Interview mit Till Brönner
Gnadenlos ehrlich

Die sanften Provokationen sind meist die nachhaltigsten. Der Berliner Trompeter Till Brönner ist nicht eben als Provokateur bekannt, und doch ist sein neues Album "The Good Life" nicht weniger als eine handfeste Herausforderung. Bild: Andreas H. Bitesnich
 

"The Good Life" nennt sich das aktuelle Meisterwerk vom deutschen Ausnahme-Trompeter Till Brönner. Der 45-Jähriger, der seit Jahren zwischen Berlin und Los Angeles pendelt, bereitet damit seinem Ruf als "der moderne Chet Baker" einmal mehr alle Ehre

So sanft, geschmeidig und emotional berührend bläst nach wie vor niemand die "Tröte", die Heroen wie Miles Davis oder Louis Armstrong in den Ruf der Unendlichkeit geführt haben. Brönner, der in seiner rund 25-jährigen Karriere als Solist mit internationalen Jazz-Koryphäen wie Dave Brubeck, Tony Bennett, Nils Landgren oder Klaus Doldinger kooperiert hat, ist längst auf dem besten Weg, sich in diese exklusive Tradition einzureihen. Er selbst hingegen sieht sich im Gespräch bescheiden als "Gebrauchs-Musiker". Auch wenn er, frei nach dem einstigen Mega-Kompliment für Miles Davis, "der Mann mit dem goldenen Horn" ist.

Was hat es mit dem so schlichten wie optimistischen Albumtitel auf sich, warum haben Sie ihn ausgewählt?

Till Brönner: Zunächst mal ist es der erste Titel auf meiner neuen Platte, eine Coverversion des legendären französischen Jazzgitarristen und Chansonniers Sacha Distel. In meinen Ohren ist das ein sehr weises Lied über die Liebe in all ihrer Wucht und Einzigartigkeit. Ich schätze dieses Stück seit langer Zeit. Also war es mir eine Ehre, meine Scheibe danach zu benennen. Aber wohl auch deswegen, weil "The Good Life" äußerst positiv klingt. Und ich bin letztlich ein positiv denkender und fühlender Mensch.

"Er ist ein Mann traditioneller Werte", findet sich im Magazin "Die Zeit" als Zitat über Sie. Können Sie das unterschreiben?

Das spiegelt meiner Ansicht nach speziell das neue Werk und den damit verbundenen Anspruch wider. Ich stelle zudem fest, dass ich mich im Dasein ganz allgemein gerne auf große, alte Traditionen zurück besinne. Also nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich. Ich mag gerne Tugenden, auch Konstanten, dabei gleichzeitig eine ständige Weiterentwicklung meines eigenen Handwerks. Ich fühle mich wohl in einer solchen Welt. Die mag manch einer als konservativ ansehen. Ich hingegen halte sie für dauer-kreativ.

"Till Brönner ist der einzige deutsche Jazzer mit Weltruf", schwärmt die "Süddeutsche Zeitung" - schmeichelt Ihnen so eine Aussage, oder setzt Sie diese eher unter Druck?

So eine Aussage klingt in meinen Ohren zunächst mal sehr deutsch. Ständig wird verglichen, ständig gehen die Feuilletonisten mit einem selbstkritischen Blick durch die Welt. In den USA etwa ist das ganz anders. Da genießen alle Künstler, die etwas drauf haben, so etwas wie Weltruf. Ich kenne jede Menge deutscher Artisten, die mit welchen aus anderen Ländern mithalten können. Und wenn es um einheimische Jazzer geht: Wer, wenn nicht etwa Klaus Doldinger, sollte keinen Weltruf seit Jahrzehnten genießen?

Wie kam es zur Auswahl der Stücke auf dem Album - bis auf zwei, bei denen Sie selbst mit-komponiert haben, handelt es sich ausschließlich um Cover-Versionen?

Mein Plan dieses Mal war es, Broadway-Standards und Evergreens aus der Tin Pan Alley-Ära der 1930-er bis 1950-er in ein zeitgemäßes Klangkonzept zu packen. Mein Produzent, der legendäre holländische Jazzer Ruud Jacobs, ein Mann von bald 80 Jahren, wollte dieses Projekt schon länger mit mir durchziehen. Doch es hat ein bisschen gedauert, bis er mich davon überzeugen konnte. Inzwischen bin ich Feuer und Flamme dafür!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Lieblingsinstrument, der Trompete - sind Sie ihr komplett verfallen?

Nein, bin ich nicht, das Verhältnis zu ihr ist eher ambivalent. Sie ist eine Art Spiegel dafür, wie man sich selbst Tag für Tag fühlt, was ja unterschiedlich ist. Die Trompete ist gnadenlos ehrlich zu ihrem Interpreten, wie alle Blechblasinstrumente, daher mahnt sie zur Demut. Wenn man sich ernsthaft auf sie einlässt, lernt man im Umgang mit ihr nie aus. Und man lernt sich auch selbst immer noch besser kennen, wenn man auf ihr spielt.

Bislang haben Sie kaum gesungen auf Ihren Platten, dieses Mal hingegen steht Ihre Stimme ziemlich im Vordergrund. Sehen Sie sich inzwischen als "klassischen Sänger?

Würde ich so definitiv nicht behaupten! Vermutlich bin ich auch nicht der große Vokalist. Tatsächlich sehe ich meine Stimme als weitere Klangfarbe im musikalischen Konzept. Wobei ich zugebe, dass sie das perfekteste Instrument der Menschheit überhaupt ist.

Ich zitiere nochmals "Die Zeit": "Till Brönner ist fotogen und glamourös". Wie wichtig ist Ihnen der Image-Aspekt?

Der ist ja nun keine Erfindung der Moderne, gehörte in der Kunst-Szene immer dazu! Nehmen wir nur Mozart her, den Großmeister der Selbstdarstellung. Gerade wir Musiker inszenieren uns seit jeher liebend gerne. Wir brauchen es, uns darzustellen! Auch und gerade im Jazz-Bereich. Image ist eine die Musik ergänzende Form der persönlichen Aussage.

Ende des Jahres geht es einmal mehr auf Tournee durch deutsche Hallen. Was bedeuten Ihnen Konzerte?

Ich erfülle mir Abend für Abend mein ganz persönliches Rundum-Glücklich-Paket. Ich verschaffe mir, auch auf Grund der Improvisations-Passagen, jedes Mal wieder eine Freude. Und ich hoffe, die Zuschauer freuen sich mit mir.

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Weitere Informationen:

www.tillbroenner.de

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