Musiker und Humanist
Kurt Masur gestorben

 
Kurt Masur mit seiner Frau Tomoko Sakurai-Masur in seinem Garten in Leipzig (Sachsen), aufgenommen im Juni letzten Jahres. Der Dirigent starb am Samstag im Alter von 88 Jahren. Archivbild: dpa

Trauer um einen großen Maestro: Dirigent Kurt Masur ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Als Weltstar am Pult prägte Masur als langjähriger Orchesterchef in Leipzig und in New York jahrzehntelang die klassische Musik.

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Leipzig. Die Musik war für den Dirigenten Kurt Masur mehr als nur ein Beruf. "Wenn man alle Menschen der Welt in einen Konzertsaal setzen könnte, würden sie zumindest für zwei Stunden friedvoll sein", sagte er einmal. Am Samstag ist Leipzigs Ehrenbürger Kurt Masur im Alter von 88 Jahren in den USA gestorben.

Der in Schlesien geborene Masur begann schon mit fünf Jahren, sich selbst das Klavierspiel beizubringen. Eigentlich wollte er Organist werden. Doch als 16-Jähriger erfuhr er beim Arzt, dass seine Finger wegen einer genetischen Sehnenverkürzung im Laufe der Zeit verkrüppeln werden. Er sattelte aufs Dirigieren um. Masur studierte an der Musikhochschule Leipzig, bekam dann Kapellmeister-Jobs in Halle, Erfurt und an der Leipziger Oper, war Chefdirigent bei Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin sowie Chefdirigent bei den Dresdner Philharmonikern.

27 Jahre am Gewandhaus


Im August 1970 trat der Ingenieurssohn in die Fußstapfen von Felix Mendelssohn Bartholdy - als Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses. 27 Jahre sollte er dort wirken. "Ich bin mit den Musikern gewachsen. Es war ein Geschenk, ein gegenseitiges Geben und Nehmen", sagte er später. Masur prägte den besonderen Klang des Gewandhausorchesters, absolvierte mit dem Ensemble 900 Tourneekonzerte; zu DDR-Zeiten auch im "kapitalistischen Ausland". 1981 erfüllten ihm die DDR-Oberen sogar den Traum einer neuen Spielstätte. "Ich wurde ausgelacht, als ich sagte, das neue Gewandhaus wird gebaut", erzählte Masur. Das Gewandhaus, einziger Konzerthaus-Neubau der DDR, wurde gebaut.

Politischer Mensch


Die prägende Rolle des DDR-Nationalpreisträgers bei der Revolution hob Bundespräsident Joachim Gauck hervor. "Viele Menschen werden niemals vergessen, wie er sich im Herbst 1989 für grundlegende Veränderungen in der DDR, für die Freiheit der Menschen und die Demokratie eingesetzt hat." Masur selbst hatte in einem dpa-Interview gesagt: "Es ist nicht mehr nachvollziehbar für jene, die es nicht miterlebt haben, was damals geschehen ist. Man kann es nicht erklären, aber etwas ist geblieben: der Geist der Leipziger Erneuerung."

1996 verließ Masur das Leipziger Gewandhaus - und blieb den Konzert-Bühnen der Welt treu. Als Star wollte der vielgefragte Maestro aber nie bezeichnet werden. "Der Unterschied zwischen einem großen Musiker und einem Star ist eklatant", meinte der Dirigent, der über sich sagte, er sei scheu und gehemmt - und der immer an seiner musikalischen Vollkommenheit zweifelte. Weggefährten wie Bernd-Lutz Lange schildern Masur als bodenständig. Statt sich auf die Gästeliste setzen zu lassen, habe Masur auch mal für den Kauf einer Kabarettkarte angestanden. Noch als über 80-Jähriger tourte der Dirigent neun Monate im Jahr um die Welt. "Es hält mich fit, wenn ich weiß, morgens um 10 Uhr ist Probe. Soll ich aufhören und auf den Tod warten?", sagte der Maestro. Auch nach einem Sturz im Frühjahr 2012 in Paris, bei dem er sich das Schulterblatt gebrochen hatte, kehrte er an das Pult zurück. Anfang 2013 brach sich Masur in Tel Aviv bei einem erneuten Sturz die Hüfte und musste operiert werden. Eine Parkinson-Erkrankung, die er selbst öffentlich machte, setzte ihm jedoch zunehmend harte Grenzen.

Masur, der Träumer


Ein bedeutendes Anliegen war ihm bis zuletzt der künstlerische Nachwuchs. Er gab Meisterklassen für junge Dirigenten. Als junger Mensch sei er ein Idealist gewesen, erzählte Masur Anfang 2012 in Leipzig. Und fügte an: "Was ist geblieben von diesem Masur, der ein Träumer war? Gott sei Dank kein eingebildeter Künstler, der meint, dass er besser sei als andere. Gott sei Dank einer, der nichts an Glaubwürdigkeit verloren hat, von dem, was er sagte und sagen wollte."

"Kurt Masur war nicht nur ein herausragender Musiker, sondern auch ein homo politicus. Viele Menschen werden niemals vergessen, wie er sich im Herbst 1989 für grundlegende Veränderungen in der DDR, für die Freiheit der Menschen und die Demokratie eingesetzt hat. ... Wir trauern um einen brillanten Musiker, einen großen Humanisten und einen engagierten Kosmopoliten."

Bundespräsident Joachim Gauck

"Was wir lebhaft in Erinnerung behalten, ist Masurs tiefer Glaube an die Musik als Ausdruck von Menschlichkeit."

Der Vorsitzende der New York Philharmoniker, Matthew VanBesien

"Mit Kurt Masur verliert Deutschland einen herausragenden Dirigenten, der national und international einer der besten Kulturbotschafter seines Landes war und auf der ganzen Welt als großer Maestro geschätzt wurde. "

Kulturstaatsministerin Monika Grütters

"Eine musikalische Legende. Wir werden ihn sehr vermissen."

London Philharmonic Orchestra

"Kurt Masur ist eine außerordentliche Musikerpersönlichkeit sowie ein großartiger Humanist gewesen. Er hat unser Gewandhausorchester und das Gewandhaus geprägt wie kein Zweiter."

Gewandhausdirektor Andreas Schulz

"Für Masur gab es nicht U- oder E-Kunst, sondern nur gute und schlechte. Er hatte so ein erfülltes Leben. Was will ein Mensch mehr erreichen?"

Kabarettist Bernd-Lutz Lange, der 1989 ebenso wie Masur zu den Verfassern des historischen Aufrufs der Leipziger 6 gehörte

"Danke für alles, was du für New York City getan hast."

Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, Alan Gilbert

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