Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und "I Barocchisti" lassen Oper am Zarenhof wieder aufleben
Grandezza, Muff und Taftschleppe

Regensburg.Ganz am Schluss kommt sie noch einmal auf die Bühne und zündet ein letztes Koloraturfeuerwerk. Con grandezza. Stramm wie ein Soldat steht sie da. Im bodenlangen Mantel, die Hände im flauschigen Muff, die dunklen Locken unter einer hoch getürmten "Doktor Schiwago"-Pelzhaube versteckt. Cecilia Bartoli als weißes Mütterchen Russland, was für ein Bild!

Spezialistin für Barock

Gut, dass "La Bartoli" das Ganze mit schalkhaftem Lachen kommentiert, sonst wäre es am Ende zu viel der Show geworden. Andererseits ist es genau das, was das "Gesamtkunstwerk" Cecilia Bartoli ausmacht. Die Mischung aus perfekter Koloraturkunst, quirligem Humor und begnadetem Showtalent, das jeden ihrer Auftritte zum Event macht. So auch im voll besetzten Audimax, wo sie am Samstagabend zusammen mit dem Alte-Musik-Ensemble "I Barocchisti" Station machte, um für ihr neues CD-Projekt "St. Petersburg" zu werben.

Auf dem Programm barocke Arien im Schatten von Händel und Co. Opernkomponisten, die am Zarenhof zu Beginn des 18. Jahrhunderts wirkten. Dazu zählen seiner Zeit gefeierte Größen wie Johann Adolph Hasse oder Nicola Porpora, aber auch bislang unbekannte Namen wie Hermann Raupach oder Francesco Araia, die von Bartoli, der Spezialistin für barocke Neu- und Wiederentdeckungen, aus den Archiven geholt wurden.

Und wer hört, wie Bartoli diese Musik zu neuem Leben erweckt, dem wird schnell klar: doch, "La Bartoli" kann sich ihren Hang zu Schauspiel und Selbstinszenierung - wie zum Beispiel der pompöse Einzug mit meterlanger Taftschleppe - selbstbewusst und guten Gewissens leisten. Betörend ihre Stimme, warm fließend wie gold-glänzender Mandellikör, die noch reifer und sinnlicher geworden ist, und dabei nichts an Leichtigkeit und Beweglichkeit eingebüßt hat. Egal ob sie damit wahnwitzige Koloraturen locker durch ein, zwei Oktaven schickt (Nicola Porpora: "Nobil onda") oder eine Pianissimo-Kultur demonstriert, die ihresgleichen sucht. Aber nicht nur stimmtechnisch trifft Bartoli stets den richtigen Ton.

Schlicht und in anrührender Empfindsamkeit gestaltet sie Musik, die sich an diesem Abend überwiegend von wehmütig leiser Seite zeigte. Verhangene Trauer in den Arien von Francesco Araia ("Vado a morir") und Hermann Raupach (Arie der "Altsesta"), letztere von Bartoli originalgetreu in russischer Sprache vorgetragen. Melancholische Grundstimmung im "Pastor che a notte ombrosa", einer von Solo-Oboe delikat umspielten, barocken Schäferszene. Doch spätestens am Ende des Programms, wenn sich in Arien von Hasse (aus "Clemenza di Tito") und Händel ("Destero dall'empia Dite") erstmals heroischer Furor die Bahn bricht, fährt auch Bühnentier Bartoli ihre Krallen aus.

Witzige Gefechte

Angefangen vom Schäkern mit Dirigent Diego Fasolis - einem dirigentischen Energiebündel, der mit seinem Originalklangensemble temperamentvollen, farbenreichen Begleitservice bot - bis hin zu witzigen Koloraturgefechten zwischen Barocktrompete und vox humana in Agostino Steffanis "A facile vittoria". Bartoli wie man sie kennt: kämpferisch, spontan und Funken sprühend. Am Ende ein rauschendes Zugabenfest, gekrönt von Bartolis Auftritt im weißen Zarinnengewand.
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