Irgendwie Deutschland
Interview mit Heinz-Rudolf Kunze

Heinz Rudolf Kunze, nimmermüder und wandelbarer Kulturschaffender, hat seinem Heimatland ein Album gewidmet, das es verdient hat, weite Kreise zu ziehen. Dabei ist es auch der Künstler selbst, der immer wieder überraschend neue Kreise zieht un d sich auf immer wieder neue künstlerische Herausforderungen einlässt. Bild: Huch
 

Seit Heinz-Rudolf Kunze zu Beginn der 80er Jahre das Parkett der Öffentlichkeit beschritt, war er eine Reizfigur, wurde - wegen seines biederen Äußeren und seiner disziplinierten Hyperaktivität - als "Preuße des Pop" gehänselt. So kann man diesen Künstler natürlich sehen.

Von Michael Fuchs-Gamböck

Nur darf man niemals darüber vergessen, dass der Mann aus Osnabrück, dessen Familie kurz vor seiner Geburt vor den russischen Besatzern aus der Heimat Frankfurt/Oder floh, seit bald vier Jahrzehnten einer der intellektuellsten, wortgewandtesten und radikalsten Komponisten deutscher Sprache ist. Kunze ist Textakrobat, begeisterter und bewusster Stein jedes Anstoßes. Nachzuhören auf dem aktuellen Werk mit dem so schlichten wie kontroversen Titel "Deutschland" (RCA/Sony Music).

Musikalisch erteilte dem 59-Jährigen der "Musik Express "bereits Ende der 1990er die Absolution: "Er schafft in jedem Lied einen Bezug zu Randy Newman, Jimmy Page, Byrds, Beatles oder anderen Vorbildern". Genau so ist es. An diesem Anspruch hat sich auch auf Kunzes aktuellem Meisterstück nichts geändert. Beinahe jedes der darauf enthaltenen Lieder ist radio-kompatibel. Aber im Sinne eines Radios, das auch Radio-Muffel und Verächter von banaler Schonkost wieder an den Transistor treibt.

Herr Kunze, Ihr aktuelles Album trägt den Titel "Deutschland": Welchen Stellenwert hat der Begriff und die damit verbundene Nation für Sie ganz persönlich?

Heinz-Rudolf Kunze: Ganz eindeutig: Ich bin partout nicht stolz darauf, Deutscher zu sein. Doch ich kann an dieser Tatsache nichts ändern. Was mein Job als selbst ernannter Kommentator dieses Staates ist: Es ist meine Pflicht, auf einige Umstände und Ereignisse zu reagieren, die mir nahe gehen. Und das mache ich so bissig, ungerecht, auch unkorrekt und gleichzeitig ehrlich wie es mir möglich ist. Hinzu kommt, dass ich aus einer Vertriebenen-Familie stamme, die extrem reaktionär und nationalbewusst war. So eine Herkunft prägt, mich hat sie garantiert in entgegen gesetzter politischer Richtung radikalisiert.

Radikal sind seit jeher auch einige Ihrer Liebeslieder, deren Inhalte nicht selten ironisch oder resigniert daher kommen, nicht immer romantisch. Woher kommt dieses gelegentliche Misstrauen gegenüber der Liebe?

Kunze: Ich misstraue der Liebe nicht - ich bin nur Literat. Und der pickt sich aus diesem und jenem in seiner Erfahrungswelt etwas zusammen, das hoffentlich einen glaubwürdigen Text für den außen stehenden Hörer ergibt. Damit meine Texte für die geneigte Öffentlichkeit spannend klingen, nähere ich mich inhaltlich meist dem Drama. Das ist nämlich leider häufig interessanter als das Glück.

Woher kommt nun Ihre Begeisterung für Rock-Musik?

Kunze: Eigentlich wollte ich mal Professor für Literaturwissenschaft werden. Doch da gibt es dieses Ding namens Rock'n'Roll, das mich schon als Jugendlicher völlig in seinen Bann gezogen hat. Rock'n'Roll ist die Liebe meines Lebens! Ich war und bin ihm verfallen. Daher versuche ich seit jeher, intellektuellen Käse mit körperlichem Lärm zu vereinen. In diesen beiden Extremen findet sich die Schnittmenge meiner Arbeit.

Ihre aktuelle CD beginnt mit der Cover-Version eines Muddy-Waters-Klassikers, Sie haben dem Lied einen deutschen Text verpasst. Was hat ein Bleichgesicht aus Osnabrück mit dem Sound einer tief-schwarzen Blues-Koryphäe zu tun?

Kunze: Ich konnte mich mit dem Blues schon seit meiner frühen Jugend identifizieren. Er ist neben Rock & Roll die ehrlichste musikalische Ausdrucksform, die ich kenne. Also habe ich mir ein Stück davon geklaut. Die Komposition ist übrigens von Waters, doch inhaltlich bin ich meinem Helden John Lee Hooker nahe: Es geht darin um einen Jungen, der trotz seiner Herkunft gar nicht anders kann, als diesem wilden Sound zu verfallen, weil er ihm eine Authentizität verleiht.

Das Cover Scheibe zeigt eine langweilig-beschauliche Vorstadt-Tristesse, typisch deutsch. Warum haben Sie dieses Motiv gewählt?

Kunze: Für mich zeigt dieses Bild zunächst mal das Normale von Deutschland. Mir schwebte etwas ruhiges vor. Einen Ausdruck dafür, wie ich Deutschland im Alltag empfinde. Und auch den Titel "Deutschland" habe ich bewusst gewählt. Denn ich denke, dass man in Zeiten von fortschreitendem Nationalismus oder der Polarisierung, was etwa die Flüchtlingsfrage angeht, sehr genau Position beziehen muss. Man darf sich nicht vor seiner Herkunft drücken, mit all ihren Ungereimtheiten, damit man nicht Gefahr läuft, verbohrt zu werden. In unserem Land ist derzeit jede Menge Dampf im Kessel. Wenn man diesen aus der Gesellschaft raus bekommen will, braucht man eine Haltung. Mir ist diese Erkenntnis extrem wichtig.

"Deutschland" ist Ihre 35. Solo-Scheibe. Läuft man nicht Gefahr, sich irgendwann zu wiederholen?

Kunze: Wer so viele Platten gemacht hat, der weiß tatsächlich nicht, ob er sich selbst wiederholt oder zitiert. Mir kommt es letztlich darauf an, dass ich Geschichten erzähle. Dass ich meine Hörer zum Denken anrege. Ich drücke es gerne wie folgt aus: Wenn ich an einem Projekt arbeite, schneide ich jedes Mal ein kleines Stück aus einem langen, großen Fluss heraus.

Heinz-Rudolf Kunze spielt am 4. Oktober im Nürnberger "Hirsch".

Weitere Informationen:

http://heinzrudolfkunze.de

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1 Kommentar
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Martin Becker aus Laaber | 08.02.2016 | 21:40  
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