten rumwandeln möchte.

Unabhängig davon sind Mick und ich dicke Freunde. Die Chemie zwischen uns hat von Beginn an gestimmt. Auf den Außenstehenden mag der Mann arrogant und zickig wirken. Tatsächlich aber ist er ein großzügiger, freundlicher und witziger Gentleman der alten britischen Schule.

Apropos "Humor": Wie wichtig ist der in Ihrem Buch wie in Ihrem Leben?

Ohne ihn geht gar nichts bei mir! Für mich ist das Dasein ein großes psychedelisches Abenteuer. Auch wenn ich seit längerem in den USA lebe, bin ich durch und durch Brite und dadurch von Natur aus der Exzentrik verpflichtet. Diese ganze Sache hier auf der Welt ist eine einzige schwarze Komödie und ohne Humor unerträglich.

Während Sie an Ihrem Buch schrieben: Wie tief mussten Sie eintauchen in Ihre eigene Historie, in Ihren eigenen Charakter?

Ich denke, die ausschlaggebende Angelegenheit, um dieses Buch überhaupt zu schreiben, war die Scheidung meiner Eltern, als ich noch ein Junge war. Diesen Umstand habe ich lange Zeit verdrängt. Doch vor ungefähr fünf Jahren kam er wieder hoch. Ich war damals in Jamaika in einer Kneipe, irgendwie verzweifelt und wollte mich volllaufen lassen. Also ging ich in eine Bar - und dort stand ein Typ, der seit 40 Jahren dort arbeitete, völlig entspannt war und grinste. In diesem Moment wusste ich, dass unser Dasein eigentlich vollkommen entspannt sein kann. Und im nächsten Moment wusste ich, dass ich meine Lebensgeschichte aufschreiben werde. Vor allem deshalb, um die Dämonen der Melancholie loszuwerden.

"Musik ist eine Form von Spiritualität", schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie darf man diesen Satz verstehen?

Musik hat in unserer komplexen und irgendwie oberflächlichen Zeit nicht mehr den Stellenwert, den sie mal gehabt hat, was ich sehr bedauere. Musik war mal richtig revolutionär und hat das Denken und Handeln der Menschen zutiefst beeinflusst. Trotzdem gibt es zum Glück noch genügend Leute, die von der Musik gepackt und überfallen werden. Für die ist das eine Art heiliger Gral. Einer von diesen Typen bin ich.

Sie haben auch gerne Drogen als eine Art "spiritueller Angelegenheit" betrachtet. Bereuen Sie irgendwas von Ihren Erfahrungen in dieser Richtung?

LSD hat mich jedes Mal sehr inspiriert, das ist eine abgefahrene Angelegenheit. Du musst natürlich auf Abenteuer aus sein und neugierig, wenn du dich darauf einlässt. Doch das war es die Sache immer wert. Den Quatsch mit dem Speed hätte ich besser gelassen - das ist eine bösartige Angelegenheit, die saugt dich irgendwann seelisch wie körperlich aus. Aber trotz aller Erfahrungen in dieser Richtung bin ich kein Feind von Drogen. Das Zeug existiert nun mal. Man kann damit experimentieren. Wenn man irgendwann feststellt, dass es einem nichts bringt, lässt man es eben. So einfach ist das.

Kann man Ihrer Ansicht nach nicht kreativ sein, wenn man nicht exzessiv und verrückt ist?

Um ehrlich zu sein, halte ich die Welt für verrückt, mit all ihren Kriegen, ihrer Gewalt, ihrer Gier nach Geld. Wir Künstler, sofern wir unsere Arbeit ernst nehmen, wollen etwas Positives schaffen. Dazu muss man anders sein, als unsere konforme Gesellschaft - zumindest habe ich stets so gedacht.

Was hat Ihre Frau gesagt, nachdem sie Ihr Manuskript gelesen hatte?

Gar nichts - denn ich habe es ihr bislang nicht gegeben. Ich glaube, das ist besser so. Denn ich habe keine Lust, am nächsten Tag die Scheidungspapiere auf dem Tisch zu haben ...

All diese Super-Prominenten wie Mick Jagger, Annie Lennox oder Jon Bon Jovi zu kennen - sind das Seelenverwandte für Sie?

Wir gehen zunächst mal alle sehr vertraut miteinander um, sehr freundlich und sehr respektvoll. Alleine schon aus dem Grund, weil wir zusammen tolle Musik machen wollen. Das ist doch der Punkt: Künstler müssen sich austauschen, damit etwas Neues, hoffentlich Positives entsteht.

Wie sieht Ihr Verhältnis zu Annie Lennox heutzutage aus?

Uff, wir haben unglaublich viel miteinander erlebt, Magie und Irrsinn. Wir sind schon lange kein Liebespaar mehr, das ist bekannt. Aber wir mögen und schätzen uns sehr, auch nach all den Jahren. Wenn es nach mir geht, werden wir uns nie aus den Augen verlieren.

War es nicht gelegentlich anstrengend, all die schrägen Erinnerungen Ihres Lebens auf Papier zu bringen?

Aber ja doch - alles in allem hat mich die Sache fünf Jahre Zeit gekostet. Was für ein Wahnsinn! Trotzdem bin ich sehr stolz auf mein Buch. Was für mich ganz wichtig ist: Endlich bin ich die Dämonen meiner Vergangenheit los. Ich hoffe für immer.

Was sind Ihre beruflichen Pläne für die Zukunft?

Ich produziere verschiedene Künstler, ich manage manche davon, ich schreibe an eigenen neuen Songs, ich gebe Konzerte, ich habe meine eigene Firma. Was man eben so macht, wenn man nichts Besseres gelernt und keinen anderen Job hat. Was für mich das Schönste an meinem Dasein ist: Alles was ich tue, hat mit Kunst zu tun. Für einen geborenen Chaoten wie mich kann es nichts Schöneres geben.

___



Weitere Informationen:

www.davestewart.com
Weitere Beiträge zu den Themen: Interview (75)Mick Jagger (5)Dave Stewart (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.