Jury-Urteil offiziell
Bob Dylan gewinnt Literaturnobelpreis

Bob Dylan. Bild: dpa
 
Die literarische Qualität der Songs von Bob Dylan gilt in der Fachwelt seit Jahren als unbestritten. Nun wird Dylans Werk mit dem Literaturnobelpreis gekrönt. Erstmals wird damit einem Musiker die Auszeichnung zuteil. Bild: dpa

Es passt, dass der größte Songschreiber des vorigen Jahrhunderts als erster Popmusiker den Literaturnobelpreis erhält. Mit seinen höchst anspruchsvollen Liedtexten galt Bob Dylan bei vielen schon lange als reif für diese Premiere. Nun sprang die Jury über ihren Schatten.

Berlin. Rund 20 Jahre lang wurde Bob Dylan mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus. Zu gewagt erschien es offenkundig der Jury, einem Musiker - und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt - die höchste Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun hat sie sich getraut. Der 75-Jährige erhalte die Auszeichnung für seine "poetischen Neuschöpfungen" in der großen amerikanischen Songtradition, gab die Jury am Donnerstag feierlich bekannt.

Würdiger Preisträger


Damit haben die favorisierten Romanautoren und Dramatiker diesmal das Nachsehen. Sicher werden manche die Nase rümpfen und fragen, ob Dylans Texte nun Literatur im eigentlichen Sinn seien. Konnte die Jury diesmal wirklich keinen "echten" Schriftsteller finden, dessen literarische Leistungen höher zu bewerten sind als die des kauzigen alten Sängers mit der Krächzstimme?

Doch die meisten dürften - gut 50 Jahre nach Dylans Karrierestart - anerkennen, dass der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie "Masters Of War", "Like A Rolling Stone" oder "Visions Of Johanna" ein würdiger Preisträger ist. Zudem ist die Entscheidung ein Durchbruch für die Rock- und Popmusik insgesamt, quasi ihr Ritterschlag. Den Pulitzer-Preis für "lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft" hatte Dylan ja bereits.

Erst vor kurzem, zum 75. Geburtstag des legendären Musikers am 24. Mai, verneinte sein Biograf Heinrich Detering, dass der Literaturnobelpreis für Dylan von allzu großer Bedeutung sei. "Nicht dass er ihn nicht verdient hätte, aber er braucht ihn nicht mehr. Er hat alle erdenklichen Auszeichnungen und allen erdenklichen Ruhm eingeheimst". Er glaube allerdings, "dass es dem Nobelpreis guttun würde, Dylan auszuzeichnen. Weil damit diese spezifische Kunstform, diese Ausdrucksform der Literatur, die im 20. Jahrhundert neu entstand oder wieder erstand, ausgezeichnet würde."

Start in unruhiger Zeit


Seinen Ruf erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer-Songwriter beschreibt er später in der auch literarisch anspruchsvollen Autobiografie "Chronicles" (2004) so: "Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung."

Noch unter seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmerman spielt der aus Duluth/Minnesota stammende Dylan zunächst in regionalen Highschool-Bands Rock'n'Roll. Er benennt sich alsbald um - vermutlich nach einem literarischen Idol, dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Sein Faible für die neue Folk-Bewegung entdeckt der aus einer jüdischen Familie stammende junge Mann 1959 in Minneapolis. Dann treibt ihn besagter "Strom der Veränderung" in den New Yorker Szene-Stadtteil Greenwich Village. Der Erfolg stellt sich mit dem Song "Blowin' In The Wind" (1963) ein. Wütende Lieder wie "Masters Of War" oder "A Hard Rain's A-Gonna Fall" qualifizieren Dylan für die weltweite Jugend- und Protestbewegung. Doch weder die Rolle eines Folk-Idols mag Dylan auf Dauer annehmen noch die der politischen Symbolfigur. Also mutiert er zum zweiten Mal - diesmal zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre. Für seinen "Verrat" am akustischen Folk wird er von Fans als "Judas" beschimpft.

Klassiker in Serie


Aber Dylan lässt sich nicht beirren, komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Klassiker in Serie: Alben wie "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited", "Blonde On Blonde", weltkluge Songs wie "Desolation Row" oder "Like A Rolling Stone". Seine mit Metaphern, Symbolen und Anspielungen durchsetzten Lyrics sind von beispielloser Qualität.

Die 70er Jahre sind eine wechselvolle, schwierige Zeit für Dylan: die Trennung von Sara Lowndes, künstlerische Stagnation (abgesehen vom Album "Blood On The Tracks" und "Desire"). Auch für die 80er fällt die Bilanz eher durchwachsen aus: Auf der Habenseite stehen immerhin Erfolge mit der All-Star-Band Traveling Wilburys und der Beginn der "Never Ending Tour" mit 100 Auftritten pro Jahr.

Dylans künstlerische Rehabilitierung kommt 1997 mit dem ersten großen Alterswerk "Time Out Of Mind" - einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie "Modern Times" (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde "Tempest" (2012). Seine Alben steigen in den Charts so hoch wie nie zuvor. Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben.

"Großartiges Kulturgut"


Auch die Auszeichnungen sind kaum noch zu zählen: elf Grammys, ein Song-Oscar, der Pulitzer-Preis, die von Barack Obama höchstpersönlich verliehene "Presidential Medal of Freedom". Der US-Historiker Sean Wilentz, Autor des Buchs "Bob Dylan und Amerika", sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Seine Arbeit, damals wie heute, inspiriert, gefällt, unterhält und baut Menschen weltweit auf. Er ist ein großartiges amerikanisches Kulturgut."

Angemerkt: Der rockende Dichter


Von Stefan Voit

Gottseidank gibt es noch immer ein paar Geheimnisse auf dieser Welt, die nicht von Hackern geknackt oder von Whistleblowern verraten werden. Der Literaturnobelpreis gehört - wie übrigens alle Nobelpreise - dazu. Jetzt hat es also Bob Dylan geschafft, der wie zum Beispiel Philip Roth, schon seit gefühlten Urzeiten auf der Wettquotenliste stand.

So mancher Literaturfan und -wissenschaftler wird jetzt die Nase rümpfen und sich fragen, was Robert Zimmermann alias Bob Dylan mit Literatur zu tun hat? Der hat doch außer "Blowin' In The Wind" oder "Like A Rolling Stone" nichts Literaturverdächtiges geschrieben. Weit gefehlt! Vielleicht sind es gerade diese beiden Songs - stellvertretend für viele Hundert anderer - die die Lyrik und damit die Literatur der Rockmusik nachhaltig beeinflusst und geprägt haben. Ohne ihn hätten die Beatles oder Stones andere Lieder geschrieben, ohne ihn gäbe es nicht Generationen von Singer/Songwritern. Hunderte Bands und Dichter wurden von seinen Liedern inspiriert.

Ausgezeichnet wird er für seine "poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition". Das ist letztendlich auch eine Anerkennung, dass es sich bei Pop- und Rocktexten doch um Literatur handeln kann!

Dylan, der auch mit seinen Büchern "Tarantula" (1971) "Writings and Drawings" (1975) und "Chronicles" (2004) auf sich aufmerksam machte, hat Dichtung und Rockmusik miteinander verbunden, er hat seine Poesie salonfähig gemacht, sie auf die Bühne gestellt und zum allgemeinen Kulturgut erhoben. Seine Texte haben sich in unsere Köpfe und Hirne eingebrannt, sie sind zitierbarer als Schiller und Goethe. Die Rock-Lyrik ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Danke, Mr. Tambourine Man!

Jubel und EnttäuschungBundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: "Die Stockholmer Jury hat eine mutige Entscheidung getroffen, mit der sie auch in diesem Jahr wieder die Genregrenzen sprengt. Sie ehrt einen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, der wie kein anderer Millionen Menschen auf der ganzen Welt mitgerissen und mit seinen Texten und ihren tiefen Wahrheiten direkt ihre Herzen erreicht hat."

Literaturkritiker Denis Scheck: "Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein "Späßken". Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit."

Mircea Cartarescu, rumänischer Schriftsteller: "Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist, ich selbst habe ihn übersetzt (...) Aber es tut mir so Leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten."

Wolfgang Niedecken/BAP: "Noh all dänne Johre.....endlich: Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Ich freue mich riesig !"

Irvine Welsh, britischer Schriftsteller: "Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies."

Heinz Rudolf Kunze: "Ich finde es gut, wenn auch obskure Autoren den Preis bekommen, aber es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat. Seit meiner Studentenzeit war er für mich eine Messlatte und ein Trost. Er hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, komplexe Texte mit Musik zu verbinden - man kann damit Menschen erreichen."

Gary Lineker, ehemaliger englischer Fußballonationalspieler: "Etwas Gutes inmitten dieser Sintflut schlechter Nachrichten. Gut gespielt, Bob."

Jan Böhmermann: "Bob Dylan, Booooooob Dylan, Bobdylan!"

Schauspieler Armin Rohde: "Endlich!!!" (dpa)


Seine Arbeit, damals wie heute, inspiriert, gefällt, unterhält und baut Menschen weltweit auf. Er ist ein großartiges amerikanisches Kulturgut.US-Historiker Sean Wilentz
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