Kultur und Flüchtlinge – Wie sich Museen auf neue Besucher einstellen
Keiner war schon immer hier

"Einer von ihnen macht auch ohne große Mühe mal schnell ein Feuer aus Feuersteinen." Zitat: Melanie Wunsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin

Duisburg. Flüchtlinge aus Afrika erklären den Neandertaler, türkische Hochzeiten werden zum Ausstellungsthema - immer mehr Museen engagieren sich mit Flüchtlings- und Migrationsprojekten. Die Frage ist aber, wie viel sie zur Integration beitragen. Flüchtlinge aus Eritrea erklären Besuchern im Neandertal-Museum in Mettmann die Millionen Jahre alte Menschheitsgeschichte. Das rührige Museum nahe Düsseldorf, benannt nach dem Fundort des berühmten Neandertalers, hat ein außergewöhnliches Flüchtlingsprojekt auf die Beine gestellt.

Vorurteile beseitigen


Fünf Flüchtlinge aus dem afrikanischen Land sollen künftig einmal im Monat rund 30 Besuchern in Führungen von ihrer Auswanderung aus Afrika, von ihrer Flucht und ihrem früheren Leben erzählen. Belohnt werden sie mit einem Zeugnis für eine künftige Bewerbungsmappe. "Einer von ihnen macht auch ohne große Mühe mal schnell ein Feuer aus Feuersteinen", berichtet die wissenschaftliche Mitarbeiterin Melanie Wunsch. Um Klischees vorzubeugen, erklärt er aber auch umgehend, dass in Eritrea nur alte Leute auf die Weise noch gelegentlich Feuer entfachten. "Wir haben ja alle afrikanische Wurzeln", meint Wunsch mit Blick auf die Entwicklungsgeschichte des modernen Menschen. "Keiner war schon immer hier" heißt die 2017 geplante Ausstellung des Neandertal-Museums zum Thema Migration.

Ägypten und Moderne


Mit der Ankunft von Hunderttausenden Flüchtlingen in Deutschland seit vergangenem September wollen auch die Museen in Deutschland ihren Beitrag zur Integration leisten. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe mit einer Sammlung vom alten Ägypten bis zum modernen Design lässt von einer Islamwissenschaftlerin mit libanesischen Wurzeln Programme für unbegleitete Flüchtlinge und für Familien entwickeln.

Das Goethe-Museum in Düsseldorf nimmt die Gedichtsammlung "West-östlicher Divan" zum Anlass, orientalische Ornamente malen zu lassen. Als vorbildlich gilt das Projekt "Multaka" der Staatlichen Museen Berlin. Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak führen andere Geflüchtete als Guides auf Arabisch durch die prächtigen Sammlungen etwa im Museum für Islamische Kunst, im Vorderasiatischen Museum oder im Deutschen Historischen Museum.

Auf einer Ebene


Der Einsatz sei groß, aber er dürfe nicht zu "Betriebsblindheit" führen, betont Harald Redmer, Vorstandsmitglied des Kulturrats NRW, bei der Jahrestagung der rund 120 rheinischen Museen in Duisburg. Ziel müsse das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion "auf Augenhöhe" sein. Gefordert sei von beiden Seiten eine "Vielfalt, die sich auf Fremdes einlässt und auch Unbequemes zulässt".

"'Wir schaffen das' ist ein reizvoller Begriff", sagt Redmer und spielt auf das bekannte Zitat von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Aber es werde zu wenig darüber diskutiert, was nach dem ersten Willkommensgruß komme. Für Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus Museums Hagen, ist klar: "Der Kulturbereich ist definitiv nicht prädestiniert dafür, Fragen der Flüchtlinge und Willkommenskultur zu lösen."

Aber Museen könnten Begegnungen, Austausch und Dialog fördern. Belgin, der türkische Wurzeln hat, fordert, dass sich Museen angesichts der Überalterung der westlichen Gesellschaft und des absehbaren Endes des Bildungsbürgertums neu erfinden müssten. Dazu gehöre eine stärkere interkulturelle Ausrichtung der Sammlungen. Vielleicht seien Museen zu stark auf westliche Kulturen fixier. In Zukunft müssten sich Museen "mehr mit den Kulturen derjenigen beschäftigen, die als Migranten gekommen sind".

Gemischtes Programm


Für das Kultur- und Stadthistorische Museum in Duisburg ist das seit Jahren Realität. 40 Prozent der Duisburger Bevölkerung haben Migrationshintergrund, viele haben türkische Wurzeln. Rund ein Viertel der Bevölkerung ist nach Schätzungen muslimisch. Daher zeigt das Museum neben dem berühmten Atlanten des Renaissance-Geografen Gerhard Mercator, der aus Flandern nach Duisburg kam, auch eine Ausstellung über türkische Hochzeiten.

Einer von ihnen macht auch ohne große Mühe mal schnell ein Feuer aus Feuersteinen.Melanie Wunsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin
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