Leos Janáceks Oper "Die Sache Makropulos" an Münchner Staatsoper inszeniert
Wenn Gefühle vereisen

Eine Szene aus "Die Sache Makropulos". Die Oper ist derzeit an der Münchner Staatsoper zu sehen. Bild: Wilfried Hösl
München.Die Münchner Staatsoper macht ihrer sechsfachen Auszeichnung als kulturelles Aushängeschild Deutschlands einmal mehr alle Ehre und toppt mit der Inszenierung von Leos Janáceks Oper "Die Sache Makropulos" die bejubelte Salzburger Premiere 2011 in jeder Beziehung.

Unter der musikalischen Leitung von Thomás Hanus, der Regie von Ápárd Schilling, unterstützt von Márton Agh (Bühne, Kostüme) und Tamás Bányai (Licht) gelingt eine faszinierende Neuinterpretation, die Oper mitreißend aktualisiert.

Langwieriger Streit

337 Jahre Jugend lasten auf Emilia Marty. Hinter ihrem Monogramm E. M. verstecken sich drei Lebensgeschichten ein- und derselben Opernsängerin. Auf der Suche nach dem Jugendelixier Licht bringt E.M. Licht in "Die Sache Makropulos", einem 100-jährigen Rechtsstreit.

Mit 16 Jahren wurde E.M. auf kaiserliche Anordnung für das Verjüngungsexperiment missbraucht, drei Jahrhunderte später ist sie in Lederjacke zwar selbstbewusster, in hüfthoch geschlitztem Abendkleid nicht nur erotische Verführerin, sondern berechnende Kanaille. Vor Márton Aghs Drehbühne im extremen Hochformat wirken die Menschen liliputisiert.

Im Wechsel vor grau-schwarz marmoriertem Hintergrund und lila Wänden chargieren die Stimmungen zwischen Eros und Tristesse, unterkühlt gebettet auf Schnee. Über die Jahrhunderte wiederholt sich immer wieder der gleiche Prozess von Eros und Verführung, Macht und Ausbeutung so die Botschaft. Wieso länger leben, wenn das Leben nur noch langweilt? E.M. verzichtet auf weitere Verjüngung.

Mit mächtigem Stimmvolumen singt Nadja Michael die Männerwelt nieder, eine hocherotische Powerfrau mit Diva-Allüren, vor der die Männer trotz stimmlicher Markanz zum Panoptikum sexueller Begehrlichkeiten verblassen.

Jeder Ton berechnet

Einer stimm-attraktiver als der andere kann Nadja Michaels E.M. doch keiner beherrschen, weder Prus (John Lundgren) noch ihr Enkel Albert Gregor (Pavel Cernoch), ganz zu schweigen von ihrem Uraltverehrer, dem leicht dementen Hauk Sendorf (Reiner Goldberg).

Nadja Michaels Sopran tobt wie ein Orkan, aggressiv, selbstherrlich, in harten Brüchen, jede Facette ihrer Rollen tonal präzise differenzierend, jeder Ton Kalkül. Die lyrischen Passagen übernimmt allein das Orchester. Ein Jahr lang überarbeitete Thomás Hanus Janáceks kaum lesbare Originalfassung. Die von ihm editierte Fassung eröffnet neue Hörwelten.

Das Orchester kommentiert das Geschehen auf emotionaler Ebene, macht verloren gegangene Gefühle in impressionistischen Klangmustern transparent, steigert Aggressionen ins Brachiale. Zusammen mit den Sängern entspinnt sich ein atemberaubender Dialog.

Gesungen in der Originalsprache Tschechisch wird Sprache und instrumentaler Klang zur emotionalen Tonsprache. Tempiwechsel markieren den Übergang der Zeitebenen. Immer wieder kristallisiert Thomás Hanus das "Makropulos"-Walzermotiv heraus, zart bis zur vehementen Klangwalze, noch weiter bis zur tonalen Apokalypse.

Lehrstück der Gefühle

So wird die trockene Verhandlung der "Sache Makropulos" eine spannende Parabel über den Verlust der Liebe. Ein Eisberg schwebt ein, unter der alles Leben erstarrt. Ein grandioser Abschluss für eine in jeder Beziehung bedruckende Interpretation von Janáceks "Sache Makropulos."

"Die Sache Makropulos" ist noch bis 2. Juli 2015 an der Bayerischen Staatsoper in München zu sehen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.staatsoper.de
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