KZ-Überlebender, Nobelpreisträger und Schriftsteller Imre Kertesz ist gestorben
„Auschwitz spricht aus mir“

Im Bundestag las Imre Kertesz am 29. Januar 2007 anlässlich des Gedenktages der Befreiung von Ausschwitz aus seinem Roman "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind". Es ist der Monolog eines Holocaust-Überlebenden, der kein Kind in diese Welt setzen will. Bild: dpa

Von Gregor Mayer, dpa

Budapest. (dpa) "Auch wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz, Auschwitz spricht aus mir", notierte Imre Kertesz in seinem "Galeerentagebuch". Der 2002 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete ungarische Schriftsteller überlebte als Jugendlicher das nationalsozialistische Vernichtungslager. Am Donnerstag starb er im Alter von 86 Jahren in seiner Budapester Wohnung.

Kertesz wurde am 9. November 1929 in Budapest als Kind einer jüdischen Familie geboren. 1944 wurde er nach Auschwitz und Buchenwald deportiert und bei Kriegsende aus dem KZ befreit. Die Erfahrungen der Schoah ließen ihn nicht mehr los. Von 1960 bis 1973 arbeitete er unentwegt und wie besessen an seinem Hauptwerk, dem "Roman eines Schicksallosen". Das Opus Magnum zeichnet den Lebensweg eines 15-Jährigen durch die deutschen Konzentrationslager nach. György Köves, der kindliche Hauptheld, hat die "Ordnung" des Lagers so sehr verinnerlicht, dass er sogar "Glück" zu empfinden vermag.

Die nachfolgenden Romane "Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind", "Fiasko" und "Liquidation" verknüpfen sich mit dem "Roman" zur "Tetralogie der Schicksallosigkeit". Seine persönlichen Aufzeichnungen bilden die Grundlage für die Bände "Galeerentagebuch" und "Letzte Einkehr". Der dritte Tagebuch-Band soll im Herbst bei Rowohlt erscheinen.

In Ungarn rührte die Thematisierung der Ausrottung von fast 600 000 ungarischen Juden an ein Tabu. Ihre Verschleppung in die deutschen Vernichtungslager vollstreckten willfährige ungarische Behörden. Im nachfolgenden Kommunismus war wiederum eine offene Vergangenheitsdiskussion nicht möglich. So kam es, dass Kertesz erst 1996, als der "Roman eines Schicksallosen" in einer autorisierten deutschen Übersetzung erschien, auf internationale Beachtung stieß - und für Furore sorgte. Als Kertesz als erster Ungar überhaupt 2002 den Literaturnobelpreis erhielt, äußerten sich Berichte im staatlichen Rundfunk abschätzig. Das Preisgeld des Nobelpreises ermöglichte es ihm, dem Kenner und Liebhaber der deutschen Kultur, sich in Berlin niederzulassen. Zugleich machten ihm die Etikettierungen, die mit dem hohen Preis notgedrungen einhergingen, zu schaffen. Diese "Glückskatastrophe" habe aus ihm einen "Holocaust-Clown" gemacht, haderte er im Tagebuch-Band "Letzte Einkehr" (2013). Seit 2000 litt Kertesz an der Parkinson-Krankheit. Ende 2012 zog er von Berlin nach Budapest zurück, weil er sich die hohen Behandlungskosten in Deutschland nicht leisten konnte.

Tagebuch im HerbstEin Abschlussband der Tagebuchveröffentlichungen von Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz soll im Herbst auf Deutsch herauskommen. Dies kündigte der Rowohlt Verlag am Donnerstag an. Der Band sei am 10. März in Ungarn erschienen. Die deutsche Übersetzung wird den Titel "Der Betrachter - Aufzeichnungen 1991-2001" haben. (dpa)
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