Interview mit Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch
Bis zum letzten Atemzug

Der österreichische Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch präsentiert ab Freitag, 5. Februar im Museum Villa Stuck die Ausstellung "ExistenzFest. Hermann Nitsch und das Theater". Bilder: dpa (2)
 
Im Münchner Museum Villa Stuck ist auch die Arbeit "Oedipus" zu sehen.

Nackte Menschen mit verbundenen Augen, an ein Holzkreuz gefesselt, mit Tierkadavern und Gedärmen eingerieben. Der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch hat krasse Bilder geschaffen. Viele davon zeigt jetzt die Villa Stuck in München.

München. Der österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch (77) ist bekannt für Aktionen, in denen er Tiere ausweidet und Menschen mit Blut beschmiert. Von heute an zeigt die Villa Stuck in München einen Überblick über sein blutiges Werk. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Nitsch über seine Faszination für tierische Leichen und Gedärme.

Fühlen Sie sich manchmal reduziert auf die Bilder, die man in erster Linie von Ihnen kennt? Bilder, auf denen Sie in Blut baden?

Hermann Nitsch: Ich würde sagen, ich stelle mich voll dar. Wenn mein Hauptwerk, mein Sechs-Tage-Spiel, neu realisiert wird, dann ist alles da: Musik, Gerüche, Geschmack, das Optische und Intensität im Sinne des Gesamtkunstwerkes.

Was macht Ihr Gesamtkunstwerk aus?

Nitsch: Das Wichtigste ist: Ich realisiere wirkliche Geschehnisse. Und wirkliche Geschehnisse sind über alle fünf Sinne erfahrbar. Man kann sie schmecken, man kann sie riechen, man kann sie sehen, man kann sie hören, man kann sie betasten.

Als Sie das erste Mal nach München kamen, war das eine Flucht aus Wien...

Nitsch: Ja. In Österreich war es für mich nicht mehr möglich, Aktionen zu machen. Ich hatte eine Bewährungsstrafe von einem halben Jahr, und hätte ich eine Aktion gemacht, hätte ich das halbe Jahr absitzen müssen - plus eine neue Strafe. Man hat mich eigentlich von zu Hause vertrieben. Ich hab es hier auch nicht sehr leicht gehabt, man hat es mir auch verboten - aber man hat mich nie eingesperrt.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass Sie mal das werden, was man einen etablierten Künstler nennt?

Nitsch: Ja, das war mir klar, dass sich meine Kunst in jedem Fall durchsetzen wird.

Warum war Ihnen das so klar - bei allen Anfeindungen, die es gab?

Nitsch: Ich glaube, alle großen Künstler haben es genau so erleben müssen - wie beispielsweise Richard Wagner, Kandinsky oder Bruckner. Was neu ist in der Kunst, muss sich immer erst durchsetzen. Und ich wusste, dass meine Kunst die Kraft hat, und hatte keine Bedenken, dass sie sich durchsetzt. Aber sie müsste sich noch viel mehr durchsetzen.

Was müsste noch kommen?

Nitsch: Ich möchte eine Neufassung meines Sechs-Tage-Spiels realisieren, aber das scheitert am Geld.

Dabei gibt es doch inzwischen viele Mäzene, die gerne viel Geld springen lassen...

Nitsch: Ja, aber die machen eher harmlose Sachen. Durchschnittliche, mittelmäßige Sachen werden gefördert. Das wirklich Gute wird erst Hunderte Jahre später gefördert - wenn der Autor schon längst hin ist.

Die Förderung des Mittelmäßigen - hat sich das aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verstärkt?

Nitsch: Ich glaube, das ist immer gleich. Ich habe ja auch sehr viel unterrichtet und viele junge Künstler gesehen, die Preise bekommen haben. Die großen Künstler kriegen in den seltensten Fällen Preise.

Geht es in die gleiche Richtung, dass ein Totenkopf von Damien Hirst rund 75 Millionen Euro wert sein soll?

Nitsch: Der ist finanziell bei weitem überschätzt, ist aber ein wichtiger Künstler.

Wen würden Sie im deutschsprachigen Raum einen wichtigen zeitgenössischen Künstler nennen?

Nitsch: Mich interessieren lebende Künstler nicht. Das sind nur Konkurrenten. Ich liebe Beethoven, Michelangelo, Leonardo, Bruckner. Man kann mir aber nicht nachsagen, dass ich mich nicht um den Nachwuchs gekümmert hätte. Ich habe mein Leben lang unterrichtet. In Kolbermoor wird am Freitag in einer Woche eine Meisterklasse vom mir gezeigt.

Die Leute, die heute noch Probleme mit Ihnen haben, sind diejenigen, die Ihnen Blasphemie vorwerfen - oder Tierschützer. Welche mögen Sie weniger?

Nitsch: Ich bezeichne mich selbst als Tierschützer. Ich liebe Tiere. Wenn ich Tiere verwende, dann sind sie zu 98 oder 99 Prozent im Schlachthaus oder beim Metzger gekauft. Unsere Gesellschaft hat die Tiere zur Nahrungsaufnahme getötet, und mich fasziniert rohes Fleisch, Gedärme, der Kadaver von Tieren genau so, wie die Frühzeit der menschliche Körper fasziniert hat. Das hat sehr viel mit der griechischen Tragödie zu tun.

Sie sind ja durchaus in einem Alter, in dem andere an Ruhestand denken. Ist das für Sie ein Thema?

Nitsch: Ich glaube, es wird sehr viel Unfug getrieben mit dem Alter. Das Alter ist anstrengend, schwer, schmerzensreich, und es ist besser, man macht im Alter noch was, als sich den Schmerzen und einer kranken Ruhe hinzugeben. Ich möchte bis zum letzten Atemzug meine Werke verwirklichen.

Die Villa Stuck in München zeigt von morgen an eine große Ausstellung über den Aktionskünstler Hermann Nitsch (77). "ExistenzFest Hermann Nitsch und das Theater" lautet der Titel der Schau, die auch schon in Wien zu sehen war. Die Ausstellung dauert bis 8. Mai.

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Weitere Informationen:

www.villastuck.de

Zur PersonDer 1938 in Wien geborene Hermann Nitsch polarisiert seit Jahrzehnten als Aktionskünstler, Maler und Bildhauer. Für seine extremen Rituale wird er leidenschaftlich abgelehnt oder verehrt. Bekannt ist er für sein "Orgien-Mysterien-Theater". Den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens bildete das "Sechs-Tage-Spiel" auf seinem Schloss bei Wien. Nitsch feierte eine sechstägige Orgie mit Musik, 13 000 Litern Wein, der Schlachtung von drei Stieren, Hunderten Litern Blut, kiloweise zerquetschten Trauben und Tomaten und ausgeweideten Tierkadavern. (dpa)
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