Markanter Kopf in der Menge

Der deutsche Schauspieler Mario Adorf (Mitte), hier beim 62. Internationalen Film-Festival in Berlin, versetzt sich gerne in die Rollen von Schurken. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag. Bilder: dpa (2)

Mario Adorf könnte als Mittsechziger durchgehen: Jeans, Pulli locker über das blau-weiß gestreifte Hemd geschlungen, schlohweiße Haare, wacher Blick unter buschigen Augenbrauen. Heute, 8. September, wird er bereits 85 Jahre alt.

Seinen ersten Film hat Mario Adorf vor über 60 Jahren gedreht, im Herbst geht er mit einem neuen Buch auf Tournee. Darin schildert er, illustriert mit eigenen Zeichnungen, lustige und besinnliche Begebenheiten aus seinem Schauspielerleben. "Ich will die Leute unterhalten, das ist mein Beruf", sagt er.

Was ist wichtiger, um erfolgreich zu sein - Talent oder Fleiß?

Mario Adorf:Glück. Ich würde sagen, es ist sehr viel Glück dabei. Talent ist sicher Voraussetzung. Und bei mir war es eine sehr frühe kindliche und eine bleibende Spielfreude, mein italienisches Erbteil. Die Freude am Spiel soll man sich bewahren. Fleiß ist da nötig, wo etwas gelernt werden will. Es kann nicht alles aus der schieren Freude kommen, das merkt man sehr schnell, wenn man ans Theater kommt.

Waren Sie ein fleißiger Student?

Adorf:Die Schauspielschule habe ich manchmal geschwänzt, denn ich hatte ja schon viel Wissen vom Studium vorher. In Theorie hatte ich da einen Vorteil. Stattdessen bin ich ins Theater gegangen, in die Kammerspiele. Da lernt man Bewundern, auch Demut und Bescheidenheit. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich fünf Minuten vor Beginn der Probe ins Theater ging, nur um einem bewunderten Schauspieler die Tür aufzuhalten.

Gefallen Sie sich als Schauspieler heute besser als zu Ihren Anfangszeiten?

Adorf: Wenn ich alte Sachen sehe, finde ich manches nicht so ganz toll, anderes wiederum erstaunlich, wo ich sage "ach, dass du das damals so gespielt hast". Es gibt natürlich im Lauf der Jahre Erfahrung, Sicherheit und Gelassenheit. Aber grundsätzlich würde ich wahrscheinlich alles wieder genauso machen. Ich habe vermieden, mich zu wiederholen, Rollen genauso zu spielen, wie ich sie schon mal gespielt habe.

Was ist Ihre Lieblingsrolle?

Adorf: Da fallen mir einige ein, auch kleine, die man gar nicht mehr kennt. Ich habe aber immer gerne die komischen, schrägen Rollen gespielt. Alles, was ich gespielt habe, musste ich mal gesehen haben. Das gilt auch für den berühmten Generaldirektor Heinrich Haffenloher (in "Kir Royal" von Helmut Dietl).

Als Schurke überzeugen und begeistern Sie die Menschen. Wie machen Sie das?

Adorf:Es kommt alles aus der Beobachtung. Ich habe auch echte Mafiosi kennengelernt. Das sind sehr beunruhigende Leute.

Wie haben Sie die kennengelernt?

Adorf: Bei einem Besuch beim italienischen Teil meiner Familie in Kalabrien. Meine Stiefschwestern hatten eine Obstplantage. Die konnten ihre Mandarinen und Apfelsinen nicht auf den Markt bringen, sondern nur an die Mafia verkaufen. Das war zwar ein festes, garantiertes Geschäft, aber ein Verlustgeschäft. Da kam so ein Mafioso zu Besuch und forderte ein Hochzeitsgeschenk für seine Tochter ein. Er war ein hochgefährlicher Mann, der schlimme Sachen gemacht hat und später im Gefängnis saß. Meine Schwestern waren beunruhigt, als er meinen alten Jaguar bewunderte, den ich damals fuhr.

Von dem haben Sie gelernt, wie die sind?

Adorf: Ja, wie die sprechen. Mit einer großen Sicherheit, mit einer gefährlichen, blumigen Art sich auszudrücken. Aufgefallen ist er mir durch die Stimme und die Art zu sprechen. Und das hat mir sehr geholfen im Spiel dieser Typen. Es sind natürlich auch die Blicke, die Haltung, diese Undurchsichtigkeit - sehr verhalten und letztlich gefährlich.

Der Titel Ihres Buchs ist "Schauen Sie mal böse" - dazu hat Sie 1957 der Regisseur Robert Siodmak aufgefordert und es Ihnen auch vorgemacht. Kann man das lernen?

Adorf: Ich konnte es ja gar nicht, aber bei der Darstellung des Bruno Lüdke ("Nachts, wenn der Teufel kam") hat mir mein Studium schon sehr geholfen. Ich hatte eine zeitlang Kriminologie belegt. Da habe ich von den großen Mordfällen gehört und erfahren, wie Sexualmörder funktionieren.

In Ihrem Buch sind Zeichnungen von Ihnen - zeichnen Sie gerne?

Adorf:Ich bin nicht ausgebildet. In der Schule hatte ich im Zeichnen eine Eins. Nach dem Krieg habe ich Geld damit verdient, indem ich für Leute Zeichnungen anfertigte, in denen ich zur Erinnerung ihre zerstörten Häuser nach alten Fotovorlagen wieder auferstehen ließ. Später habe ich mit dem Gedanken gespielt, Maler zu werden, habe auch Kunstgeschichte studiert, aber 1950 hatten wir keine Pinsel, keine Farben, keine Leinwand, es gab nichts.

War die Schauspielerei letztlich also der richtige Weg?

Adorf: Es war zu jener Zeit der einfachste, direkteste Weg zum Erfolg. Es steckt viel Arbeit drin. Ich habe einen Beruf, der glücklicherweise Spaß macht.
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