Interview mit dem Singer/Songwriter Graham Nash
Auf dem Pfad der Verrücktheiten

Das Album "This Path Tonight" zeight Graham Nash als Songschreiber im Wandel, der seine beeindruckende Karriere über fünf Dekaden mit The Hollies, Crosby, Stills Nash sowie Crosby, Stills Nash & Young reflektiert. Bild: Amy Grantham
 
Einst waren Graham Nash (links) und David Crosby die dicksten Freunde. Inzwischen haben sie sich nichts mehr zu sagen. Bild: dpa
 

Graham Nash ist der lebende Inbegriff von Folk-Rock, von Hippietum, von politischem Widerstand, gelebt in der Kunst wie im Alltag - ausgedrückt vor allem in der Musik, aber auch in der Fotografie, Malerei und Literatur. Jetzt überrascht er mit einer neuen CD - und einer neuen Liebe.

Von Michael Fuchs-Gamböck

Es gibt eine Menge Höhepunkte im Leben eines Musikjournalisten, sofern er seinen Job ernst nimmt und bei Interviews nicht nur gut vorbereitet ist, sondern auch emotional an seine Gesprächspartner herangeht. Doch einer der außergewöhnlichen Höhepunkte ist garantiert, wenn Mütterchen Zufall seine unberechenbare Hand ins Spiel bringt. Zum Beispiel wenn man seinen Geburtstag feiert - und am selben Tag eine telefonische Unterhaltung mit "Woodstock"-Legende Graham Nash führen darf. Man hat noch kein Wort in die Muschel geraunt, als eine seit Jahrzehnten so wohlvertraute, unvergleichliche Stimme zum Gänsehaut erzeugenden "Happy Birthday"-Ständchen anhebt. Danach herrscht für endlos wirkende Sekunden Funkstille, ehe sich der perplexe Autor wieder gefangen hat.

Graham Nash also, Engländer, der seit vielen Jahrzehnten in den USA zu Hause ist, Mitbegründer der Hollies, von Crosby, Stills, Nash & Young (CSN&Y), natürlich auch von Crosby, Stills & Nash (CSN). Kein Wunder bei soviel Kult-Status und Engagement, dass der Mann mit der inzwischen schlohweißen Mähne bereits zweimal in die altehrwürdige "Rock & Roll Hall Of Fame" sowie einmal in die "Songwriter Hall Of Fame" aufgenommen wurde. Zudem ist er hoch-angesehener "Officer Of The Order Of The British Empire".

Aktuell reist der umtriebige Vater und Großvater quer durch die Welt. Nicht für das Absingen von Ständchen, sondern er promotet sein erstes Soloalbum seit 14 Jahren mit dem Titel "This Path Tonight" (Blue-Castle-Records). Es ist ein schönes Comeback geworden, meist ruhig, meist entspannt, immer fokussiert irgendwo zwischen Folk, Pop, Rock und purer Wohlfühl-Harmonie. Dabei läuft das Leben von Graham Nash aktuell eher turbulent ab: Nach 38 Jahren Ehe ließ sich der heute 74-jährige im vergangenen Jahr von seiner zweiten Ehefrau, der Schauspielerin Susan Sennett, scheiden.

Seither lebt er mit seiner neuen Partnerin Amy Grantham zusammen, einer Fotografin, die sämtliche Bilder fürs Booklet sowie das Cover von "This Path Tonight" geschossen hat. Darüber hinaus gibt es Streit mit den eigentlich ewigen musikalischen Wegbegleitern. Allen voran mit David Crosby, seit jeher bekannt für seinen chaotischen Lifestyle, bei dem tonnenweise Drogen, illegaler Waffenbesitz, ein ausschweifendes Sexualleben und so einiges Durchgeknalltes mehr eine Rolle spielen.

Sie ließen uns stolze 14 Jahre auf Ihr neues Album warten - warum hat das so lange gedauert?

Graham Nash: Weil ich in der Zwischenzeit unheimlich viel gemacht habe: Ich tourte regelmäßig mit Crosby und Nash, habe jede Menge fotografiert und Ausstellungen meiner Bilder organisiert, ich habe meine Autobiografie rausgebracht. Vor allem aber habe ich Zausel mich Hals über Kopf in meine aktuelle Partnerin verliebt. Dabei ist sie erst 37, also exakt halb so alt wie ich. Aber wir können beide nichts gegen diese hitzigen Gefühle füreinander tun. Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass die Flamme der Erotik bei einem Mann Anfang 70 nochmals so hoch lodern kann.

Wie denkt Ihre Ex-Frau über die momentane Situation?

Das ist alles reichlich kompliziert. Susan fühlt sich zurecht gedemütigt und traurig. Meine Emotionen wiederum fahren Karussell, weil ich weiß, dass die Umstände für meine Kinder und Enkelkinder alles andere als einfach sind. Das tut weh. Aber ich bin der Alleinschuldige bei der Sache. Also muss ich versuchen, das Beste für alle Beteiligten daraus zu machen.

Nicht ganz einfach scheinen auch die Beziehungen zu Ihren Uralt-Freunden von Crosby, Stills, Nash & Young zu sein, wie man vor kurzem einem Interview mit dem holländischen Magazin "Lust For Life" entnehmen konnte. Warum wurden Sie darin so wütend?

Die ganze Lawine ins Rollen kam, als Crosby Neil Youngs neue Freundin (die Schauspielerin Daryl Hannah; Anm. d. Red.) öffentlich beschimpfte. Woraufhin Neil meinte, er würde nie wieder mit uns zusammen spielen, was ich sehr bedauere. Also meinte ich zu David, er möge sich entschuldigen und die Sache bereinigen. Tat er aber nicht. Dazu kam meine Autobiografie "Wild Tales", die im selben Jahr erschienen ist. Ehe das Ding auf den Markt kam, habe ich es allen, die darin vorkommen, zum Gegenlesen geschickt, verbunden mit der Bitte, sich mit eventuellen Änderungswünschen an mich zu wenden. Nichts passierte. Doch als das Buch draußen war, hat Crosby mich in der Öffentlichkeit als Lügner bezeichnet. Er ist mir in den Rücken gefallen. Diese Sache wird mich bis ans Ende meiner Tage schmerzen. Für mich ist seither dieses eigentlich so wundervolle kreative Projekt gestorben.

Keine Chance, die Sache wieder in Gang zu bringen?

Sieht überhaupt nicht danach aus. Erschwerend kommt hinzu, dass Crosby und ich mit "Blue Castle Records" ein gemeinsames eigenes Label ins Leben gerufen haben, bei dem aktuell meine neue Platte erscheint. Keine Ahnung, wie lange diese Firma noch existieren wird. David und ich sind beide ziemliche Sturköpfe.

Unabhängig von all dem Zwist: CSN und auch CSN & Y waren eines der Aushängeschilder der Hippie-Ideologie, die gerade ein großes Revival erfährt. Woran glauben Sie liegt das?

Viele vor allem junge Leute sehnen sich in einer immer kälter und liebloser werdenden Ära, wie der unseren, nach den Idealen der Hippie-Ära zurück: Love and Peace, Zusammengehörigkeit, ein Dasein also, in der materielle Überlegungen eine total untergeordnete Rolle spielen. Inzwischen gibt es Kriege überall auf diesem Planeten, aber mal ehrlich: Der Gedanke an Liebe und Frieden ist doch ein wesentlich angenehmerer als der an Krieg. Oder täusche ich mich?

Die meisten der zehn Stücke auf "This Path Tonight" kommen melancholisch daher. Ist das eine Frage des Alters?

Weniger eine Frage des Alters als vielmehr eine der ungezügelten Leidenschaft. Wenn man wie ich mit stolzen 74 nochmals radikal der Obsession zu einer neuen Partnerin verfällt, dann hält man alles für möglich. Gleichzeitig weiß ich tief im Inneren, dass die Chance, gänzlich neu zu beginnen, stark eingeschränkt ist. Unter solchen Umständen wuchsen die Lieder der Platte heran.

Obwohl in meinen Ohren Ihre neuen Songs stark in Ihrer ureigenen Tradition verhaftet sind, haben Sie selbst behauptet: "Die aktuelle Produktion klingt ziemlich anders als frühere Werke von mir." Wie haben Sie das konkret gemeint?

Dies ist nun wirklich eine Sache des Alters. Denn je länger ich im Geschäft bin, desto weniger Kompromisse gehe ich beim Schreiben ein. Einerseits wollte ich dieses Mal eine äußerst intime, geradezu transparente Atmosphäre schaffen. Andererseits klingen einige Passagen reichlich funky und wild - finde ich wenigstens. Ich glaube, je extremer ich zwischen Stilrichtungen pendle, desto frischer und abwechslungsreicher kommt mein Sound rüber.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Autobiografie in der Öffentlichkeit?

Beinahe durchgehend positiv - weil die Leser gemerkt haben, dass ich ihnen keinen prätentiösen Unsinn erzähle, sondern einfach nur meine Vita. Nachdem das Buch fertig war, hatte ich endlich auch mit meiner Vergangenheit aufgeräumt. Ich habe gelegentlich staunend festgestellt, was für ein farbenprächtiges, verrücktes, großartiges Leben ich geführt habe. Und immerhin, ich bin meinen Weg noch nicht ganz zu Ende gegangen. Jeden Tag geht es einen winzigen Schritt weiter auf dem Pfad der Verrücktheit. Ich freue mich jeden Tag aufs neue darüber.

Weitere Informationen:

www.grahamnash.com
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