Lyrische Premiere: Jan Wagner gewinnt Buchpreis

Der österreichische Autor Philipp Ther gewann den Sachbuch-Preis. Bild: dpa

Das hat es bei der Leipziger Buchmesse noch nie gegeben: Ein schmaler Gedichtband misst sich mit vier gewichtigen Romanen - und wird auch noch Sieger.

Der Berliner Autor Jan Wagner hat als erster Lyriker den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Der 43-jährige gebürtige Hamburger erhielt die mit 15 000 Euro dotierte Auszeichnung am Donnerstag für seinen Gedichtband "Regentonnenvariationen". Wagner sagte, er hoffe, dass der Preis ein Licht auf die lebendige und vielfältige deutsche Lyrikszene werfe. "Jan Wagners Auszeichnung wirkt hoffentlich wie ein Paukenschlag", sagte auch die Literaturkritikerin Meike Feßmann in ihrer Laudatio.

Romane gehen leer aus

Lyrik sei die am meisten unterschätzte Literaturform, sie verdiene mit ihren Möglichkeiten zu Ruhe und Konzentration viel mehr Beachtung. Wagner gelinge es in seinen Gedichten, kleine und scheinbar nebensächliche Dinge mit Humor und Sprachwitz zu Minidramen zu verdichten. Die ebenfalls nominierten vier Romane mussten sich dem Gedichtband geschlagen geben. Damit gingen Ursula Ackrill ("Zeiden, im Januar"), Teresa Päauer ("Johnny und Jean"), Norbert Scheuer ("Die Sprache der Vögel") und Michael Wildenhain ("Das Lächeln der Alligatoren") leer aus.

Der ebenfalls mit 15 000 Euro dotierte Preis für Sachbuch und Essayistik ging an den Wiener Autor Philipp Ther für das Buch "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent". Der Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien kündigte an, einen Teil des Preisgeldes an ukrainische Kollegen weiterzugeben, die sich seit einem Jahr um Hilfe für Landsleute in der Ostukraine kümmern.

In der Sparte Übersetzung (15 000 Euro) wurde die Autorin Mirjam Pressler geehrt, die das neue Buch "Judas" des israelischen Autors Amos Oz aus dem Hebräischen übertragen hat. "Ich danke vor allem Amos Oz, diesen wunderbaren Roman geschrieben zu haben", sagte die Preisträgerin. Oz bedankte sich umgekehrt mit einem Vergleich: "Ein literarisches Werk in eine andere Sprache zu übersetzen ist wie ein Violinkonzert auf einem Klavier zu spielen."

Gegenseitiges Verständnis

Thematisch stand die Buchmesse am Donnerstag im Zeichen des deutsch-israelischen Dialogs. 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern sind mehr als ein Dutzend namhafte israelische Autoren in Leipzig vertreten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte, der kulturelle und literarische Austausch sei für das gegenseitige Verständnis besonders wichtig. Der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman und ein Vertreter des in den USA weilenden Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) eröffneten das Leseforum Israel. "Ohne Israel, ohne den großen Schritt, den Israel vor 50 Jahren auf Deutschland zu gemacht hat, wäre Deutschland nicht das, was es heute ist", betonte Außenamts-Abteilungsleiter Andreas Görgen.

Der israelische Autor Meir Shalev sagte, das israelische Volk werde den Holocaust nie vergessen. Dennoch unterstütze er den Ausbau der politischen Beziehungen. Oz berichtete, er habe sich vor 50 Jahren nicht vorstellen können, je einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Bei der bis Sonntag dauernden Messe strömten schon am ersten Tag Tausende Besucher in die Hallen. Grütters betonte bei ihrem Rundgang: "Die hier in Leipzig so breit gefächerte Bücherlandschaft ist eine Freude und ein Markenzeichen der Kulturnation Deutschland. Sie muss in allen ihren Facetten erhalten bleiben."
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