Luisenburg-Festspiele: komödiantische Inszenierung von "Sommernachtstraum"
Ein beschwingter "Sommernachtstraum"

"Entschwunden ist das Liebespaar, dem ich Wand und Ritze war ..." Auch als Bautechniker Otto Purucker (Foto) und Darsteller einer profanen Wand ist Norbert Neugirg nicht auf den Mund gefallen. Neugirg kommt in einer kleinen Rolle groß heraus. Bild: Luisenburg-Festspiele/ Hannes Bessermann

Nur Shakespeare-Puristen reagierten vielleicht etwas irritiert. Die reichlich komödiantische Inszenierung des Klassikers "Sommernachtstraum" bescherte eine höchst vergnügliche Premiere. Die Luisenburg-Festspiele starten unter stürmischem Beifall in ihre 125. Saison.

Wunsiedel. Intendant Michael Lerchenberg peppte das 420 Jahre alte Verwirrspiel um die Irrungen der Liebe (und Triebe) augenzwinkernd, kreativ und manchmal frivol auf, schüttelte quasi den Staub aus den Versen. Er schlug einen modernistischen Interpretations-Bogen mit poetischen, surrealistischen Elementen: gespickt mit witzigen Einfällen und Anspielungen zur "Neuzeit". Die slapstickartige Aufführung der Handwerker - das volkstümliche Element in diesem berühmten Shakespeare-Werk - darf durchaus als Parabel für das visionäre, bürgerschaftliche Engagement vor 125 Jahren gelten: Als das Spiel unter freiem Himmel, inmitten der Natur auf fast 700 Meter Meereshöhe, auf der Luisenburg seinen Anfang nahm.

Ein "Händchen" bewies Lerchenberg nicht nur bei der pfiffigen Ausgestaltung des "Sommernachtstraums" ("das Luisenburg-Stück schlechthin"), sondern auch bei der professionellen, ambitionierten Besetzung der Rollen. Hier schlug seine intensive Vernetzung gerade mit der Münchener und bayerischen Schauspieler-Szene durch. Die muntere Freude, ja der Spaß, die das Ensemble durch die gesamte Probenarbeit trugen, sorgten bei der Aufführung für jenes Quentchen Feuer und Leidenschaft, das den Unterschied zwischen Routine und Passion ausmacht. Außerdem turnten die zumeist jungen Akteure sehr sportlich durch die Felsen.

Der kommunalpolitisch angefeindete Michael Lerchenberg erfuhr bei der Premiere demonstrativen Beistand. Wunsiedels Erster Bürgermeister Karl-Willi Beck umarmte ihn auf offener Bühne herzlich und bekannte: "Wir wollen, dass Sie bei uns bleiben." Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml bekräftigte ebenfalls: "Herr Lerchenberg, bleiben Sie uns noch lange erhalten." Der öffentlich so hoch geschätzte Intendant revanchierte sich mit einem nicht mehr steigerungsfähigem Wortspiel, dem "Theater-Wunder Wunsiedel" .

Glückliches Ende

Der Inhalt des "Sommernachtstraums" ist schnell erzählt: Vier verliebte junge Leute verirren sich im Zauberwald voll Elfen. Deren König Oberon heckt mit Hilfe des spitzbübischen Puck und einer Zauberblume ein Komplott gegen seine Gattin Titania aus. Sie soll sich in das erste Wesen verlieben, das sie nach dem Aufwachen erblickt. Das ist der als Esel verzauberte Handwerker Zettel. Denn gleichzeitig proben Handwerker im Wald zu Ehren des Herzogs von Athen ein Theaterstück ein. Als glückliches Ende gibt es nach vertrackten Beziehungskisten eine innige Versöhnung samt Hochzeiten und ulkiger Handwerker-Aufführung.

Der erste lauschige Abend dieses Jahres vermählte sich gleichsam mit dem "Sommernachtstraum", für den die imposanten Natur-Formationen die reale Kulisse lieferten. Die flotte Inszenierung - ohne Längen und Wort-Drechseleien - gefiel durch die beherzte Akzentuierung der Rollen (gelungene Kostüme von Mareile von Stritzky). Souverän füllten die von diversen Fernsehserien bekannten Schauspieler Rüdiger Joswig und Claudia Wenzel ihren Doppel-Part als Herzog von Athen und Königin der Amazonen sowie König/-in der Elfen aus. Mit jugendlichem Sturm und Drang, eifernd, idealistisch und inniglich verkörperten Lukas Schrenk (Lysander), Benedikt Zimmermann (Demetrius), Katherina Sattler (Hermia) und Laura Puscheck (Helena) die vehemente Verliebtheit von Teenagern. Als durchtriebener, schalkhafter Waldgeist Puck trieb Michael Kargus mit List und Tücke sein Unwesen; er stellte auch den distinguierten Zeremonienmeister dar. Eine ganz starke Leistung!

Lasziv wirkte Sylvana Schneider als weiblicher Waldgeist; durchaus eine Ähnlichkeit stellte Jürgen Fischer als fanatischer, uneinsichtiger Vater Egeus mit einem bärtigen afghanischen Taliban her. Für herzhafte Heiterkeit im Publikum, an der Grenze zum Klamauk, sorgten die schauspielernden Handwerker unter Regie des entrückten, kunstsinnigen Gymnasialprofessors Professor Hacker (Norbert Heckner). Vor allem Paul Kaiser charakterisierte als Zettel alias Pyramus einmal den übermotivierten, ruhmsüchtigen, dilettantischen Laiendarsteller, zum anderen selbstironisch und bemerkenswert "Wesens-nah" einen verzauberten Esel.

Akrobat des Wortwitzes

Norbert Neugirg (Kommandant der Altneihauser Feierwehr) spielte genial Otto Purucker, einen Maurer bzw. Bautechniker, der tatsächlich 1890 auf der Luisenburg unter Prof. Hacker mitgewirkt hat. Die Idee, Purucker in den Sommernachtstraum einzubauen, stammt von Lerchenberg. Als Akrobat des Wortwitzes setzte sich Neugirg dreist über Shakespeare hinweg: Mit einer eigenen Version des Textes als Wand. Er platzierte die Mauerspalte nicht wie gewöhnlich zwischen die zwei Finger einer Hand, sondern zwischen die Beine. In dieser Rolle blühte Norbert Neugirg als Norbert Neugirg auf.

Drollig und originell als Gastwirt Schlucker verbreitete Berthold Kellner in der Verkleidung als Löwe keinen Schrecken, sondern puren Spaß. Johann Anzenberger als naive Thisbe und Philipp Rudig als einfältiger Mondschein bewirkten beim Publikum gute Laune. Frohgemut, mit bereits 118 000 verkauften Karten, gehen die Akteure der Luisenburg-Festspiele in die 125. Saison.
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