Musik aus dem Hut gezaubert

Das Prager Blechbläser Ensemble wartete bei den Wurzer Sommerkonzerten mit ständig wechselnder Kleidung auf. Bild: Kempf

Der Auftritt des Prager Blechbläser Ensembles beschließt die Wurzer Sommerkonzerte 2015. Statt mit einem vorgegebenen Programm überraschen die brillanten Musiker mit einer zauberhaften Alternative.

"Wir nehmen mit Wehmut Abschied von der Konzertreihe 2015", sagt Rita Kielhorn bei der Begrüßung der Gäste am Sonntagnachmittag in Wurz. "Musik von Barock bis Jazz - aus dem Hut gezaubert", das Motto ließ nicht auf Anhieb erahnen, wie sich das letzte Konzert in Wurz gestalten würde. Ein Überraschungskonzert war versprochen und auch gehalten worden.

Karel Kucera, Mitglied des Prager Blechbläser Ensembles, ist bereits zum sechsten Mal bei den Wurzer Sommerkonzerten zu Gast und erklärt: "Wir hatten große Probleme, das Programm zusammen zu stellen, wir konnten uns einfach nicht einigen. Deshalb machen wir es uns einfach, wir lassen Sie, unser Publikum, entscheiden." In einem Zylinderhut liegen Papierstreifen, auf denen Komponisten und Musiktitel geschrieben stehen. Kucera geht im Publikum umher und Zuhörer "wählen" jeweils ein Stück. Taktisch geschickt bieten die Musiker Stücke an, die sie einstudiert hatten. Jedoch sorgt der Wahlmodus für einen Überraschungseffekt. Der Nachmittag ist ein voller Erfolg, die Musiker reißen die Zuhörer mit,

Organisatorin Rita Kielhorn murmelt begeistert zu ihrer Nachbarin: "Das ist wirklich ein krönender Abschluss." Recht hat sie. Der tosende Applaus bestätigt dies. Frantisek Bílek (Trompete), Arnold Kinkal (Trompete), Jirí Lisý (Horn), Jan Votava (Tenorposaune) und Karel Kucera (Bassposaune) ziehen alle Register, um das Publikum zu begeistern. Was ihnen problemlos gelingt. Sie feuern eine Vielzahl bekannter wie auch weniger bekannter Stücke ab und steigern sich von Stück zu Stück. Die Spielfreude ist ihnen anzusehen. Sie haben sichtlich Freude an der Harmonie zwischen Vortrag und Reaktion des Publikums.

Stimmige "Garten-Musik"

Es beginnt mit dem "Roundeau" von Jean Joseph Mouret, gefolgt von der "Humoreska" von Antonín Dvorák und der Suite in G-Dur von Georg Philipp Telemann. Das Publikum lauscht, genießt und erkennt. Es folgt die erste Steigerung, das "Air" von Johann Sebastian Bach aus der 3. Suite für Orchester, meisterhaft interpretiert von den Blechbläsern, verursacht Gänsehaut. Wie stimmig kann Musik in einem wunderschönen alten Garten sein. Vor der Pause beeindruckt noch die Interpretation der "Kleinen Nachtmusik" von Wolfgang Amadeus Mozart. Zarte Töne von starken Instrumenten. Wer vermutet in Trompeten, Posaunen und Horn sanfte Töne, die tief berühren? Feinfühlig arbeiten die Musiker mit ihren Instrumenten, bieten Stücke, die nicht unmittelbar mit Blechblasinstrumenten in Verbindung stehen.

Nach der Pause erfolgt ein Wandel, ein Umschwung, der manch konservativen Konzertbesucher vielleicht verunsichert oder ratlos macht. Ist klassische Musik vereinbar mit Kostümierung, Witzigkeit, Albernheiten? Sie ist es. Warum soll Musik nicht in heiterer Form angeboten, von einem Schmunzeln begleitet werden? Musik soll Freude bringen, von Sorgen ablenken oder ein Lächeln in Gesichter zaubern. Und dies gelingt der Gruppe vortrefflich. Bevor der "Triumphmarsch" aus der Oper "Aida" von Guiseppe Verdi erklingt, verschwinden zwei der Musiker. Und kommen kostümiert zurück - in Gewändern und mit Perücken, die an ägyptische Sklaven erinnern. Sie spielen mit extrem langen Trompeten - und begeistern. Das Publikum merkt: Jetzt kommt eine zusätzliche, heitere Note ins Spiel. Spanische Hüte zu "Granada", dem Lied für Tenor und Orchester, geschrieben 1932 vom mexikanischen Komponisten Agustin Lara. Es stammt aus einem Liederzyklus über mehrere spanische Städte, wird heute noch von Tenören weltweit gesungen und reißt noch immer Zuhörer mit. Dem Schweizer Volkslied "Das alte Schloss" folgt "Der Kuckuck".

Ungeduldige Partner

Bassposaunist Karel Kucera hat sichtlich seine liebe Mühe, das mehrseitige Notenblatt auf dem schmalen Notenständer unterzubringen. Die Breite des Notenpapiers lässt einen langen Vortrag erwarten. Die Endseiten hängen vom Ständer hinab, sie lassen sich nicht sinnvoll befestigen. Die Musikerkollegen werden angesichts der erfolglosen Aktion ihres Partners ungeduldig und beginnen mit ihrem Vortrag. Entgeistert greift Kucera in die Hosentasche und holt eine kleine Vogelpfeife hervor. Etwa fünfmal darf er am Stück mitwirken indem er ein "Kuckuck" pfeift. Nicht nur der Louis-Armstrong-Klassiker "What a wonderful world" macht die Zuhörer glücklich. Auch bei "Santa Lucia" oder "It's now or never" von Elvis Presley leuchten nicht nur die Augen der jüngeren Gäste. Dann ist "der Hut leider leer", alle Titel gespielt. Nach drei Zugaben verabschiedet sich das Prager Blechbläser Ensemble vom begeistert klatschenden Publikum. Und mit ihm die Wurzer Sommerkonzerte 2015. Auf Wiederhören 2016.
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