Mit singenden Tönen Garten gefüllt

Der Geiger Kolja Lessing präsentiert Georg Philipp Telemanns Fantasien im vollen Dutzend und in Freiluft. Bild: Donhauser

Beim Open-Air-Konzert am Sonntagnachmittag in Wurz gab es keine dröhnenden Gitarren oder Subwoofer, stattdessen überzeugten zarte Melodien die Zuhörer. Nur auf vier Saiten spielte Kolja Lessing quasi enzyklopädisch-dokumentarisch alle zwölf Fantasien von Georg Philipp Telemann für Violine solo.

Die Fantasien entstanden 1735, später als Johann Sebastian Bachs Partiten und Sonaten für Violine und die Suiten für Violoncello senza Basso, welche die kompositorische Messlatte allerdings sehr, sehr hoch legten. Telemann kombiniert eher kurze Sätze, Tanztypen wie bei den Cellosuiten nennt er nur sporadisch. Jede Fantasie zeigt ein anderes "Strickmuster". Etwas weniger als Bach verwendet Telemann Doppelgriffe und Akkorde. Wie Bach lässt er Stimmen die Register wechseln und schafft so die Illusion von Mehrstimmigkeit. Es ist aufschlussreich und herausfordernd, die zwölf Fantasien einmal kumuliert zu erleben. Schwere Kost nach Kaffee und Kuchen.

Lockere Atmosphäre

Kolja Lessing hat sich ihrer schon bei seiner CD-Produktion von 2001 mit Sensibilität und Sorgfalt angenommen. Er spielt sie souverän auswendig, mögen da die Winde wehen wie sie wollen, es gibt nichts von einem Pult zu blasen. In dem kühlen, angenehmen Ambiente des Pfarrgartens Wurz ersteht eine ebenso lockere wie anregende Atmosphäre, die zu konzentriertem Hören animiert. Lessing spielt mit großer Disziplin, analytisch und klar. Er gehört nicht zu den Geigen-Derwischen, die Bogenhaare und Saiten verschleißen und Hemden am Stück durch schwitzen. Seine sichere linke Hand sorgt für sauber intonierte Doppelgriffe, Lagen fordert Telemann nicht zu oft, die E-Saite zickt ab und an. Die Tempi, die Charaktere der Sätze sind auf den Punkt getroffen. Es darf improvisiert werden bei Verzierungen und Wiederholungen von Motiven, bei Überleitungen.

Der elegant geführte Bogen lässt die Töne zum Tragen und Entfalten kommen: So gut kann ein Freiluftkonzert mit Violine solo klingen. In vielen Teilen der Fantasien köcheln die Affekte nur so zwischen den Notenzeilen. Kein Wunder, Telemann war ja auch Opernkomponist.

Klangideal verändert

Es sind teils melancholische, teils dramatisch-cholerische Gesangspartien mit lebendigen rhetorischen Gesten, nur ohne Worte, rein instrumental. Diesen wichtigen Aspekt beleuchtet Lessing wenig. Beim Ensemble "In Paradiso" spielten am Samstag Experten ihres Fachs wunderschön auf Instrumenten mit Darmsaiten und Barockbögen. Lessing benutzt "moderne" Geige und Bogen.

Sie spiegeln das Klangideal des 20. Jahrhunderts, das sich in den über 200 Jahren dazwischen doch ganz schön verändert hat. Sie machen den Ton singend, Saal wie Garten füllend, nehmen ihm aber Farbe und Vielfalt an Artikulation. Als Zugabe Mendelssohns Jägerlied in einem begeisternden Arrangement des Geigers Ferdinand David (1810-1873), ein virtuoses Kabinettstück, von Lessing hinreißend und mit Schmackes serviert.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.wurzersommerkonzerte.de/
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