Markus Lüpertz wird 75
Störfaktor Kunst

Der Künstler Markus Lüpertz posiert, wie immer tadellos gekleidet, vor dem Museum der bildenden Künste in Leipzig neben seiner Bronzeskulptur, die dem Komponisten Ludwig van Beethoven gewidmet ist. Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Markus Lüpertz polarisiert wie kaum ein anderer Künstler. Sein Auftritt: immer groß. Seine Kunst: oft ein öffentliches Ärgernis. Der "Malerfürst" wird Lüpertz seit Jahren genannt, doch erst kürzlich verriet er, dass er diese Bezeichnung "widerlich" finde: "Quatsch, an welchem Hof denn?"

Duisburg. Nadelstreifen, schwarze Krawatte, Ohrring, grauer Spitzbart, dicker Klunker am Finger und ein Gehstock mit silbernem Totenkopf - der Auftritt von Markus Lüpertz ist immer groß. Nicht nur der exzentrische Auftritt des Malers und Bildhauers ist für manchen eine Provokation. Auch Lüpertz' Skulpturen im öffentlichen Raum sind für viele ein Störfaktor. Lüpertz weiß sich selbst und seine Kunst zu inszenieren. Schick und Schock - er kann beides. Am 25. April wird der 1941 in Böhmen geborene Künstler 75 Jahre alt.

Eitelkeit ist dem langjährigen Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie nicht abzusprechen. Er habe einen "Hang zu guten Klamotten", sagte Lüpertz kürzlich bei einer Ausstellungseröffnung in Duisburg. An die 50 Gehstöcke mit Silberknauf besitze er wohl. Neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer wird Lüpertz von namhaften Kuratoren zu den "Big Five" der deutschen zeitgenössischen Kunst gezählt.

Künstlerisch hat Lüpertz in jüngster Zeit vor allem mit umstrittenen Skulpturen wie der armamputierten und knetartigen Beethoven-Statue in Bonn Proteste ausgelöst. Dem gängigen Schönheitsideal entsprechen auch weder sein 23 Tonnen schwerer und 18 Meter hoher einarmiger Gelsenkirchener Herkules mit blauen Haaren und roten Lippen, noch der morbide "Mozart" in Salzburg. In Augsburg waren die üppigen Rundungen der Brunnenfigur "Aphrodite" zu viel für die Bürger - sie verhinderten die Aufstellung. Und der trotzig auf dicken Beinchen im Karlsruher Bundesgerichtshof stehende "Bundesadler" ist alles andere als ein ehrwürdiges Staatssymbol.

Kunst als Rache


Als "Rache am Banalen" wird Lüpertz' Kunst auch beschrieben. Seinen Erfolg schmälern die beständigen Kritiker-Attacken nicht. Bis ins Kanzleramt schaffte es seine 2,50 Meter hohe dralle "Philosophin" mit den unförmigen Gliedmaßen. Der mit Lüpertz befreundete Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte sie in Auftrag gegeben.Überhaupt haben es Großformate dem Künstler angetan, dessen kraftvolle gegenständliche Malerei häufig als "neo-expressiv" bezeichnet wird. Wuchtig und expressiv ist seine Handschrift auch in der Malerei. 15 Meter lang ist seine "Lüpolis"-Arbeit von 1977. "Westwall" kommt auf 12 Meter - die verfremdeten Rauten des abstrakten Großwerks erinnern an das einstige Nazi-Bollwerk aus Panzersperren, aber irgendwie auch an Toblerone-Schokolade.

Lüpertz ist aber nicht nur ein Maler. Er schreibt auch Gedichte und spielt am Klavier in einer Jazz-Band. Als "Allround-Künstler" mit einer "unerschütterlichen Energie" bezeichnet ihn Kurator Götz Adriani. Das Malen aber steht für Lüpertz an erster Stelle: "Ich mache alles, was ich mache aus der Sicht des Malers - auch das Schreiben." Malen sei für ihn "wie Luft holen", sagt Lüpertz. Mehrere Ateliers hat er, unter anderem in Karlsruhe, Teltow (Brandenburg) und Florenz. Doch Kunst zu machen, ist für ihn auch "wie ein Fluch". Die Unzufriedenheit mit seiner Arbeit treibe ihn immer wieder zum nächsten Bild. "Ich jage als Künstler dem Ideal hinterher."

Lüpertz' Karriere begann allerdings ziemlich holprig. Nach der Flucht der Familie 1948 ins Rheinland scheiterte eine Lehre des jungen Lüpertz als Maler für Weinflaschen- etiketten angeblich an mangelndem Talent. Als 17-Jähriger flüchtete er nach eigenen Angaben aus der Fremdenlegion. Nach einem Jahr Maloche unter Tage in einer Kohlenzeche studierte er bis 1961 an der Düsseldorfer Akademie. Allerdings nur ein Semester, räumt Lüpertz im dpa-Gespräch ein. Dann sei er exmatrikuliert worden - "wegen einer Schlägerei", brummt er.

Seitdem arbeitete Lüpertz als freischaffender Künstler. Eine Genugtuung dürfte für ihn der Ruf als Rektor an die renommierte Düsseldorfer Akademie im Jahr 1988 gewesen sein. Fast 20 Jahre leitete Lüpertz die Kunsthochschule. Als Rektor war er gefürchtet.

Angst vor dem Tod


Mit den Anfeindungen seiner Kritiker geht Lüpertz gelassen um. "Natürlich will jeder geliebt werden. Und wenn sie das nicht tun, hab ich Pech gehabt." Es gebe viele Leute, die ihn ablehnen, aber auch viele, die in mögen. "Insofern: Was soll's? Man kann es nicht jedem Recht machen." Auf den Geniekult, den er seit Jahren um sich betreibt, möchte Lüpertz allerdings jetzt nicht mehr angesprochen werden. "Hören Sie doch auf damit."

Das Altern macht Lüpertz schon etwas aus: "Ich kann mir das nicht vorstellen, alt zu werden." Er habe auch Angst vor dem Tod. "Das Leben macht mir einen Riesenspaß." Was er unbedingt noch machen möchte? "Das nächste Bild malen. Ich bin ja noch nicht da, wo ich bin. Deswegen brauche ich noch ein paar Jahre."
Das Leben macht mir einen Riesenspaß.Künstler Markus Lüpertz
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