Interview mit dem Journalisten Thomas Muggenthaler über seine Gespräche mit Opfern des ...
Stimmen der Zeitzeugen sollen nie verstummen

Regensburg. Der 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg war 1995 für Thomas Muggenthaler ein Schlüsselerlebnis. Damals hat der Regensburger Rundfunkjournalist gesehen und gespürt, wie wichtig es ist, dass ehemalige Häftlinge mit ihren Berichten Licht in das Dunkel dieses ehemals vergessenen KZ bringen und von ihren schrecklichen Erlebnissen erzählen können. Muggenthaler, Jahrgang 1956, aufgewachsen in Waffenbrunn (Landkreis Cham), hat diesen Menschen zugehört und ihre Aussagen dokumentiert.

Bayern 2 sendet am 8. Mai (13.05 Uhr) sein Radio-Feature "Die Helden von Roztoky: Die Befreiung des KZ-Todeszuges 94803". Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Interview.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren als Rundfunkjournalist mit dem Nationalsozialismus. Wie und wann sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Thomas Muggenthaler: Über die Theorie. Ich hab Politik und Soziologie studiert und Faschismustheorien waren einer meiner Schwerpunkte. Die Frage: Wie konnte es zu diesem Wahnsinn kommen, hat ja schon die 68er interessiert und uns später natürlich auch. Ich hab dann meine Magisterarbeit über "Cham in der NS-Zeit" geschrieben.
Natürlich sind es neben dem Aktenstudium persönliche Begegnungen, die einen bewegen. Ich hab damals den ehemaligen KPD-Stadtrat Anton Seidenader kennengelernt, der übrigens kurz in Flossenbürg inhaftiert war, oder den jüdischen Emigranten Ernst Schwarz, dem die Ausreise nach Palästina geglückt war.

Warum ist die Erinnerungskultur noch immer so wichtig?

Muggenthaler: Ich hab für den Hörfunk des BR viele Porträts von Zeitzeugen gemacht, weil ich es einfach wichtig fand, diese Aussagen zu dokumentieren. Da waren Porträts der Brüder Franz und Josef Mörtl aus Weiden dabei, die für die SPD im Widerstand waren und im KZ Dachau gebüßt haben, oder die Jüdin Henny Brenner aus Weiden, die während des Bombenangriffs aus Dresden flüchten konnte.

Ein Schwerpunkt Ihrer journalistischen Arbeit liegt auch in der Erforschung des Konzentrationslagers Flossenbürg. Wie wichtig ist Ihnen die Beschäftigung mit diesem Thema?

Muggenthaler: 1995 war das Schlüsseljahr. Beim 50. Jahrestag der Befreiung haben engagierte Leute aus der Region das erste Mal ein internationales Häftlingstreffen organisiert. Da standen plötzlich die Leute, die mit ihren Berichten Licht in das Dunkel dieses "vergessenen KZ" bringen konnten: Jack Terry, Michael Smuss, Tadeusz Sobolewicz und viele mehr.
Und die Zeitzeugen waren sehr informativ und sehr bewegend. In dem Buch "Ich lege mich hin und sterbe - ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg berichten" habe ich dann versucht, nachzuzeichnen, wie Leute aus Frankreich, Polen oder der ehemaligen Sowjetunion nach Flossenbürg kamen und was die Haft für ihr Leben bedeutete. Da haben sich intensive persönliche Kontakte entwickelt. Ich freue mich, die Leute jedes Jahr wiederzusehen. Flossenbürg wird mir also noch eine Zeit bleiben.

Sie haben zahlreiche Zeitzeugen und Betroffene interviewt. Welche Bedeutung hat es, dass Sie diesen Menschen ein Forum geben?

Muggenthaler: Es ist wahnsinnig packend, wenn Hans Rosengold, ein gebürtiger Regensburger, über seine Emigration spricht oder Jakob Silbermann vom KZ Flossenbürg berichtete. Ich hoffe, dass solche Sendungen oder Bücher, wie das über Flossenbürg kleine Beiträge sind, um dieses Kapitel der deutschen Geschichte besser zu verstehen.

Beim Bayerischen Rundfunk ist jetzt eine CD-Box "dem vergessen entrissen" erschienen. Was erwartet den Zuhörer?
Muggenthaler: Ganz unterschiedliche Themen. Als die Debatte über die Entschädigung von Zwangsarbeitern auf dem Höhepunkt war, bin ich für den BR nach Polen gefahren auf der Suche nach Betroffenen. Ich hab jüdische Emigranten in Buenos Aires besucht. Der Titel der Box "dem vergessen entrissen" ist auch der Titel einer Sendung über Flossenbürg und steht programmatisch für die positive Entwicklung der Gedenkstätte.

Die CD-Box enthält aber auch eine Sendung über Fälle "verbotener Liebe" im Dritten Reich, Fälle, bei denen polnische Arbeiter hingerichtet wurden, die Liebesbeziehungen mit deutschen Frauen unterhielten.

Im Fall des Zuges von Roztoky bin ich einer Geschichte nachgegangen, die in der neuen Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte dokumentiert wird. Da haben die Tschechen geholfen, als ein Transport mit über 4000 Häftlingen in dieser kleinen Stadt stehen geblieben ist, und die Zivilisten haben Fotos gemacht und sogar einen Film - einzigartige Dokumente.

Die CD-Box "dem vergessen entrissen" ( 29,95) ist im BR-Shop erhältlich, Telefon 01805/151719, www.br-shop.de.

Weitere Informationen im Internet:

http://www.br-online.de/bayern2/radiofeature
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