Interview mit Fritz Stern
Wir stehen vor einem Zeitalter der Angst

Der Historiker Fritz Stern (aufgenommen am 27. Januar 2016 in New York), ein US-Bürger jüdisch-deutscher Herkunft, hat sich ein Leben lang für Verständigung mit Deutschland eingesetzt. Bild: dpa
 
Fritz Stern wurde am 2. Februar 2016 90 Jahre alt.
 
Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern (Mitte), Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, unterhält sich am 17. Oktober 1999 in der Paulskirche in Frankfurt mit seiner Frau Elisabeth Sifton und mit Bundespräsident Johannes Rau (links).

Er ist der wohl bedeutendste Kenner deutscher Geschichte in den USA. Fritz Stern, geboren in Breslau, musste 1938 in die USA emigrieren. Doch seine Heimat ließ ihn nie los. Am Dienstag, 2. Februar 2016, wird der Historiker Stern 90 Jahre alt.

New York. Wladimir Putin traktiert die Ukraine, die Flüchtlingsfrage spaltet Deutschland, Europa rückt nach rechts: Der Historiker Fritz Stern sagt dunkle Zeiten voraus. Und Trump, für Stern nichts als "Geld, Ehrgeiz und Hässlichkeit", beweise die Verdummung der Amerikaner. Lang, sehr lang denkt Fritz Stern nach, bevor er eine Frage beantwortet. Doch die Sätze des Historikers sind stets präzise und treffsicher. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zu seinem 90. Geburtstag am 2. Februar blickt der Geschichtsprofessor zurück. Dass Europa nun neue Kämpfe um die Demokratie austrägt, ist für Stern eine traurige Bilanz seines Lebens.

1938 wurden Sie wegen Ihrer jüdischen Wurzeln aus Deutschland vertrieben, trotzdem haben Sie sich immer wieder für Deutschland stark gemacht. Wie sehen Sie Deutschland heute?

Fritz Stern: Letztendlich ist die Geschichte der Bundesrepublik doch eine Erfolgsgeschichte. Da gelegentlich ein bisschen mitwirken zu können, war mir eine Freude - nicht nur um Deutschland willen, sondern um Europa und in gewissem Sinne auch um Amerika.

So haben Sie etwa die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1990 mit überzeugt, dass man vor einem wiedererstarkenden Deutschland keine Angst zu haben braucht. Gilt das heute immer noch?

Stern: Wenn alles sich weiter so entwickelt innerhalb einer demokratischen politischen Kultur, würde ich sagen, ist nichts zu fürchten. Mir ist aber bewusst, dass der Rechtsradikalismus auch in Deutschland wächst. Aber die Gegenkräfte sind auch da. Und das ist das Wichtige.

Auch in anderen Ländern ist die Rechte auf dem Vormarsch, in Polen, Dänemark, den Niederlanden. Rückt Europa zu sehr nach rechts?

Stern: Ich fürchte ja. Ich glaube, wir stehen vor einem Zeitalter der Angst, der weit verbreiteten Angst, der von rechts aus gesehen politisch ausgenutzten Angst. Und man merkt ja schon am Beispiel von Polen, wie zerbrechlich die Freiheit ist. Es ist ein Schock, mit welcher Schnelligkeit in Polen ein autoritäres System errichtet wird.

Wie bewerten Sie diesen Rechtsruck mit Blick auf ihre persönliche Geschichte und den langen Weg aus der Nazi-Diktatur?

Stern: Ich habe mich manchmal beschwert, dass ich aufgewachsen bin mit dem Ende einer Demokratie und jetzt, am Ende des Lebens, die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben muss. Eigentlich eine traurige Bilanz.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht zurückzukehren?

Stern: Hier leben meine Kinder, meine Enkelkinder, meine Urenkelkinder. Ich fühle mich als amerikanischer Bürger. Und als amerikanischer Bürger wiederum bin ich tief besorgt.

Über das, was nach Barack Obama kommt?

Stern: Genau. Ich bin im Ganzen ein Bewunderer von Obama, und es ist eine große Leistung des Landes, dass man ihn zweimal gewählt hat. Aber die jetzige Lage ist so gravierend, so zerstörerisch, so dysfunktional, dass man sich da nur tiefe Sorgen machen kann.

Sie meinen Donald Trump?

Stern: Trump ist das beste Beispiel für die Verdummung des Landes und für die entsetzliche Rolle des Geldes. Ein absolut amoralischer Kerl, der mit Geld und Ignoranz protzt. Ich bin in das Land gekommen, als Franklin Roosevelt Präsident war. Dass jemand wie Trump, der ein Nichts ist außer Geld und ungeheurem Ehrgeiz und Hässlichkeit, dass der sich nicht nur anbietet, sondern von vielen Menschen auch noch angenommen wird als Kandidat, ist einfach unbegreiflich.

Was hat sich in der amerikanischen Gesellschaft gewandelt?

Stern: Ich habe schon von Verdummung geredet. Das hängt zu einem großen Grad mit den Medien zusammen und der Tatsache, dass es immer weniger objektive Journalisten gibt. Die meisten Menschen können sich aussuchen, wer ihnen die Predigt gibt, die sie hören möchten.

Gibt es für das Phänomen Trump noch weitere Gründe?

Stern: Eine gewisse neue Religiosität, die mit wirklicher Religiosität sehr wenig zu tun hat, ist auch im Aufbruch. Ich glaube, wir stehen vor einem neuen, illiberalen Zeitalter. Und für jemanden, der sein Leben einem gewissen Liberalismus verschrieben hat, ist das eine traurige Kunde. Es ist ein Niedergang.

Ein Wort zu Hillary Clinton?

Stern: Ich gönne ihr einen langen Ruhestand.

Wie würde ein Donald Trump die USA regieren?

Stern: Ich glaube nicht an einen Trump als Präsident. Ganz egal, wer von diesen schrecklichen Republikanern gewählt wird, kommt es zu einem neuen Isolationismus, worunter auch deutsch-amerikanische Beziehungen leiden würden.

Gelitten haben sie schon durch die NSA-Affäre. Beim abgehörten Handy der Kanzlerin sprachen Sie vom tiefsten Punkt der Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie beurteilen Sie das Verhältnis jetzt?

Stern: Zwischen Obama und Merkel würde ich annehmen, dass sich das wieder geregelt hat, dass sie sich aufeinander verlassen können. Ich würde nicht nur die NSA erwähnen, sondern auch Volkswagen als moralisches Moment.

Wünschen sich die Amerikaner von den Deutschen mehr Verantwortung, etwa auf militärischer Ebene?

Stern: Das Verlangen geht zurück auf 1945, dass die Europäer mehr tun für ihre eigene Verteidigung. Das ist eine alte Hymne, die unter einem Republikaner noch stärker herauskommen würde als jetzt.

Hillary Clinton hat Wladimir Putins Annexion der Krim und den Einmarsch in der Ostukraine mit dem Verhalten Adolf Hitlers zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verglichen. Ist dieser Vergleich angemessen?

Stern: Das ist überspitzt. Dieser Putin ist ein einziges Unglück in erster Linie für Russland, aber auch für Europa, das ist gar keine Frage. Aber die meisten Vergleiche hinken, und ein Vergleich mit Hitler ist immer kompliziert und gefährlich.

Zur PersonFritz Stern gehört zu den berühmtesten Historikern der Gegenwart. Der unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Professor der Columbia University in New York ist mehrfacher Ehrendoktor, unter anderem an den Universitäten Oxford und Princeton. Der 1926 in Breslau geborene Sohn jüdischer Eltern floh 1938 vor den Nazis in die USA und lebt seitdem in New York. 2015 erschien sein Buch "Zu Hause in der Ferne: Historische Essays" (C.H. Beck-Verlag)
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