Kulturhauptstadt Pilsen
Der Südbahnhof als Kulturpalast

Schmetterlinge hatten Pilsener und Besucher bei der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs nicht nur im Bauch. Petr Forman, Sohn von Hollywoodlegende Milos Forman, machte es möglich: Projektionen zauberten fantastische Ideen auf die Häuser des Platzes der Republik und die Kathedrale. Bilder: Vrbík, Herda (4)

"Ich habe hier meinen Traum verwirklicht", sagt einer der Erfinder der Kulturhauptstadt Pilsen über den ehemaligen Südbahnhof. Roman Cerník verwandelte das Jugendstiljuwel in einen alternativen Kulturpalast.

Pilsen/Plzen. So hatten sich das wohl die Gründerväter der europäischen Kulturhauptstadt-Idee vorgestellt: Eine Stadt im Dornröschenschlaf, verwunschene Architektur ohne Funktion, engagierte Bürger und eine alternative Kulturszene, die Haus für Haus, Stadtteil für Stadtteil wachküsst.

Roman Cerník ist dafür ein Paradebeispiel: Der Dozent an der Theaterakademie Prag, der als Kulturreferent vor zehn Jahren die Idee einer Kulturhauptstadt-Bewerbung entwickelte, ist der lebendige Nukleus der Pilsener Kulturszene. Immer in Bewegung, ein stämmiger Ritter der fröhlichen Gestalt, gibt er Pilsen Impulse, die das Rathaus allein nicht hätte stemmen können. "Für die Sanierung des stillgelegten Bahnhofs haben wir aus dem Kulturhauptstadt-Budget kein Geld bekommen", sagt er keinesfalls vorwurfsvoll.

Cerník hat dafür eine eigene EU-Förderung an Land gezogen, der Eigentümer hat sein Scherflein beigetragen - und dann betritt man diesen Palast der Sehnsüchte, aus dem zwar kein Zug mehr auf Reisen geht, dafür Träume und Ideen, und ist überwältigt: die flache Kuppel und die hohen Wände mit Stuck strukturiert und in Raumkompositionen mit leuchtendem Orange und lindgrün gegliedert. Im ehemaligen Schalterraum eine gemütliche Kneipe, über deren Theke das alte Bahnhofsschild hängt - Plzen Jižní Predmestí, Pilsen Südliche Vorstadt.



Schrecklich, dass manche einen neuen Zaun bauen wollen.Roman Cerník, Theater-Dozent


"Unsere Projekte sind natürlich Teil des offiziellen Hauptstadtprogramms", freut sich der chronisch gut gelaunte Althippie. "Wir haben zum Beispiel in Mons Pilsens unabhängige Kultur präsentiert", schwelgt er in Erinnerungen. "Ein ganzer Bus voller Musik, Theater, Tanz, Poetry-Slam, Filme und Workshops für Kinder", sagt er lachend." Ein echtes Hippie-Projekt eben: "Wir haben einen Umzug durch die Stadt gemacht, ein Riesentrubel mit Jongleuren und haben die gute Stimmung ganz gut rübergebracht." Eine bunte, kreative Werbung für die andere Seite der Bierstadt. Und auch bei der Abschlussveranstaltung im Oktober war Cerník der Mann fürs Internationale: "Ein Poetry-Slam zusammen mit Tschechen, Slowaken, Polen und Franzosen - wir wollen die Reihe fortsetzen."

Freigeist wider Zäune


Apropos international: Im Unterschied zu vielen seiner Landsleute bewegt den zupackenden Intellektuellen auch die Flüchtlingskrise: "Das ist ein Thema für uns alternative Künstler", schaut er richtig betrübt aus der Wäsche. "Einige unsere Filmer sind an die Grenzen gefahren und haben Projekte über Flüchtlingsschicksale begonnen", erzählt der Freigeist. "Das ist schrecklich, dass manche 25 Jahre, nachdem wir den Eisernen Vorhang niederrissen, einen neuen Zaun bauen wollen."
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