"Königin der Folkmusik" Joan Baez wird 75 Jahre
Auf die richtigen Lieder gewartet

Gesang im Gefängnis, im Luftschutzkeller in Vietnam, bei Märschen mit Martin Luther King: Fünf Jahrzehnte lang hat Joan Baez den Frieden besungen, für Bob Dylan war und bleibt sie "Königin des Folk". Bild: dpa
 
Chile, Argentinien, Kambodscha - stets waren es die Rechte der Unterdrückten und Bedrohten, die Baez umtrieben. 1976 trat die Protest- und Folksängerin mit Pete Seeger während eines Benefiz-Konzerts für die Menschenrechte in Chile im New Yorker Madison-Square-Garden auf. Archivbild: dpa

Musik und politisches Engagement gehören für Joan Baez zusammen. Bei Martin Luther Kings berühmten Marsch auf Washington sang sie "We Shall Overcome". Am Samstag wird die "Königin der Folkmusik" 75 Jahre alt.

Von Holger Spierig, epd

Bei dieser Würdigung blieb ihr beinah die Luft weg: Joan Baez sei die "Königin der Folkmusik damals und heute", sagte ihr früherer Weggefährte Bob Dylan bei den Grammy-Verleihungen im Februar 2015. "Ich lernte eine Menge Dinge von ihr", setzte der Sänger und Songschreiber nach. Ihre Liebe und Demut könne er ihr niemals vergelten. "Ich bin fast ohnmächtig geworden", gestand Baez später. Dylan sei ja nun wirklich niemand, der mit Komplimenten um sich werfe.

Damit kam öffentlich ein Dank zurück - nach über 50 Jahren. Denn Joan Baez, die am 9. Januar 75 wird, holte Anfang der 60er Jahre Bob Dylan auf die Bühne und ließ ihn vor ihrem Publikum spielen. Sie war damals schon eine berühmte Sängerin, er wenig bekannt. Als Dylan dann Mitte der 60er als Superstar gefeiert wurde, verweigerte er der mitreisenden Baez auf seiner Konzerttournee durch England gemeinsame Auftritte. Ihre Wege trennten sich, und Baez verließ enttäuscht und verletzt den immer größer werdenden Dylan-Tross.

Auch wenn die Sängerin und Dylan nur wenige Monate ein Paar waren, hat der Musiker prägende künstlerische Spuren bei ihr hinterlassen. Dylan zog damals durch Musikcafés, schrieb aktuelle politische Songs wie am Fließband. "Es war fast so, als hätte ich nur auf die richtigen Lieder gewartet, die ausdrückten, was ich politisch dachte und fühlte", erinnert sich Baez heute. Dylan-Songs wurden ein wichtiger Bestandteil ihres Repertoires. Die schwierige Liaison verarbeitete sie in dem Song "Diamonds and Rust", den Kritiker für einen ihrer besten halten.

"I have a dream"


Legendär ist der gemeinsame Auftritt des damaligen "Königspaares der Folkmusik" auf der Bürgerrechts-Kundgebung in Washington im Jahr 1963, bei der Martin Luther King vor Hunderttausenden Menschen von seinem Traum einer Welt ohne Rassenschranken sprach: "I have a dream".

Das Engagement für den Frieden wurde bei Baez schon früh geweckt. Sie kam am 9. Januar 1941 in Staten Island/New York zur Welt, ihre Familie gehörte der pazifistisch geprägten Glaubensgemeinschaft der Quäker an. 1956 hörte sie zum ersten Mal eine Rede Martin Luther Kings, die sie nachhaltig beeindruckte. Bei Protesten gegen den Vietnam-Krieg wurde sie 1967 zwei Mal verhaftet und verbrachte insgesamt einen Monat im Gefängnis. Als sie 1972 mit einer Friedensdelegation in Nordvietnam unterwegs war, wurde sie von einer Bombardierung durch die US-Luftwaffe überrascht.

Mit 15 bekam sie ihre erste Gitarre, mit 18 Jahren trat sie bereits bei dem renommierten Newport Folk-Festival auf. Beeinflusst von der Musik der schwarzen Sänger Odetta und Harry Belafonte sowie des politischen Folkmusikers Pete Seeger spielte Baez zunächst - wie in der Folkszene üblich - Traditionals, Gospels und Gewerkschaftslieder. Mit ihrer glockenhellen Stimme und ihrem ausgefeilten Gitarrenspiel sang sie sich schon bald an die Spitze der Folkbewegung. Das von ihr oft gespielte "We Shall Overcome" wurde zur Hymne der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung.

Während sich viele Künstler wie etwa Bob Dylan nach einer Weile von der politischen Szene wieder abwandten, blieb Joan Baez ihrer Mission treu, für eine friedlichere und gerechtere Welt zu streiten. Sie engagierte sich für Amnesty International und für Kinderrechte, 1993 besuchte sie das vom Krieg zerstörte Sarajewo. Anlässlich des 50. Jubiläums von Amnesty erhielt sie 2011 den nach ihr benannten Joan-Baez-Award.

Musikalisch konnte sie aber nicht mehr an ihre Erfolge in den 60er Jahren anknüpfen. "Ich füllte immer noch die Hallen und begriff nicht, dass es ein einziger Nostalgie-Trip für mein Publikum war", sagte sie dem "Stern". Auf ihren neueren Platten meidet sie politisches Pathos. Die alterslos und sehr agil wirkende Baez spielt heute entspannt und gereift Songs von heutigen Country- und Rockgrößen.

Inzwischen empfinde ich es als Ehre, für den Rest meines Lebens mit diesem Genie in Verbindung gebracht zu werden.Joan Baez über ihre Beziehung zu Bob Dylan

Frieden gemacht


Auch wenn sie inzwischen kürzer tritt und mehr Zeit mit ihrem Sohn und ihrem Enkelkind verbringt - von einem Ruhestand will die heute allein lebende Künstlerin nichts wissen. Anlässlich ihres 75. Geburtstags lädt sie Ende Januar zu einem Konzert mit befreundeten Künstlern in das New Yorker Beacon-Theater ein. Im Juli ist sie auch in Deutschland zu erleben, auf drei Konzerten in Regensburg, im fränkischen Bad Brückenau und auf Schloss Salem.

Und auch mit Dylan hat sie inzwischen ihren Frieden gemacht. Lange sei sie wütend geworden, wenn sie auf ihn angesprochen worden sei, erzählt sie in einem Interview. "Inzwischen empfinde ich es als Ehre, für den Rest meines Lebens mit diesem Genie in Verbindung gebracht zu werden."

Weitere Informationen im Internet:

www.joanbaez.com
www.schlossfestspiele-regensburg.de

ServiceAuf ihrer Deutschland-Tournee kommt Joan Baez auch in die Oberpfalz: Am Freitag, 22. Juli (20.30 Uhr) ist sie Gast bei den Thurn-und-Taxis-Schlossfestspielen in Regensburg.

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0.
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