Künstler Christo baut in Italien schwimmende Stege
Auf Sonnenstrahlen über den See

Der Künstler Christo testet die Floating Piers. Dabei werden rund 200 000 Kuben aus Polyethylen zu einer etwa 70 000 Quadratmeter großen, drei Kilometer langen Seebrücke zusammengefügt und mit Stoff überzogen. Bild: Wolfgang Volz/dpa (2)
 
Eine Skizze der 3 Kilometer langen und 16 Meter breiten Floating Piers im Iseo-See.

Seit Jahrzehnten macht der Künstler Christo durch aufsehenerregende Verhüllungsaktionen weltweit von sich Reden. Er verpackte bereits den Reichstag, die Pont Neuf in Paris und schuf safrangelbe "Gates" im New Yorker Central Park. Jetzt baut er in Italien schwimmende Stege.

Rom/New York. Der Verhüllungskünstler (80) kehrt nach 40 Jahren mit einem Großprojekt nach Italien zurück. Am 18. Juni öffnen im Iseo-See in der Lombardei die Floating Piers, mit Stoff bezogene, riesige Stege, die vom Festland zu vorgelagerten Inseln führen. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten. Christo Wladimirow ist gespannt auf die Reaktion der Besucher: Denn sie könnten beim Spaziergang das Wasser praktisch unter den Füßen spüren, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Wann hatten Sie erstmals die Idee, schwimmende Stege zu kreieren?

Christo: Die Idee, Stege zu bauen, auf denen Menschen über das Wasser gehen können, habe ich schon seit fast 50 Jahren. Ich liebe einfach die Vorstellung, Menschen auf einem wunderschönen Stoff über Wasser spazieren zu lassen. Ursprünglich war der Rio de la Plata in Argentinien dafür angedacht. Das war in den 1970er Jahren, aber wir haben keine Erlaubnis bekommen. 1995/96 haben wir es dann in Tokio versucht, aber auch da bekamen wir keine Erlaubnis. Für so ein Projekt braucht man die perfekte Location, mit ruhigem Wasser.

Und wie kamen Sie auf den Iseo-See in Norditalien?

Ich bin im vergangenen Jahr 80 Jahre alt geworden, und ich habe mir gesagt, jetzt muss etwas geschehen, und zwar schnell. Da gab es schon die Chance, das Projekt in Europa durchführen zu können und nach 40 Jahren nach Italien zurückzukehren. Wir haben uns dann alle norditalienische Seen angeschaut, den Comer See, den Lago Maggiore und den Iseo-See. Wir haben uns für letzteren entschieden, weil er in der Mitte eine große Insel hat, die Monte Isola, die übrigens 450 Meter hoch ist und damit die höchste Insel in einem Süßwassersee in Europa. Zudem gibt es noch eine kleinere Insel, San Paolo. Die Stege werden diese Inseln mit dem Festland verbinden und einmal ganz um die Insel San Paolo führen.

Wie lange dauerten die Vorarbeiten insgesamt?

Das Projekt kam sehr schnell zustande, es gab nur zwei Jahre Vorlaufzeit - zum Vergleich: Bei der Verhüllung des Reichstag waren es fast 25 Jahre. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden in Italien war großartig.

Wie müssen wir uns die Floating Piers vorstellen?

Die Stege werden drei Kilometer lang und 16 Meter breit sein, und sie werden fast wie ein Strand wirken. Gebaut sind sie aus zusammengeschraubten Schwimmwürfeln aus Polyethylen. Der Stoff ist Dahliengelb-golden und wird am frühen Morgen, je nach Einfall des Sonnenlichts, fast in einem dunklen Rot oder tiefen Orange erscheinen. Das Gewebe leuchtet teilweise so stark, dass man eine Sonnenbrille tragen muss. Selbst wenn ein Boot vorbeifährt, werden die Stege nicht schaukeln, sondern die Wellen werden quasi in den Stoff einfließen. Die Menschen werden das Wasser unter ihren Füßen spüren und sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegen. Das ist sehr sexy, sehr aufregend.

Erwarten Sie eine ähnliche Resonanz wie 1995 bei der Verhüllung des Reichstags?

Darüber denken wir nie nach. Aber der Iseo-See ist gut angebunden, er liegt nah an der Autobahn Turin-Venedig und ist nur eine Stunde von Mailand und 20 Minuten von Brescia entfernt. Der Besuch kostet nichts und die Stege sind rund um die Uhr geöffnet und werden durch spezielle Batterieleuchten auch nachts angestrahlt. Am 3. Juli ist es dann schon wieder vorbei, und wir werden versuchen, so viel wie möglich von dem Material zum Recyceln zu verkaufen.

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Weitere Informationen:

www.thefloatingpiers.com www.christojeanneclaude.net

HintergrundDer Iseo-See ist der viertgrößte oberitalienische See und liegt in den lombardischen Provinzen Brescia und Bergamo. Das 25 Kilometer lange Gewässer befindet sich etwa 20 Kilometer nordwestlich von Brescia, am Fuß der Bergamasker- und der Adamello-Presanella-Alpen. Mitten in dem Gewässer liegen die Inseln Monte Isola, Isola di Loreto und Isola di S. Paolo. Die Orte Lovere, Pisogne, Sulzano, Iseo, Paratico, Sarnico und Riva di Solto umgeben den Iseo-See. Inzwischen hat der See eine gute Tourismusinfrastruktur. Für Segler ist das Gebiet zu einem Segelparadies geworden. Im Gegensatz zum Comer See oder Gardasee ist er trotzdem noch relativ unbekannt. Der Iseo-See ist vom Gardasee (je nach Ort) zwischen eineinhalb und zwei Stunden Fahrtzeit entfernt.

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Weitere Informationen:

www.iseosee-info.de


Zur PersonDer Künstler Christo Wladimirow Jawaschew - bekannt als Christo - ist zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude seit den 1960er Jahren durch spektakuläre Projekte und Verhüllungsaktionen bekannt geworden. So verpackte das Paar 1995 beispielsweise den Berliner Reichstag in Stoffbahnen. Christo wurde am 13. Juni 1935 in Gabrowo in Bulgarien als zweiter von drei Söhnen geboren. Seit 1973 besitzt der Künstler die amerikanische Staatsbürgerschaft. (dpa)
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